Ein surrealer Wahlkampf
Etliche Monate lang wurde Barack Obama nachgesagt, er sei ein «Teflon-Kandidat», an dem alle Vorwürfe wirkungslos abperlten, so wie dies einst bei dem ewig sonnigen Ronald Reagan der Fall war. Doch dann ist der demokratische Anwärter auf die US-Präsidentschaft über seinen afro-nationalistischen Pastor Jeremiah Wright und die Äusserung gestolpert, weisse Wähler in ländlichen Regionen seien «verbittert» und hielten sich deshalb an «Gott und Gewehren» fest. Diese Worte reibt ihm seit zwei Wochen triumphierend Sarah Palin unter die Nase, die Vizekandidatin des Republikaners John McCain. Und während Obama bei weissen Wählern und vor allem den Wählerinnen in entscheidenden Gliedstaaten wie Ohio, Indiana, Virginia und Florida hinter das Team McCain-Palin abrutscht, ist es die Gouverneurin von Alaska, die sich einer dicken Teflon-Haut zu erfreuen scheint.
Kein Programm
Täglich dringen aus dem hohen Norden neue Sensationsmeldungen über Vetternwirtschaft, kleinliche Fehden und eine christlich-fundamentalistische Agenda in Palins Amtsführung. Derweil zeigte ihr erstes TV-Interview drastisch, dass sie sich mit aussenpolitischen und den meisten innenpolitischen Themen nie zuvor nachhaltig befasst hat. Dies war für Palins Aufstieg und ihre bisherigen Aufgaben auch absolut nicht notwendig. Aber während die US-Medien Palins Eignung für das Weisse Haus zunehmend laut verneinen, schlägt die kesse 44-Jährige nicht nur die konservative Basis der Republikaner in den Bann, sondern zunehmend auch unabhängige Wähler.
Ein Sachprogramm haben McCain und Palin jedoch nicht zu bieten. Dafür hüllen sich beide in den von Obama geliehenen Mantel des Wandels und reden davon, «Washington aufzumischen» und «an der Wall Street aufzuräumen». Dabei war es McCains Intimus Phil Gramm, der als US-Senator die Deregulierung der Finanzindustrie durchgeboxt hat, die nach Bear Stearns und Lehman Brothers zahlreiche weitere Banken in den Ruin reissen könnte.
Republikanische Orthodoxie
Die Demokraten ringen weiterhin um eine angemessene Reaktion, um aus der Defensive heraus zu kommen. Obama weiss, dass ihn sehr viele weisse Wähler immer noch als Aussenseiter betrachten, während sie Palin instinktiv als «eine von uns» erkennen, obwohl - oder vielleicht gerade weil - so wenig über die angriffige «Hockey Mom» bekannt ist. Der erste Eindruck zählt, und so schenken die Wähler den leeren Phrasen und den absurden Attacken von Palin und McCain Glauben, während Obama zwischen Aggression und Sachlichkeit schwankt.
Die Kühnheit der Republikaner stellt die Demokraten vor eine existentielle Probe: Das von George W. Bush zu McCain transferierte Wahlkampf-Team schwärzt Obama mit Lügen an, stellt Palin als «erfahrener» und besser für die Präsidentschaft geeignet dar und geht einfach darüber hinweg, dass die Konservativen seit acht Jahre am Ruder sind. Bei den wenigen Differenzen, die McCain etwa bei der Steuerpolitik mit Bush hatte, ist er längst zur republikanischen Orthodoxie geschwenkt.
Gewagte Nahost-Politik
Misstrauen hat Palin allenfalls unter jüdischen Wählern geweckt, die gerade in Florida erneut eine bedeutende Rolle spielen werden. Wie der Politologe Jacques Berlinerblau unlängst in der Washington Post erklärt hat, tendieren ältere Juden zu Kandidaten, die sich für Israel stark machen. Aber jüngere «Mitglieder des Volkes» seien irritiert über die Assoziation Palins mit den missionarischen «Juden für Jesus» und dem republikanischen Israel-Feind Pat Buchanan. Dass sie den Darwinismus ablehnt und persönlich vor einer Abtreibungsklinik in Alaska demonstriert hat, macht sie bei den moderaten und gebildeten amerikanischen Juden auch nicht beliebter.
Aber Palin hat sich in ihrem Intensiv-Kurs, den sie bei dem ehemals demokratischen Senator Joe Lieberman und den Neocon-Beratern McCains absolviert, zumindest die «Falken-Position» in der Nahost-Politik angeeignet: Palin hat bereits erklärt, sie würde den jüdischen Staat keinesfalls an einem Angriff auf die iranischen Nuklearanlagen hindern.
Andreas Mink