Ein System für die Philosophie
Genau 90 Jahre sind es her, seit Franz Rosenzweigs Chef d’Œuvre «Der Stern der Erlösung» in Frankfurt a. M. erschien. Ein umfassendes Buch mit mehr als 500 Seiten, das eine Reaktion auf die Abschaffung des Konzepts der Offenbarung im Judentum war, die viele deutsch-jüdische Denker des 19. Jahrhunderts betrieben hatten. Rosenzweig, der das Werk in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs verfasst hatte, entwickelte darin eine damals
ungewöhnliches Gedankenspiel: das System der Philosophie. Die Form des Systems war damals weitgehend aus der philosophischen Debatte verschwunden, doch Rosenzweig hat ein Beispiel für ein System gegeben, das selbst zur Erfahrung werden muss.
Mit diesem Thema haben sich Forschende aus der Schweiz, Deutschland, England, Frankreich, Israel sowie den Niederlanden und den USA letzte Woche drei Tage lang eingehend beschäftigt.
Die internationale Tagung wurde vom Hermann-Cohen-Archiv am Philosophischen Seminar der Universität Zürich zusammen mit dem Lehrstuhl für Literatur- und Kulturwissenschaften der ETH Zürich veranstaltet. Sie beinhaltete viele Vorträge und spannende Diskussionen rund um das Denken des Systems von Franz Rosenzweig, versuchte aber auch, die Systemphilosophie breiter, also über Rosenzweig hinaus, in den Blick zu nehmen. «Das ist uns gelungen, weil wir Rosenzweigs Form des Denkens im Gespräch mit anderen, ihm ähnlichen Denkern wie Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Hans Ehrenberg oder Walter Benjamin beleuchtet haben», sagt der Leiter des Hermann-Cohen-Archivs, Hartwig Wiedebach. Der Erfolg der drei Tage, die im Collegium Helveticum und in der Villa Hatt bei traumhaftem Blick auf den Zürichsee und die ganze Stadt abgehalten wurden, lag vor allem darin, dass zum ersten Mal überhaupt «streng systematisch über Rosenzweigs System» reflektiert wurde. «Das philosophische Problem haben wir auf die Hörner gespiesst und versucht, eine grundlegende Idee zu verstehen», sagt Wiedebach.
Der gläubige Philosoph
Diese neu-alte Idee des Systems ist jedoch keinesfalls nur etwas für Häupter der Akademie. Rosenzweig sieht, wie Wiedebach erhellend erklärt, das Entscheidende seines Systems darin, dass es deutlich macht, wie die ursprünglich vereinsamten, bedrohten und stummen Elemente Gott, Welt und Mensch zueinander in Beziehung treten. Um das zu erkennen und tatsächlich nachzuvollziehen, braucht es nach Rosenzweig die jüdische Tradition, den jüdischen Gottesdienst, das jüdische Leben – und ebenso die christliche Tradition, den christlichen Gottesdienst und das christliche Leben. Philosophie und Theologie treten also in ein sehr enges Verhältnis. Für Rosenzweig ist Philosophie eine Glaubenserfahrung, was kritische Geister nicht
wenig provozierte. Nach ihnen dürfen sich Religion und Philosophie zwar in allgemeinen Begriffen begegnen. Doch der je persönliche Glaube übersteigt dieses Verhältnis. Rosenzweig sagte dagegen als Philosoph: «Ich glaube, ich bekenne.»
Gott und Mensch stehen bei ihm über das Gebet und den Gottesdienst hinaus in einem engen Denkzusammenhang. Das zu erfassen, bedeutet nach Rosenzweig den «Stern der Erlösung» zu denken. «Und der formt – sowohl in seiner bildlichen Darstellung als Stern als auch über seinen Inhalt – ein System», sagt Wiedebach über das Werk des jüdischen Philosophen. Wichtig sei es, den «Stern» als Ganzes zu denken und in unmittelbar erfahrbarer Weise Figur werden zu lassen. «Der Philosoph als Person wird zur Form der Philosophie.» Um sich diesen nicht ganz einfachen, aber doch so fundamentalen Gedanken veranschaulichen können, beschreibt ihn Wiedebach auf ein-fache Weise: «Jeder Mensch hat sein persönliches Profil mit all seinen Lebenserfahrungen, seinen Ängsten, seiner Liebe und Eigenschaften, die dazugehören. Das alles macht den Menschen aus, der ich bin, sagt Rosenzweig. Und hieraus gewinnt seine Philosophie ihre Form.» Sie ist Wegleitung: «Ins Leben» sind die beiden letzten Worte im «Stern der Erlösung».
«Ich bleibe also Jude»
Die Erkenntnis der unmittelbaren Lebenserfahrung als grundlegende Idee von Philosophie verhalf Rosenzweig schliesslich, ein normales bürgerlich
jüdisches Leben zu führen, ohne in Abgründe zu versinken. Das Leben namhafter Denker oder Schriftsteller wie jenes von Franz Kafka oder Heinrich von Kleist sind Beispiel genug, dass es nicht jedermanns Sache ist, eine solche Erkenntnis zu gewinnen. Sie haben es nicht geschafft, aus allem, was den Menschen ausmacht, einen Erfolg für sich zu gewinnen. Rosenzweig, der 1886 in Kassel geboren wurde und 1929 in Frankfurt a. M. starb, knüpfte Zeit seines Lebens viele Kontakte, um nicht ausgeschlossen zu sein. So fand am 7. Juli 1913 bei seinem christlichen Vetter, dem Biologen Rudolf Ehrenberg, in Leipzig ein denkwürdiges «Nachtgespräch» zwischen Franz Rosenzweig und dem zum evangelischen Glauben konvertierten Privatdozenten der Rechtsgeschichte Eugen Rosenstock-Huessy statt, durch das Rosenzweig dermassen aus seiner religionsphilosophischen Distanziertheit gerissen wurde, dass er eine Konversion zum Christentum in Erwägung zog. Nach einer Zeit der Besinnung fasste er jedoch den Entschluss – wie er Rudolf Ehrenberg am 31. Oktober 1913 schrieb: «Ich bleibe also Jude.»
Ihm war klar geworden, dass er ein entschieden existentiell-religiöses Leben, das seine Freunde als Christen führten, seinerseits nur als Jude praktizieren könne. Es folgten Monate intensiver jüdischer Studien beim greisen Philosophen Hermann Cohen in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. 1920 ging Rosenzweig daran, das Freie Jüdische Lehrhaus, das Beth Hamidrasch, in Frankfurt a. M. aufzubauen. Aufgabe dieser Bildungseinrichtung war es, Wege zu weisen, wie jüdisches Leben in der Moderne gelingen könne. Zu den dort Vortragenden zählten neben Rosenzweig der Religionsphilosoph Martin Buber, der Chemiker und Philosoph Eduard Strauss, Ernst Simon, Siegfried Kracauer und Erich Fromm. Vor diesem Hintergrund erweist sich Rosenzweigs Philosophie als entscheidend für seine ganze Arbeit im Beth Hamidrasch. Schliesslich sei die Philosophie für den Menschen da und nicht umgekehrt, findet Wiedebach. Das war letztlich auch der Erfolg, den die Tagung mit seinen über 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern – eine stolze Zahl für die Philosophenzunft – verbuchte. Tagungen zu Franz Rosenzweig gab es europaweit schon mehrere. Doch erst diese griff mit der «Denkfigur des Systems» ein Thema auf, das den philosophischen Anspruch Rosenzweigs tatsächlich kompromisslos ernst nahm.