Ein rästelhafter Binyamin Netanyahu

December 11, 2008
Yoel Marcus zur Lage in Israel

Wenn jemand auf einer Bananenschale ausrutscht, haben Passanten oft Mühe, ein lautes Lachen zu unterdrücken. Wenn dieselbe Person am nächsten Tag in einen Hundedreck tritt, pflegen Passanten zu sagen: Armer Kerl, gestern eine Bananenschale, heute ein Hundehaufen. Wenn aber dieselbe Person kurz darauf in einen Telefonmast rennt, werden die Passanten zum Schluss gelangen, das Problem liege beim Trottel selbst, der offenbar immer in irgendeine Patsche gerät.

Die Computerpanne, welche die erste Auflage der Primärwahlen der Arbeitspartei (IAP) zu einem Moment sabotierte und zum Gelächter der Nation machte, da die Partei sich sowieso schon in der Talsohle der öffentlichen Meinung bewegt, lässt den Schluss zu, dass es sich hier nicht nur um ein zufälliges Missgeschick handelt, sondern um ein Serienproblem, jongliert die IAP doch seit einer Weile schon am Rande des Abgrundes.

Vor dem Hintergrund der schlechten Position der IAP, die in den jüngsten Umfragen zum Ausdruck gelangte, und der Verlegenheit bei Kadima, deren Zauber und Stärke sich vor allem wegen Ehud Olmert verflüchtigen, erscheint der Likud unter Binyamin Netanyahu immer klarer als die stabilere Option. Die Partei hat nicht nur ihre Chancen verdreifacht, aus den kommenden Wahlen als Siegerin hervorzugehen – auch ihr Vorsprung gegenüber Kadima wird immer grösser. Zurzeit beträgt er sechs bis sieben Mandate.

Binyamin Netanyahu war von Juni 1996 bis Juli 1999 Israels Premierminister. Nimmt man die Art seines Verhaltens an der Auslinie in den letzten acht Jahren als Gradmesser, scheint es, er habe seine Lektion besser gelernt als Ehud Barak. Und jetzt befindet er sich auf dem Weg zu einem grandiosen Comeback.

Itzhak Rabin brauchte 15 Jahre, um sich vom gescheiterten Premierminister zum geliebten Staatsmann mit einer weltweiten Gefolgschaft durchzumausern. Und Barak war beim Penthouse-Kauf in den Tel Aviver Akirov-Türmen erfolgreicher als bei seinem Versuch, sich als der neue Führer der Arbeitspartei zu porträtieren.

Auf den ersten Blick scheint Netanyahu stark verändert. Einige sagen, er habe einen Reifeprozess durchgemacht und seine Possen und sein demagogisches Verhalten aufgegeben. Er würde heute, so sagt man, nicht mehr den Rabbinern ins Ohr flüstern, dass die Angehörigen der Linken keine Juden seien. Seine Frau Sara steht ihm nicht mehr wie ein Schatten ständig zur Seite, mit einem breiten Grinsen von Ohr zu Ohr. Und einige Mitglieder der internationalen Gemeinschaft sehen in ihm sogar einen aussergewöhnlich guten Ökonomen.
Bibi, wie Netanyahu genannt wird, hatte die politische Szene bereits verlassen, genauso wie Menachem Begin, der sieben Wahlen nacheinander verloren hatte. Als Begin dann gewann, schmiedete der unvergessliche Pinchas Sapir folgenden Satz: «Denn der aufrechte Mann fällt sieben Mal und erhebt sich wieder.» Netanyahu ist vielleicht kein Weiser, doch ist er zweifellos zu tiefgründigeren Überlegungen fähig, als man aufgrund seiner hetzerischen Reden vermuten würde.

Um Ariel Sharon zu zitieren: «Was man von hier aus sieht, das sieht man nicht von dort.» Die wichtigste Lehre, die Netanyahu seinen Freunden gemäss gezogen hat, ist, dass die Dinge ganz anders aussehen, wenn man an der Spitze sitzt.

Kadima und Likud können zusammen eine breit abgestützte, gemässigte Regierung bilden. Konkret wird der Kampf zwischen den zwei Fraktionen des Likud ausgetragen. Sharons Likud, der heute Kadima heisst, ist im Wesentlichen ein gestohlener Likud – ein Likud, der sich von den radikalen Rechten abgewandt und sich auf das Zentrum der politischen Landkarte hinzu bewegt hat. Die Person, die Kadima ein linkslastiges Mäntelchen umgehängt hat, ist der abtretende Premier Ehud Olmert. Kein Kadima-Mann, auch nicht Sharon, hat je derart deutlich vom völligen Aufgeben der Gebiete gesprochen, wie dies Olmert getan hat.

Netanyahus Behauptung, der absolute Frieden mit den Palästinensern werde sich nicht mehr in unserer Generation einstellen, ist nicht so weit hergeholt, wie es tönen mag. Bibi ist eher wortkarg, wenn es um seine persönlichen Ansichten geht. Es gibt allerdings Anzeichen dafür, dass er imstande sein könnte, Kadima zu stehlen, wenn er an seiner Linie festhält.

Das Ködern von neuen Mitgliedern, Benny Begin und Dan Meridor beispielsweise, die beiden Prinzen mit entgegengesetzten Ansichten, gestattet ein sehr breites Denkspektrum. Einige der Neuankömmlinge im Likud erscheinen wie Ausserirdische von einem anderen Planeten. Von Uzi Dayan bis Moshe Yaalon sind es ausnahmslos Sprösslinge der Arbeiterbewegung.

Bibis Vater, der Historiker Benzion Netanyahu, könnte seinen Sohn daran erinnern, was Zeev Jabotinsky nach Chaim Arlosoroffs Ermordung gesagt hat: «Wir werden die Seelen eurer jungen Leute nehmen, Kain.» Seither ist eine viel Zeit verstrichen, doch Stück für Stück wird diese Prophezeiung wahr im Likud. Gleichzeitig gelingt es Netanyahu, den Rechtsextremisten Moshe Feiglin und seine Gefolgschaft zu neutralisieren.

Bewegt sich Netanyahu in Richtung Zentrum oder will er uns austricksen? Schwer zu sagen. Alle sind sich darin einig, dass er bis jetzt noch keinen Fehler begangen hat, doch das reicht nicht. Hat er wirklich einen ideologischen Wandel durchgemacht, oder sind wir nur Zeugen einer raffinierten Kampagnen-Taktik? Israels Wahlvolk will wissen, in welche Richtung Netanyahu marschiert.
Sprich zu uns, Bibi. Und zwar unverzüglich.