Ein monströses Märchen aus dem Orient

October 8, 2009
Andreas Kilcher über Ahmadinejads verborgenes Judentum

Das Gerücht kocht schon seit Monaten auf kleiner Flamme: Mahmoud Ahmadinejad, der notorische Holocaust-Leugner und wohl lauteste Antizionist unserer Tage, soll jüdischer Herkunft sein.

Rekonstruktion und Dekonstruktion eines Gerüchts. Raum für das Gerücht bietet ein Namenswechsel. Fakt ist: Als der kleine Mahmoud vier Jahre alt war, zog seine Familie aus der bäuerlichen Kleinstadt Aradan in die Hauptstadt Teheran und änderte dabei den Namen: aus Sabourjian (was etwa «Teppichfärber» bedeutet) wurde Ahmadinejad (was «vom Stamm Ahmads» – das heisst Mohammeds – bedeutet). Bis hier ist dies eine gewöhnliche Geschichte von gesellschaftlichem Aufstiegswillen und religiöser Wandlung. Nach Angaben seiner Verwandten erfolgte der Namens- und Ortswechsel «aus einer Verbindung von religiösen und wirtschaftlichen Gründen» (so 2005 im britischen «Guardian» zitiert). In der Hauptstadt wurde aus dem Sohn frommer Moslems nicht nur ein promovierter Bauingenieur, sondern auch ein Politiker, der sich der islamischen Revolution Ayatollah Khomeinis anschloss. Auf dieser politischen Linie brachte er es zum Bürgermeister von Teheran und mit antiwestlicher Rhetorik 2005 zum Präsidentschaftskandidaten. Er war erfolgreich nach den Vorgaben der theokratischen islamischen Republik im Sinne von Khomeini – und als Gegner ihrer Liberalisierung im Sinne von Khatami.

Die aufsehenerregende Behauptung nun ist folgende: dass die Ahmadinejads auf dem Weg in die Hauptstadt nicht nur den Namen, sondern auch die Religion abgestreift hätten. Aus den jüdischen Sabourjians seien muslimische Ahmadinejads geworden. Zwei Jounalisten des britischen «Daily Telegraph» behaupteten am vergangenen Wochenende, für dieses bisher unbestätigte Gerücht endlich «Beweise» und «Expertenmeinungen» vorlegen zu können. Unter anderem gaben die «Basler Zeitung» und der «Tages-Anzeiger online» ohne Fragezeichen wider, was hier zu lesen war: «sabour», so der Hauptbeweis, sei das persische Wort für «Talit» (jüdischer Gebetsmantel), der Name Sabourjian bedeute demnach «Talitweber» und sei unter persischen Juden verbreitet; auch die Endung «jian» zeige einen jüdische Namen an. Als Beleg dafür nennen die beiden Journalisten ein vom iranischen Innenministerium geführtes Register jüdischer Namen, in dem auch Sabourjian auftauche.

So überzeugt sich die beiden Journalisten angesichts ihres «Beweises» auch gaben, meldeten Kenner des iranischen Judentums doch rasch ernsthafte Zweifel an; etwa Karmel Melamed im «JewishJournal», Los Angeles, oder der Nahostexperte Meir Javedanfar im britischen «Guardian». Beide entlarvten die ganze Erklärung um den «jüdischen Namen» Sabourjian als eine Ansammlung von Fehldeutungen. Iranische Juden verwendeten das Wort «sabour» keineswegs für Talit, sie sagen einfach «talit». Die Endung «jian» verweist keineswegs speziell auf 
jüdische Namen, und der Liste des Innenministeriums trauen sie nicht. Fest steht dagegen, dass Ahmadinejads Eltern fromme Moslems
waren, der Vater auch als Koranlehrer tätig war, die Mutter gar aus
einer Familie stammt, die direkt auf den Propheten zurückgeht. Keine Spur also von jüdischer Herkunft.

Deutungsmuster des «verborgenen Jüdischen». Mit diesem wohl noch nicht endgültigen, aber doch entmystifizierenden Befund ist die Geschichte von Ahmadinejads jüdischer Herkunft erst auf ihrer Ereignisoberfläche analysiert. Wichtiger noch als die Faktenfrage erscheint mir die nach der Argumentations- und Erzählweise, nach dem inneren Räderwerk dieser Geschichten, ihren Deutungsmustern und Motiven, ihren ideologischen Voraussetzungen und Konsequenzen, ihrer Rhetorik und Sprache. Was sich hier zeigt, sind polemische politische Rhetorik und eine Menge altbekannter Stereotype über Juden.
Die politische Rhetorik: Die Journalisten des «Daily Telegraph» führen als «Beweis» unter anderem einen reformorientierten Kritiker Ahmadinejads an, Mehdi Khazali, der nach eigenen Angaben auf einem Blog im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Juli 2009 von der jüdischen Herkunft des Präsidenten gehört haben will und eine offizielle Erklärung dazu forderte. Auch dass Khazali daraufhin verhaftet wurde, lässt die Vermutung aufkommen, dass es sich bei der Verbreitung des Gerüchts der jüdischen Herkunft um eine Art rhetorischer Waffe handelt mit dem Ziel politischer Demontage. Der Präsident als überangepasster Konvertit und Judas. Khazalis Äusserung war kein Einzelfall. Kurz darauf fand sich die These etwa auch in Bahrain in der Zeitung «Akhbar al-Khaleej», worauf diese von den Behörden vorübergehend geschlossen wurde. Das Rezept scheint demnach folgendes zu sein (nach Karmel Melamed eine erprobte Praxis): Wer einem politischen Gegner schaden will, lanciert eine Kampagne über dessen jüdische Herkunft.

Eine zweite Konsequenz, die der «Daily Telegraph» geradezu auskostet, gibt noch mehr zu denken: die Annahme eines verborgenen Judentums. Die Erfindung jener jüdischen Konversionsgeschichte mitten in der islamischen Republik zielt auf die Enthüllung eines «astonishing secret»: das Mysterium des sich verwandelnden Judentums. Ausbuchstabiert zeigt sich die widersprüchliche Vorstellung eines Judentums, das je nach Bedarf chamäleonhaft Kulturen und Religionen wechselt und auf diese Weise Integration, Erfolg, letztlich gar Weltherrschaft erlangen will – und dabei gleichzeitig sich selbst überwindet, ja gegen sich selbst kämpft, sich selbst hasst. Der lautstarke Antizionismus und das notorische Leugnen des Massenmords an Juden im Zweiten Weltkrieg Ahmadinejads entpuppen sich als das kranke Ablenkungsmanöver eines überassimilierten jüdischen Selbsthassers. Das bedeutet dann: Das Judentum bringt seine grössten Feinde selbst hervor. Vor unseren Augen wird das Drama eines armen jüdischen Talitwebers in der monströsen Verkleidung des islamischen Saatspräsidenten entrollt, der verzweifelt und mit aller Gewalt sein verdrängtes Judentum niederringt, um in der islamischen Weltgemeinschaft angenommen zu werden. Das Erfolgsmärchen des Konvertiten schlägt um in die Tragödie des Selbsthassers.

Diesseits des Verblendungszusammenhangs. Kehren wir von den Monstrositäten solcher ideologischer Fiktion in die Welt des Sicht- und Hörbaren zurück: zur Problematik, von der die Geschichte von Ahmadinejads jüdischer Herkunft doch nur ablenkt. Was wir nämlich wirklich sehen und hören, das ist ein Staatspräsident, der vor der internationalen Gemeinschaft wie auch auf dem Boden eines neutralen Landes ungehindert den Holocaust als Lüge bezeichnet und Israel das Existenzrecht abspricht. Über diesen Verblendungszusammenhang und die Möglichkeiten seines Erfolgs, der jedes sinnvolle Gespräch über das Zusammenleben von Juden und Arabern ins Extrem polarisiert und verunmöglicht, gilt es nachzudenken. Was Wunder, dass als einzige jüdische Gesprächspartner für Ahmadinejad die Neturei Karta geblieben sind, die in ihm – welche Ironie – den thoratreuen Helden umarmen, der den säkularen Staat Israel ablehnt.  


Andreas Kilcher ist Professor am Departement 
Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften an der ETH Zürich. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist jüdische Literatur- und Kulturgeschichte. Unter anderem arbeitet er auch über Assimilation und Konversion.