Ein schwarzes Quadrat und seine Folgen
Von Walter Labhart
Sein legendäres «Schwarzes Quadrat» auf weissem Grund wirkte, als es 1915 in der Ausstellung «0.10» in St. Petersburg erstmals gezeigt wurde, wie ein kunsthistorischer Paukenschlag: Kasimir Malewitsch (1878–1935) erreichte damit den Nullpunkt der gegenständlichen Reduktion. Gleichzeitig schuf er die Grundlage einer abstrakten Formensprache, die sich auf Quadrat, Kreis und Kreuz konzentrierte und die Fläche ins Zentrum des künstlerischen Interesses stellte. Malewitsch sah in der quadratischen schwarzen Fläche «die erste Ausdrucksform der gegenstandslosen Empfindung», die er selber als Suprematismus bezeichnete. Jenes berühmte Bild war für ihn eine «nackte, gerahmte Ikone». In der eingangs erwähnten Ausstellung hing das Gemälde quer über eine Wandecke, wo es exakt die Stellung einer Ikone im sogenannten «schönen Winkel» in den Bauernhäusern orthodoxer Russen einnahm.
Der Maler war sich der spirituellen Bedeutung und metaphysischen Wirkung seines Vorstosses in künstlerisches Neuland bewusst, meinte er doch zum Kollegen Iwan Kljun: «Vielleicht werde ich Patriarch irgendeiner neuen Religion.» Da er seit seiner Jugend von einer schöpferischen Mission träumte, rief er seine Malschüler auf: «Schwebt mir nach, Genossen Aviatoren, ins Unergründliche!»
Aufbruchzeit der sowjetrussischen Kunst
Wie aus der von Friedemann Malsch kuratierten Ausstellung in Vaduz hervorgeht,
folgten seinem Ruf zahlreiche Künstlerinnen und Künstler von heute
hohem Ansehen. In Polen taten dies Katarzyna Kobro und Wladyslaw Strzeminski,
in Ungarn Lajos Kassak und László Moholy-Nagy, in Deutschland
die «Sturm»-Künstler Erich Buchholz und Walter Dexel. Nebst
Iwan Kljun und Nikolai Suetin, den wichtigsten Mitstreitern von Malewitsch,
nimmt in der Ausstellung der Maler und Designer Ilja Tschaschnik (1902–1929)
eine herausragende Stellung ein. Der aus Lettland stammende jüdische Künstler
studierte an der Kunstschule in Witebsk erst in der Werkstatt von Marc Chagall,
danach in der von El Lissitzky übernommenen Werkstatt für Grafik,
Druckwesen und Architektur, um schliesslich ein Meisterschüler von Malewitsch
zu werden. Kreuzformen bilden das kompositorische Grundgerüst sowohl der
diversen Ölbilder mit dem Einheitstitel «Suprematismus» von
1922 bis 1925 als auch eines «Kreuz und Kreis» genannten Architekturmodells
aus Gips und sogar eines Porzellantellers.
Der in der Zürcher Galerie Orlando wiederholt mit erstrangigen Gemälden
vorgestellte Mitbegründer der Witebsker Künstlervereinigung Unowis
figuriert in der Ausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein überdies mit
einem bemerkenswerten «Suprematistischen Ornament». Es weist auf
die seriellen Verfahren von Richard Paul Lohse und anderer Künstler aus
dem Kreis der Zürcher Konkreten voraus und liefert ein besonders schönes
Beispiel für die Übertragung suprematistischer Ideen auf angewandte
Kunst.
Der Gruppe Unowis gehörte als eine der engsten Mitarbeiterinnen von Malewitsch auch Nina Kogan an, die um 1942 vermutlich in einem stalinistischen Arbeitslager umkam. Sie fehlt jedoch in Vaduz und war auch 1992 in der Frankfurter Monsterschau «Die grosse Utopie. Die russische Avantgarde 1915–1932» nicht anzutreffen. Gezeigt wurden dort aber die folgenden jüdischen Avantgardisten aus jener Aufbruchzeit der sowjetrussischen Kunst: Natan Altman, Alexandra Exter, Naum Gabo, Anton Pevsner, Efim Rojak, David Schterenberg, Solomon Telingater, Josef Tschaikow, Alexander Tyschler, Michail Weksler und der Chagall-Schüler Lew Ziperson.
Lissitzky und Moholy-Nagy
Spezielle Akzente setzen in Vaduz mit El Lissitzky (Lasar Lisizky) und László Moholy-Nagy zwei jüdische Avantgardisten, die wie Marc Chagall und Alexandra Exter zu den Konstanten der Galerie Orlando zählen. Während die künstlerische Vielseitigkeit von El Lissitzky mit Skizzen zu architektonischen Raumgestaltungen, mit den Farblithografien «Sieg über die Sonne» und mit der Fotomontage «Wolkenbügel» in unmittelbarer Nähe zu Malewitsch vor Augen geführt wird, dokumentieren die Werke von Moholy-Nagy den durch Bauhaus-Eindrücke gefilterten Einfluss von Malewitsch nur noch mit dominanten Kreisen.
Mit einem intensiv leuchtenden «Roten Kreuz» in seltsam gebrochener Perspektive sticht der Malewitsch-Schüler Lasar Chidekel aus Witebsk hervor, mit eigenwilligen «Farbkonstruktionen» macht sich Wladimir Stenberg bemerkbar. In der von einem reich bebilderten Katalogbuch (236 Seiten, 59 Franken) begleiteten Ausstellung verdienen nebst den eigenständigen Beiträgen jüdischer Künstler auch die suprematistischen Meisterwerke von Russinnen wie Ljubow Popowa und Olga Rosanowa ihrer Einfallskraft und formalen Klarheit wegen beachtet zu werden.