Ein Schnitt ins eigene Fleisch
Die Erklärung des Rats der Thoraweisen gegen Computer, CD, Film und Internet enthält eine lange Liste von Restriktionen bzgl. des Gebrauchs von Computern und verfügt ein striktes Verbot gegen die Benutzung des Internets, das eine «schreckliche Gefahr für das jüdische Volk» darstelle. Weit ist der Weg von dieser Erklärung bis zurück zu den Tagen, in denen die charedische Gemeinschaft im Computer eine Methode sah, mit der die Frau die Familie unterstützen konnte, ohne das Haus zu verlassen. Was aber einst als Schutz gegen einen übertriebenen Kontakt mit der nicht-religiösen Welt betrachtet worden ist, wird heute offensichtlich als potentieller Eindringling gefürchtet, der mit Hilfe des Internet in der Lage ist, die hohen halachischen Mauern einzureissen, welche die charedische Gemeinschaft rund um sich aufgerichtet hat. Alle Aspekte der sekulären Kultur, vor welchen charedische Lehrer bisher ihre Kinder mühevoll abgeschirmt haben, ist nun über die Telefonlinie leicht zugänglich geworden: Freizeitaktivitäten, der Mythos romantischer Liebe, modernes gesprochenes Hebräisch und die problemlose Kommunikation mit anderen, meist sekulären Web-Surfern.
«Ruin und Zerstörung über ganz Israel»
Hillel, die gemeinnützige Organisation für Menschen, die sich einer nicht-religiösen Lebensweise verschrieben haben, berichtet, sie habe im letzten Jahr doppelt so viele Anfragen wie früher erhalten. Die Thoraweisen, die sich dieses Trends bewusst zu sein scheinen, führen die Entwicklung auf das Internet zurück. Zuerst bildeten sie ein rabbinisches Gericht für «Computer-Einbrüche» (in die Mauern religiöser Isolation). Der Beschluss des Gerichts, der als halachische Basis für die Entscheidung der letzten Woche diente, erinnert an den harten Bann, der vor 30 Jahren gegen das Fernsehen gefällt worden war. Dann hält er fest, dass das Internet eine «tausendmal grössere Gefahr» sei die «Ruin und Zerstörung über ganz Israel» bringen könne. Das Internet setze künftige Generationen Israels Gefahren aus, wie keine andere Bedrohung, seitdem Israel zur Nation geworden ist.
Gemäss «Yated Neeman», der Zeitung der Degel Hatorah-Partei, ist das Gericht zum Schluss gelangt, Internet sei «der weltweit führende Grund zur Versuchung, der zu Sünde und Abscheulichkeiten der schlimmsten Art aufhetzt und ermutigt». Zeugen sagten vor dem Gericht aus, Benutzer des Internets würden sich «allen Krankhaftigkeiten einer korrupten Kultur» aussetzen und ihr geistiges Wohlbefinden gefährden.Berufstätigen, deren Lebensunterhalt vom Internet abhängt, auferlegt der Gerichtsbeschluss die Verpflichtung, «jeden nur möglichen Weg zu suchen, den Gebrauch zu reduzieren» und das Instrument nur am Arbeitsplatz zu benutzen. Alle Personen, die keine konkrete Erlaubnis erhalten haben, sind demzufolge aufgerufen, den Internet Browser aus ihrem Windows-Programm zu eliminieren oder einen Fachmann zu bitten, dies zu tun. Das rabbinische Gericht der «Eda Charedit», einer besonders strikten Gruppe im Jerusalemer Mea Shearim-Viertel, publizierte eine eigene, noch schärfere Formulierung, in der die Benutzung von Internet auch für kommerzielle Zwecke verboten wird. Das Internet wird dort als «tödliches Gift, das Seelen verbrennt», gebrandmarkt.
Paradoxe Situation
Nach den rabbinischen Beschlüssen der letzten Woche stellt sich nun die Frage, was mit den dutzenden von charedischen Web Sites zu geschehen hat, die auf dem Internet bereits existieren, wie etwa das charedische Portal «Torahunt». Paradox ist, dass zu den Unterzeichnern auch die Rabbiner Shimon Bahadani und Shalom Cohen des Rates der Thoraweisen von Shas gehören. An der Spitze dieses Rates steht Rabbi Ovadia Yosef - der über eine eigene Web Site verfügt.
© Haaretz