«Ein möglichst breites Publikum erreichen»
Die wichtigste Botschaft, die Menachem Ben-Sasson, Präsident der Hebräischen Universität in Jerusalem und Professor für jüdische Geschichte und Philosophie, aus seiner Zeit als Knessetabgeordneter mitbrachte – er sass für Kadima im Parlament –, ist die, dass die Institutionen des höheren Bildungswesens ihre Öffentlichekeitsarbeit und ihren Status in der israelischen Gesellschaft optimieren müssen, wenn sie überleben wollen. Der Löwenanteil der Verantwortung liege dabei bei den Universitäten selber: «Ich habe etwas aus der Welt der Politik in dieses Büro mitgenommen», sagte er. «Ich lernte, wie wichtig es ist, unsere Botschaft unter die breite Bevölkerung zu streuen. Als Rektor hatte ich dies wahrscheinlich nicht erkannt, war ich doch nicht bereit, den Medien Interviews zu geben. Ich kritisierte sogar Mitglieder der Fakultät, die sich an die Medien wandten, da ich meinte, dass dadurch ihre Forschung oberflächlicher und verzerrter werden würde. Ich war der Ansicht, Jeder sollte sich der Wichtigkeit unserer Studien bewusst sein, glaubte aber nicht, dass es unsere Aufgabe ist, die Menschen auch davon zu überzeugen.»
Auf die Frage, ob diese Neuorientierung nicht dem Populismus und der Rating-Kultur in der Welt der Akademie Tür und Tor öffnen würden, meinte Ben-Sasson: «Wir geniessen die Steuerzahlungen der Öffentlichkeit und müssen ihr im Gegenzug unser Wissen offerieren. Viele von uns meiden öffentliche Foren, weil sie denken, wir hätten nur in wissenschaftlichen Zeitschriften aufzutreten. Das stimmt aber nicht. Wir müssen unsere Botschaft so formulieren, dass sie einem möglichst grossen Publikum zugänglich ist. Unter uns gibt es Wissenschafter, die seit 40 Jahren täglich in ihre Laboratorien kommen, doch ihre Studenten wissen nicht, was sie tun. Manchmal wissen es nicht einmal ihre Familienangehörigen. Das kann nicht so weitergehen. Der Steuerzahler will wissen, wo sein Geld hingeht. Jeder Wissenschaftler muss erklären können, warum die israelische Gesellschaft letzten Endes etwas verliert, wenn er aufhört, in seinem Spezialgebiet zu forschen. Er muss erläutern können, warum er was tut.»
Für einen Wandel
Ben-Sasson wurde sich der Gefahr des Elfenbeinturmkonzepts bewusst, als er die breite Unterstützung zur Kenntnis nahm, welche die von der Schliessung bedrohte Radiostation Voice of Music genoss. «Ich war Mitglied der Finanzkommission der Knesset, als die Schliessung der Voice of Music zur Diskussion stand. Mich erstaunten die Dutzenden von Anrufen und Hunderte von Protestbriefen, die mich erreichten. Vor allem wenn man bedenkt, dass mich kaum jemand kontaktierte bei einer Krise im höheren Bildungswesen und den Warnungen der Universitäten vor ihrem bevorstehenden Zusammenbruch. Die Leute betrachteten das eben immer nur als eine Frage von Geld. Das zeigt, dass wir uns ändern müssen. Wir dürfen nicht nur zeigen, wie nett wir sind, sondern wir sollten der Umwelt vielmehr klarmachen, was wir tun.»
Der heutige Universitätspräsident hat zusammen mit verschiedenen Fakultäten eine «Aufweckkampagne» lanciert, in deren Rahmen er mit Dozenten und Studenten darüber diskutiert, wie man sich der Öffentlichkeit besser präsentieren könnte. Als erstes machte er in der landwirtschaftlichen Fakultät in Rehovot Halt. «Ich traf auf sehr offene Menschen. Wenn es mir gelingt, 900 Forscher an der Hebräischen Universität und deren 5000 an allen Universitäten zu beeinflussen, dann wäre ein Wandel möglich.»
Kein Budget
Seit Jahren beklagen sich die Verantwortlichen der Universitäten darüber, dass ihnen das Wasser bis zum Halse stehe und dass die Qualität ihrer Forschung zusammenbreche. Als Ben-Sasson seine Stelle antrat, warnten er selber davor, dass das akademische Jahr unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht eröffnet werden könne. Jetzt scheint er den Dozenten in ihren Elfenbeintürmen in die Verantwortung zu nehmen. «Natürlich leiden wir unter einer ernsthaften Knappheit an Mitteln», so Ben-Sasson. Die heutigen Budgets würden den Beginn des akademischen Jahres nicht gestatten. Die neunziger Jahre seien relativ gut gewesen, doch seit 2001 hätten die Universitäten substanzielle Kürzungen hinnehmen müssen, während die Zahl der Studenten gewachsen und die wissenschaftliche Ausrüstung teurer geworden sei.
Zurzeit habe die Hebräischen Universität noch kein Budget für das nächste Jahr, und die Leiter aller israelischen Universitäten seien sich darin einig, dass es ihre Pflicht sei, der Regierung bei der Aufgabe zu helfen, das akademische Jahr regulär zu eröffnen. Ben-Sasson sagt, er sei zum Schluss gekommen, dass alle Minister bereit seien, zuzuhören, sie müssten aber wissen, welche Reformen von den Universitäten akzeptiert würden.»
Klare Vorstellungen
Was die Reformen betrifft, hat Menachem Ben-Sasson konkrete Vorstellungen. Vor allem müsse die Universität seiner Ansicht nach effizienter werden und Kürzungen vornehmen. «Jeder muss seinen Beitrag leisten. Ich bin überzeugt, dass ich auf offene Ohren stossen werde, wenn ich die Fakultät bitte, gewisse Zahlungen hinauszuschieben und Vereinbarungen mit Dozenten neu auszuarbeiten. Die Fakultät muss einen Teil der Last tragen, zusätzlich zu administrativen Reformen wie im Pensionswesen. Gegenwärtig arbeite ich an einem neuen Lohnschema, und ich hoffe, es wird ohne Streiks durchgehen.»