«Ein Mann liest Zeitung»
Es ist eine Schande.» Mit diesem schlichten Bekenntnis beginnt ein Roman, den die meisten nicht gelesen haben und dessen Autor Justin Steinfeld (1886–1970) ebenso unbekannt geblieben ist. Dabei war sein erst posthum erschienenes Buch von einem begeisterten Feuilleton auf eine Stufe mit Werken von Lion Feuchtwanger, Franz Carl Weiskopf und Ludwig Winder gestellt und zu den besten Romanen des Exils gezählt worden. Steinfeld, ein in der Zeit der Weimarer Republik engagierter linker Publizist, war – ebenso wie Wieland Herzfelde, Alfred Kerr, Arnold Zweig u. a. – nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten zu Fuss und als Wanderer getarnt über das Erzgebirge nach Prag geflohen. Die Kaffeehäuser am Wenzelsplatz, das Café Continental («Conti»), «Urban», «Julis», «Elektra», «Wilson» und «Mánes» wurden für Steinfeld wie für die vielen anderen deutschen Emigranten zu ersten Anlaufstellen, Treffpunkten und Stammlokalen. Hier verbrachte man die meiste Zeit des Tages oder auch der Nacht, vertrieb die Zeit und den Hunger – und las Zeitung.
«Ein Mann liest Zeitung», so lautet auch der Titel von Steinfelds Roman. Für seinen Protagonisten, den Getreidehändler Leonhard Glanz, der wie sein Autor aus Hamburg nach Prag geflohen war, gab es keinen anderen Zeitvertreib als Zeitungslektüre. Ein schändlicher Umstand für einen aus einem tätigen Geschäftsleben Vertriebenen: «Er sah scheu zur Seite, vergewisserte sich aber sogleich, dass die ankriechende Angst ganz grundlos sei. Denn hier war die warme Sicherheit, die Geborgenheit in einem nicht eleganten, aber anheimelnden Kaffeehaus … Leonhard Glanz setzte sich in die Ecke eines mit der Zeit höchst nachgiebig gewordenen Plüschsofas. Man meint zu sitzen, aber nein, noch nicht. Jetzt erst … Und so, im Vollgefühl seiner persönlichen Lebensrechte, bestellt sich Glanz beim Kellner einen Braunen (Kaffee), mit Schlagobers, dazu frische, blonde Semmeln und Zeitung. Natürlich Zeitung. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.»
Fast wortgleich beschrieb der ebenfalls nach Prag emigrierte Publizist Wilhelm Sternfeld (1883–1973) die Atmosphäre der Kaffeehäuser in Prag, die ihn in ihrer Nüchternheit «an Aufenthaltsräume dritter Klasse bei grossen Bahnhöfen» erinnerten. Das Kaffeehaus war für ihn der «Wartesaal der Emigration»: «… auf den verblichenen Polstern der altersschwachen Sofas und Sessel sassen jetzt vor den Tischen mit weissen Marmorplatten die Emigranten in fadenscheiniger Kleidung und oft in nervöser, gereizter Stimmung … fast alle glaubten, in kurzer Zeit, nach vielleicht zwei, drei Jahren, in die Heimat zurückkehren zu können. Sie waren nicht bereit, Hitlers Drittes Reich als einen Dauerzustand anzuerkennen, und diese Hoffnung … liess sie die augenblickliche Misere ihres Daseins im Allgemeinen mit Gleichmut und zuweilen mit sarkastischem Humor ertragen. Was sie bedrückte, nervös und gereizt machte, war, zur Untätigkeit und damit zum Dasein eines Bettlers verurteilt zu sein. Um die Zeit, von der sie zu viel hatten, totzuschlagen und um den bedrückenden einsamen Leben in den armseligen vier Wänden, die ihr Heim bildeten, oder dem Dasein im Kollektiv zu entfliehen, wanderten sie täglich von einem Café in das andere, froh, sich mit Kameraden zu unterhalten oder Zeitungen durchstudieren zu können, die in Dutzenden von Exemplaren in den Lokalen … bereit lagen.»
Sozialer Abstieg
Auch für Steinfelds Romanfigur, den ehemaligen Getreidehändler Leonhard Glanz, dessen Geschäft «arisiert» oder eher gestohlen worden war, gibt es eigentlich nur zwei Haupttätigkeiten: Kaffeetrinken und Zeitunglesen: «Warum? Ach so, Sie meinen wieso? Leonhard Glanz hat doch gar kein Geschäft mehr. Hat keine Tätigkeit und nichts zu tun. Leonhard Glanz hat überhaupt nichts mehr. Nicht einmal Geld. Keine Angst. Das Frühstück wird er bezahlen. So viel hat er noch. Für zwei Wochen. Sagen wir mal, für drei Wochen … Leonhard Glanz hat nichts mehr. Gar nichts. Leonhard Glanz ist ein Emigrant.»
Im Kaffeehaus lässt Steinfeld seinen Protagonisten das Leben als Alptraum erfahren. Es ist die Geschichte eines liberalen, grossbürgerlichen deutschen Juden, für den der alltägliche Antisemitismus vor 1933 zur unangenehmen Selbstverständlichkeit geworden war, der aber seine bürgerlichen Illusionen und Selbsttäuschungen nicht erschüttern konnte. Erst im Kaffeehaus, im Exil, realisiert Leonhard Glanz die vollständige Zerstörung seiner bisherigen Bürgerexistenz. Durch die Zeitungslektüre erkennt er die Erbärmlichkeit seines Emigrantendaseins, das ihn zuerst zum ambulanten Teppichhändler, später zum Devisenschieber absteigen lässt.
Kein Zionist
Verzweifelt und verbittert kritisierte er in der Rückschau – stellvertretend für viele deutsche Juden – seine Bereitschaft zur Assimilation und seine politische Indifferenz: «Hatte sich der Mann Leonhard Glanz nicht schon beizeiten daran gewöhnt, an nichts zu glauben? Zuerst hatte er den sogenannten Glauben seiner Väter abgelegt, als es nicht in der Mode war, orthodoxer Jude zu sein. Er wurde ein liberaler Jude, der mit Behagen frische Schinkensemmeln ass, wenn ihm der Appetit darauf stand … Leonhard Glanz ist kein Zionist gewesen und will auch jetzt keiner sein. Da gibt es Juden genug in Deutschland, die haben sich ebenso wenig wie er um diese Dinge gekümmert. Aber jetzt unter dem Regime des Hakenkreuzes haben sie ihr zionistisches Herz entdeckt. Entdeckt? Leonhard Glanz findet, das sei doch ein wenig gar zu einfach. Hätten sie nicht auch ihr Naziherz entdeckt, wenn sie gedurft hätten?»
Spät erst erkennt Glanz, dass alle Kaffeehäuser «Nomadenheimat» sind und flieht aus Prag. Wie sein Autor Justin Steinfeld, dessen journalistische Tätigkeit für verschiedene antifaschistische Zeitungen genauestens von der Deutschen Gesandtschaft in Prag verfolgt wurde und der im Juni 1935 mit vielen anderen Prominenten wie Bertolt Brecht, Nachum Goldmann, Kurt Hiller, Max Hodann, Erika Mann, Walter Mehring, Erich Ollenhauer oder Friedrich Wolf ausgebürgert worden war. Erst als deutsche Truppen Prag besetzten, entschied sich Steinfeld zur Flucht. In einem Brief an seinen Schriftstellerkollegen Hans Henny Jahnn erinnerte er sich: «Und so waren wir, als die Nazis kamen, noch in Prag. Dann natürlich musste jeder sehen, wie er sein Leben rettete. Ich kam mit meiner Frau und dem Jungen nach Polen durch. Wieder zu Fuss und ohne alles. Oder nicht eigentlich zu Fuss, denn die eigentliche Grenze mussten wir schwimmend passieren. An einem frühen Apriltag. Das war kein Spass. Dann von Polen, wo es schon mulmig wurde, per Schiff nach England.»
Klare Schilderung der Umstände
Justin Steinfeld starb 1970 in England. Seinen Roman hatte er zwar im Prager Exil begonnen, an dessen Fertigstellung war er aber wiederholt gehindert worden, erst durch die gewaltsame Okkupation Prags, später durch seine Internierung als «enemy alien» in Australien. Gewiss, auch in anderen Büchern wie Klaus Manns «Der Vulkan» oder Erich Maria Remarques «Arc de Triomphe» werden insbesondere die Pariser Cafés zur lebendigen Kulisse und als Treffpunkte der Emigranten herausgestellt. Anna Gmeyners Roman «Café du Dome» setzt dem legendären Café am Montparnasse schon im Titel ein literarisches Denkmal. Doch keines dieser Bücher schildert so unmittelbar wie Steinfelds Roman die keineswegs komfortable Situation des Emigranten, der Zuflucht im Kaffeehaus suchte. Hermann Kesten, während seines Pariser Exils regelmässiger Stammgast der einschlägigen Cafés, schrieb in seinem Buch «Dichter im Café»: «Im Exil wird das Café zu Haus und Heimat, Kirche und Parlament, Wüste und Walstatt, zur Wiege der Illusionen und zum Friedhof. Das Exil macht einsam und tötet. Freilich belebt es auch und erneuert. Im Exil wird das Café zum einzigen kontinuierlichen Ort.» Das Café wird nach Kesten zur Bühne des Lebens, «dieses Leben in der Wartehalle sozusagen, diese schattenhafte Fortführung verjährter Konflikte und abgestandener Liebesaffären mit einer Braut, die einen die Treppe hinuntergeworfen hat, das Vaterland nämlich.» Walter Boehlich, der Steinfelds Roman im «Spiegel» rezensierte, erkannte die zeitgeschichtliche Bedeutung des mit bitterer Ironie und scharfem Witz geschriebenen Buches. Sein Wunsch: «Lesen müssten das Buch vor allem diejenigen, die sich vorstellen, es könne so etwas wie Versöhnung mit den Juden geben. Lesen müssten es gleichfalls diejenigen, die sich immer mit der Gewalt arrangiert haben und sich nicht vorstellen können, dass auch sie einmal Asyl brauchen könnten. Sie werden es nicht lesen. Dann also wenigstens die, die Erinnerung wollen.»
Wilfried Weinke ist Historiker und Publizist.