Ein Plädoyer für Ausgeglichenheit
Von Antony Lerman
Sollen die Diaspora-Juden in der israelischen Politik mitreden können, beispielsweise wenn die Regierung über den zukünftigen Status von Jerusalem entscheidet oder ein Friedensabkommen aushandelt? Die meisten Israeli würden dazu indigniert «Nein» sagen. Ich nehme an, dass die meisten Juden in der Diaspora genauso reagieren würden, wenn auch ohne die Empörung. Aber genau diese Forderung hat Ronald Lauder, der neue Präsident des World Jewish Congress (WJC), ins Gespräch gebracht.
Lauder – Milliardär, Philanthrop und ehemaliger US-Botschafter in Österreich – hat in einem offenen Brief an Premierminister Ehud Olmert geschrieben: «Es ist unvorstellbar, dass der Status der Heiligen Stadt verändert wird, ohne dass das jüdische Volk als Ganzes bei dieser Entscheidung mitreden kann.» Lauder ging davon aus, dass die israelische Regierung und die Palästinensische Autonomiebehörde eine Vereinbarung über den Status von Jerusalem aushandeln würden. Lauder steht dem ehemaligen Premier und Spitzenpolitiker der Likud-Partei Binyamin Netanyahu nahe. Dieser ist bekannt für seine Opposition gegen jede Abmachung, welche die Souveränität Israels über die gesamte Stadt Jerusalem verwässern würde.
Dass Lauders Forderung in Israel auf ein frostiges Echo stiess, überrascht nicht. Auch Knesset-Mitglied Shai Hermesh (Kadima), der die israelische Unterorganisation des WJC leitet, kritisierte den Brief. Hermesh sagte, das Schreiben hätte nicht unter dem offiziellen Briefkopf des Verbandes aufgesetzt werden sollen, und er erklärte gegenüber der Jewish Telegraphic Agency, Lauder solle «in Betracht ziehen, dass Juden in der Diaspora niemals, niemals, niemals zuvor Entscheidungen für Israel getroffen hätten». Hermesh vertrat die Ansicht, dass allein israelische Staatsbürger berechtigt seien, eine Entscheidung über die Zukunft ihres Landes zu treffen. Olmert setzte ein stärkeres Signal, als er kurz nach Veröffentlichung des Briefes einen geplanten Auftritt vor dem Aufsichtsrat des WJC in Jerusalem absagte. Laut der Zeitung «Haaretz» haben Vertraute Olmerts und WJC-Spitzenfunktionäre übereinstimmend erklärt, die Absage sei nicht aus den offiziell angegebenen terminlichen Gründen geschehen, sondern als Protest gegen den offenen Brief zu verstehen. Olmert hat jedoch erklärt, er hätte den WJC nicht als Reaktion auf Lauders Brief gemieden.
Kurz nach Lauder liess sich der neue Präsident des European Jewish Congress (EJC), Moshe Kantor, zu der Thematik hören. Kantor, ein russischer Oligarch mit Wohnsitz in Genf, ging noch weiter als Lauder und erklärte gegenüber «Haaretz»: «Die israelische Führung sollte anerkennen, dass alle Juden der Welt das Recht haben, an Wahlen in Israel teilzunehmen. Wenn jeder, der mindestens einen jüdischen Grossvater oder eine jüdische Grossmutter hat, berechtigt ist, aufgrund des einschlägigen Gesetzes Alija zu machen, dann sollten wir diese Leute auch in anderer Hinsicht gleichberechtigt machen.» Als Präsident der europäischen WJC-Gliederung hat sich Kantor jedoch nicht nur auf diesen ebenso zentralen wie komplexen und konfliktträchtigen Aspekt der jüdischen Identität eingelassen. Er hat darüber hinaus die Gefahr des Antisemitismus in Europa übertrieben, ein verzerrtes Bild über die Haltung des Alten Kontinentes gegenüber dem Holocaust gezeichnet und sich dafür ausgesprochen, Iran mit Waffengewalt zu drohen.
Lauder und Kantor agieren vermutlich aus einer Kombination von Motiven heraus. Lauder signalisiert eine Abkehr von der politischen Position seines Vorgängers Edgar Bronfman. Dieser wurde dafür kritisiert, dass er den WJC öffentlich mit Politikern aus dem linken Flügel Israels assoziiert hat, als er unter seinem eigenen Briefkopf an Präsident George Bush geschrieben und diesen gedrängt hat, Druck auf Israel auszuüben, um einen Stopp des Siedlungsbaus zu erreichen. Kantor hat vermutlich ähnliche politische Ansichten wie Lauder, aber die Bandbreite und die Deutlichkeit seiner Äusserungen «Haaretz» gegenüber legen die Vermutung nahe, dass er eher durch den Wunsch bewegt wird, seinem europäischen Publikum Führungsstärke zu demonstrieren, als eine ernsthafte Diskussion in Israel auszulösen.
«Du kannst nicht beides haben»
Den beiden Herren ist es gelungen, die Spannung ans Tageslicht zu bringen, die dem Wunsch von Juden in der Diaspora, in die inneren Angelegenheiten Israels einzugreifen, seit jeher innewohnt. Die Grundlage der Beziehung zwischen Israel und der Diaspora war traditionell die finanzielle, moralische und politische Unterstützung des jüdischen Staates durch die Diaspora-Juden, während die Diaspora wiederum das Recht Israels respektierte, seine eigenen nationalen Entscheidungen souverän zu treffen, da nur die im Lande lebenden Israeli auch die Konsequenzen ihrer Politik zu tragen hätten. Juden in der Diaspora, so dieser Gedanke weiter, leben eben nicht in Israel und haben auch dann kein Recht, dessen Politik zu bestimmen, wenn sie dem Staat mit grösster Intensität verbunden sind.
Der hoch angesehene israelische Politologe Shlomo Avineri hat diese Position in Reaktion auf Lauders Forderung erneut vorgebracht. In einem scharf formulierten Beitrag für den «Jewish Exponent» hat der alt gediente Wissenschaftler am 17. Januar 2008 erklärt: «Dies ist eine hoch problematische Position. Ernst genommen untergräbt sie – ungeachtet all seiner gegenteiligen Beteuerungen – die Souveränität Israels.» Avineri fuhr fort: «Ohne in die simplizistische ‹Negierung der Diaspora› des Zionismus zu verfallen, handelt es sich hier um den Unterschied zwischen einem Leben im jüdischen Staat und schlicht gesagt der Entscheidung, woanders zu leben. Denjenigen in der Diaspora, die sich so stark für die hiesigen Angelegenheiten interessieren, stand es seit jeher frei, sich uns hier im freien Land der Juden anzuschliessen. Ich respektiere eure Entscheidung, nicht in Israel zu leben. Aber die bringt mit sich, dass ihr nicht an der Souveränität des jüdischen Volkes teilhaben könnt, die in Israel ihren Ausdruck findet. Ihr könnt schlicht nicht beides haben.»
Avineri hat zweifelsohne Recht im Hinblick auf die Souveränität Israels. Und wenn Lauders Vorschlag diese untergräbt, dann zerstört sie der von Kantor vollkommen. Genauer betrachtet, stellen Kantors Bemerkungen einen fundamentalen Rückschritt dar. Indem er für Juden in der Diaspora das israelische Wahlrecht verlangt, verletzt er nicht nur das Grundprinzip der Souveränität des Staates Israel, sondern er untergräbt auch den Status der europäischen Juden: Kantor stellt deren Loyalität zu den Staaten in Frage, in denen sie Bürger sind. Für den Mann, der für sich in Anspruch nehmen kann, die Juden Europas zu vertreten, ist das eine erstaunliche Aussage. Dass jemand, der sich immerhin so weit um die Zukunft der europäischen Juden sorgt, dass er sich wie Kantor zu ihrem führenden Sprecher wählen lässt, sich zu derart verantwortungslosen und für seine Gemeinden potenziell gefährlichen Äusserungen hinreissen lässt, sprengt das Vorstellungsvermögen.
Avineri sagt ja mit keinem Wort, dass Juden in der Diaspora ignoriert werden sollten. Er schreibt: «Die Stimmen der Juden in der Diaspora sollten in Israel gehört und ernsthaft diskutiert werden. (…) Wir alle hier in Israel heissen die ernsthafte, tiefe Anteilnahme der Juden in aller Welt für den jüdischen Staat willkommen. Wir wissen, wie bedeutsam dies für die Zukunft aller Juden ist. Eure Stimme sollte gehört werden, aber die letzten Entscheidungen über Krieg und Frieden, den Preis eines Krieges oder die Kosten für den Frieden stehen der souveränen Vertretung der Staatsbürger Israels zu.»
Am Kern der Frage vorbei
Für Zweifel an der Ernsthaftigkeit Avineris besteht kein Anlass. Dennoch gehen beide Positionen, die von Lauder und Kantor sowie die von Avineri, am Kern der Frage vorbei. Dies wird am deutlichsten durch Avineris Aussage: «Macht ohne Verantwortung ist unmoralisch und gewissenlos.» Das mag prinzipiell zutreffen. Aber einen derart gravierenden Vorwurf an die Idee einer Mitwirkung von Juden in der Diaspora beim politischen Entscheidungsprozess in Israel zu richten, ist doch zutiefst unaufrichtig. Denn während dieser Gedanke absolut keine Chancen hat, realisiert zu werden, findet die Intervention in der entgegengesetzten Richtung Tag für Tag statt und zeitigt gefährliche Konsequenzen.
Das fängt schon damit an, dass jeder prominente israelische Politiker ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass er sich zum Sprecher der Juden in aller Welt aufwerfen kann. Dies geht ganz natürlich aus der zionistischen Sicht der Dinge hervor, die dem jüdischen Staat ebendiese Rolle des Vertreters aller Juden zusprach. Die israelischen Akademiker Yossi Shain und Barry Bristman haben dies so zusammengefasst: Israel hat «die Rolle übernommen, alle Gemeinden der Sippe, den jüdischen Glauben und die demografische Zukunftsfähigkeit der Nation zu beschützen». Diese Auffassung impliziert, dass Israel stets im Interesse aller Juden handelt. Aber während der erste und am längsten amtierende Premier des Landes, David Ben Gurion, einmal gesagt hat: «Wir müssen die Interessen der Juden in der Diaspora berücksichtigen», so setzte er hinzu: «Aber nicht in dem, was sie für ihr Interesse halten, sondern es liegt an uns, ihr Interesse zu definieren. Wenn die Existenz Israels zur Disposition steht und die Interessen anderer Juden nicht mit denen unseres Staates übereinstimmen, dann haben die israelischen Interessen Vorrang – weil Israel essenziell für die Juden der Welt ist.» Daraus leiten israelische Politiker ab, dass es ihnen freisteht, zu behaupten, dass jede ihrer Handlungen im Namen des jüdischen Volkes oder für es unternommen wird – auch wenn sie in den Krieg ziehen. So hat Ehud Olmert einem amerikanischen Publikum während des Libanon-Kriegs im Sommer 2006 erklärt: «Ich bin davon überzeugt, dass dieser Krieg von allen Juden geführt wird.»
Wir wissen, dass eine solche Politik und die gezielten Mordanschläge, die Belagerung von Gaza oder die Reduzierung der dortigen Stromversorgung gravierende Auswirkungen auf die Juden in der Diaspora haben können. Untersuchungen haben belegt, dass judenfeindliche Gewalttaten im Einklang mit Perioden erhöhter Spannung im Nahen Osten zu- und abnehmen, vor allem dann, wenn Israel bestimmte Aktionen vornimmt, die als besonders hart wahrgenommen werden oder grosses Blutvergiessen zur Folge haben. Daher kann jeder Jude, sei er nun Zionist oder Anti-Zionist, Gemeindemitglied oder nicht, politisch engagiert in Bezug auf Israel oder neutral, direkt von den Entscheidungen Israels betroffen werden. Dieser Effekt wird noch durch die ständige Gewohnheit führender israelischer Politiker verstärkt, das Schicksal ihres Staates in aller Öffentlichkeit mit dem aller Juden weltweit zu verknüpfen.
Wer nun darauf festgelegt ist, Israel unabhängig von dem Gebaren seiner Regierung in jedem Fall zu unterstützen, der mag denken, dass er die Pflicht hat, das Angenehme mit dem Widrigen zu nehmen. Man geniesst die Vorteile, die Israel etwa im Hinblick auf die Stärkung der jüdischen Identität bewirkt, leidet, wenn israelische Aktionen öffentlichen Ärger provozieren und bestimmte Leute dazu animieren, völlig ungerechtfertigt anti-jüdische Übergriffe zu lancieren. Aber Juden, deren Identität stolz in der Diaspora-Tradition wurzelt ist, die als Zionisten der israelischen Regierung kritisch gegenüberstehen, den Zionisten neutral betrachten oder diesen sogar ablehnen – müssen dennoch die Widrigkeiten hinnehmen, ohne die genannten Vorteile geniessen zu können. Und es besteht keinerlei Möglichkeit und es existiert kein Forum für einen ernsthaften Dialog mit Israeli darüber, wie Juden in der Diaspora von den Handlungen Israels betroffen werden. Dennoch masst sich die israelische Regierung nicht nur das Recht an, zu behaupten, dass sie im Namen aller Juden weltweit agiert. Jerusalem nimmt auch für sich in Anspruch, über die Köpfe der betroffenen Gemeinden hinweg Erklärungen abzugeben und mit Regierungen oder überregionalen Institutionen über die Bekämpfung des Antisemitismus zu verhandeln. So hat Israel verlangt, dass der 2004 initiierte Dialog zwischen Jerusalem und der EU auch Massnahmen zur Bekämpfung des Antisemitismus umfassen soll. Das mag unkontrovers und nicht überraschend klingen, aber Israel hat sich tatsächlich (wie Shain und Bristman gezeigt haben) nur selektiv zu einer Verdammung des Antisemitismus entschlossen und seine eigenen nationalen Interessen dabei über die der betroffenen jüdischen Gemeinden gestellt.
Auf diese Weise demonstriert Israel, dass es die Macht hat, die Existenz der Juden in der Diaspora bewusst oder unbewusst zu beeinflussen, ohne dafür die Verantwortung zu übernehmen. Israel erwartet von Juden in der Diaspora, die eigene Politik hinzunehmen und zu unterstützen. Es stimmt zwar wie Shlomo Avineri dem Prinzip zu, dass jüdische Stimmen gehört werden sollen. Aber Israel ist nur zu schnell bereit, deutliche, öffentlichen Dissens anderer Juden als Tnreuelosigkeit auszulegen oder ihnen Hilfeleistung für Antisemiten zu unterstellen. Gleichzeitig ist Jerusalem nicht bereit, Rücksicht auf die Konsequenzen zu nehmen, die auf Juden zukommen, wenn israelische Politik allgemeine öffentliche Empörung im Ausland provoziert.
Wandel durch Dialog
Die Schlüsselfrage ist damit nicht, ob den Juden in der Diaspora ein Mitspracherecht über den Status von Jerusalem eingeräumt werden soll, oder ob sie an israelischen Wahlen teilnehmen dürfen, sondern ob sie irgendeine Möglichkeit haben, etwas in Bezug auf die Äusserungen israelischer Politiker oder politische Entscheidungen der Regierung in Jerusalem zu unternehmen, die ihre Existenz direkt betreffen. Es sollte zumindest dazu kommen, dass alle Beteiligten diesen Tatsachen ins Auge schauen. Juden in der Diaspora und Israeli sollten die Gelegenheit bekommen, diese Situation gemeinsam zu diskutieren. Dafür ist weder das Stimmrecht für Juden in der Diaspora notwendig noch die Involvierung der veralteten zionistischen Organisationsstrukturen. Dafür muss auch kein «Internationaler jüdischer Beirat» oder ein überstaatliches Parlament geschaffen werden. Es wäre völlig ausreichend, wenn Juden in der Diaspora und Israeli zu einem zivilgesellschaftlichen Dialog auf verschiedenen Ebenen kommen würden, damit sie sich über die sie gemeinsam betreffenden Tatsachen klar werden und den notwendigen Wandel einleiten können.
Die traditionelle Grundlage der Beziehung zwischen Israel und den Juden in der Diaspora ist überholt. Es kann nicht mehr angehen, dass Diaspora-Juden ihre Meinung kundtun können, aber Israel darauf besteht, am besten zu wissen, was gut für die Juden insgesamt ist – und dass nur diejenigen bei israelischen Angelegenheiten mitreden können, die auch dort wohnen. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: Israel geht davon aus, von Juden unterstützt zu werden, und fordert dies auch. Und es benutzt diese reale oder imaginierte Unterstützung zur Rechtfertigung seiner Politik. Viele Führungspersönlichkeiten der Juden in der Diaspora decken dieses Vorgehen. Gleichzeitig negiert Israel, dass es ausserhalb lebenden Juden zusteht, ihre Kritik ernsthaft vorzubringen und Israeli von ihrem Grundrecht auf Autonomie zu überzeugen. Shlomo Avineri verwahrt sich zu Recht dagegen, dass Lauder zwei Dinge will, die nicht miteinander vereinbar sind, wenn er die Politik der israelischen Regierung von seiner bequemen New Yorker Wohnung aus bestimmen möchte. Aber Israel will gleich drei Dinge für sich in Anspruch nehmen und das kann langfristig der guten Beziehung zwischen Juden in Israel und denjenigen, die als freie Bürger überall in der Welt leben, nur schaden.