Ein Leben mit Brüchen

Von Esther Müller, July 15, 2010
Am 7. Juli 1985 starb der Rechtshistoriker Guido Kisch in Basel, wo er seine zwei letzten Lebensjahrzehnte verbracht und mit bewundernswerter Produktivität geforscht hatte. Die Biografie des 1889 in Prag geborenen Rechtshistorikers steht für viele jüdische Gelehrte in Deutschland, deren hoffnungsvolle akademische Werdegänge 1933 ein abruptes Ende fanden.
GUIDO KISCH Seine Biografie steht für viele jüdische Gelehrte seiner Zeit

Seinen 46. Geburtstag am 22. Januar 1935 feierte Guido Kisch während einer Reise über Köln nach Cherbourg. Gemeinsam mit seiner Frau Hildegard und dem Sohn Alexander emigrierte er die USA. Im amerikanischen Exil angekommen ist er jedoch nie wirklich. 27 Jahre später übersiedelten Guido und Hildegard Kirsch noch einmal: diesmal nach Basel. Eine Ehrendozentur ermöglichte Kisch, dem nachzugehen, was ihm ab 1933 in Deutschland verwehrt worden war und in den USA nicht gelang: «Meinen gewählten und geliebten Beruf voll auszuüben», wie er selbst in seinen Erinnerungen von 1975 schrieb.

Kindheit und Jugend in Prag

Geboren wurde Guido Kisch 1889 als Sohn von Alexander und Charlotte Kisch in Prag. In der Verwandtschaft der Kisch-Familie finden sich ebenso bedeutende Rabbiner wie Ärzte; der als «rasender Reporter» bekannt gewordene Egon Erwin Kisch war ein Cousin Guidos. Alexander Kisch hatte als Rabbiner von 1877 bis 1881 in der noch jungen Israelitischen Cultusgemeinde Zürich gewirkt, kehrte dann jedoch nach Böhmen zurück. 1886 wurde er Rabbiner der Prager Meiselsynagoge. Ein Amt, das ihm Würde und Ehre eintrug, ihn aber zwang, aufgrund des kärglichen Salärs zusätzlich viele Wochenstunden Religionsunterricht zu erteilen, damit die Familie einigermassen über die Runden kam.

Guido Kisch zeigte schon als Junge die Eigenschaften, die ihm später in seinem Leben gerade in schwierigen Situationen zugute kommen sollten: ungeheuren Fleiss und Ernsthaftigkeit beim Lernen. Das Musische, so berichtete er selbst, wollte ihm nicht gelingen: weder das Zeichnen noch das Musizieren. Doch abgesehen davon war Kisch ein glänzender Schüler des Altstädter deutschen Gymnasiums, das viele der bekanntesten Vertreter der jüdisch-deutschsprachigen Gemeinde Prags besuchten, unter ihnen Franz Kafka.

Dass Guido Kisch Jurisprudenz anstelle der von ihm geliebten alten Sprachen studierte, hatte wenig mit Neigung, sondern mit lebenspraktischen Gründen zu tun. Liest man die Lebenserinnerungen des Juristen, schildert er mit deutlichen Worten die mangelnde Qualität und Unvollständigkeit der Lehre sowie quälend langweilige, uninspirierende Vorlesungen. Doch nach Studienabschluss und einiger Zeit im Staatsdienst fand Kisch sein wissenschaftliches Gebiet und konnte seiner Neigung zur akademischen Arbeit endlich folgen: Die Rechtsgeschichte, im speziellen die deutsche, sollte zu seinem Feld werden.

Bruch und Emigration

Nachdem der junge Jurist in Leipzig habilitiert hatte, gelang es ihm mit seinen quellengeschichtlichten Studien, die Fachschaft auf sich aufmerksam werden zu lassen. 1924 bekam er einen Ruf als ordentlicher Professor nach Halle. Doch der Aufstieg des Nationalsozialismus machte seine Pläne zunichte: als Jude aus dem Staatsdienst entlassen, in finanziell ungesicherten Verhältnissen lebend, versuchte Kisch, sich in Europa eine andere Perspektive zu sichern – doch diese Versuche schlugen fehl. So endete am Quai von Cherbourg ein Lebensentwurf: Guido Kisch brach mit seiner Familie in ein Land auf, von dessen Sprache er kein Wort verstand und das ihm zutiefst fremd war.

Obwohl Guido Kisch Jahrzehnte in New York gelebt hat, wurden ihm die USA nie zur Heimat. Die Sprache eignete er sich mit eisernem Willen an und lernte sie so gut, dass er einige seiner grossen Werke auf Englisch schrieb. Doch Sprache allein genügt nicht, um sich heimisch zu fühlen. Sein Wertesystem, seine familiäre und akademische Prägung, war zutiefst europäisch. Weiter war auch sein Fachgebiet in den USA, wie er selbst schrieb, «terra incognita». So musste Guido Kisch viele seiner Forschungsprojekte vorerst beenden, denn es galt, die Familie durchzubringen. In seinen Erinnerungen schilderte er diese Jahre ohne Groll, jedoch mit klaren Worten: Schlecht bezahlte Tätigkeiten weit unter seinen Fähigkeiten, aber auch menschliche Enttäuschungen gehörten dazu. Selbst unter den eingeschränkten Möglichkeiten arbeitete Kisch unermüdlich, publizierte Monografien und schrieb Artikel. Diese Situation änderte sich auch nach Kriegsende nicht. In den amerikanischen Jahren forschte und schrieb Kisch unter anderem über die rechtliche und soziale Stellung der Juden im mittelalterlichen Deutschland und judaistische Themen.

Rückkehr nach Europa

Nach Deutschland zu reisen war für Guido Kisch auch viele Jahre nach 1945 nicht denkbar. Seine Schwester und ihr Mann wie auch die Eltern Hildegard Kischs kamen in der Schoah ums Leben, Freunde und Bekannte ebenfalls. Auch vergass er nicht, wie schnell und willfährig sich die deutschen Universitäten hatten «gleichschalten» lassen, wie denkwürdig wenige Kollegen die Entlassungen der jüdischen Professoren mutig kritisiert hatten, und wie viele daraus Nutzen für ihre Laufbahn gezogen haben. Dass Kisch Prag nach Kriegsende nie mehr besuchte, erklärt sich sein Sohn Alexander damit, dass es zu viele Erinnerungen und Gefühle ausgelöst hätte. Als Guido Kisch 1956 zum ersten Mal der Einladung einer Universität in Deutschland folgte, erklärte er diesen Schritt damit: «Es ist meine Überzeugung, dass mehr als Generäle und Politiker die Vertreter der Wissenschaft und besonders der Rechtswissenschaft dazu berufen sind, die höchsten Ideale des Rechts – neben der Religion der stärksten Säule, auf der die menschliche Kultur ruht – in der Welt zu Ehren zu bringen, Menschen guten Willens aller Völker und aller religiösen Überzeugungen einander anzunähern zur gemeinsamen Arbeit an der Verwirklichung des Ideals edler Menschlichkeit durch Recht und Gerechtigkeit.» Doch in Deutschland zu leben, wäre nicht denkbar gewesen.

Basel bot Guido Kisch die Möglichkeit, im deutschen Sprachraum zu leben, die Juristische Fakultät ermöglichte es ihm, sich in seinen zwei letzten Lebensjahrzehnten der Forschung und Lehre zu widmen. Im Zentrum der Basler Jahre stand die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Humanismus und dessen Einfluss auf die Jurisprudenz. Den strikten Arbeitsplan, der zwischen halb fünf und fünf Uhr begann, hat Guido Kisch bis ins hohe Lebensalter eingehalten. Doch es blieb bei ihm das Gefühl, kostbare Zeit seines Lebens vertan zu haben. «Mein Vater ist in Basel sehr glücklich gewesen und hat seine Arbeitsbedingungen nach vielen Jahren der Entbehrung geschätzt», erzählt sein Sohn, der Medizin studierte und in New York lebt. Er spricht ein Deutsch, das zuweilen verrät, dass es die Sprache seines Vaters und seiner Mutter ist – die Sprache der Jahrhundertwende und des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts. Susy Kisch, eine der zwei Enkelinnen, erinnert sich lebhaft an die Grosseltern, an die Besuche in Wengen, wo die Kischs jahrzehntelang ihre Sommerfreien verbrachten. Selbstverständlich arbeitete der Grossvater, der stets akkurat mit Dreiteiler gekleidet war, auch dort. «Wanderschuhe hat er nie getragen», erzählt sie lachend, «das hätte nicht zu ihm gepasst. Genauso wenig wie zu meiner Grossmutter.» Sie und ihre Schwester Amy Kisch haben unterdessen neben der amerikanischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Was Guido Kisch wohl dazu gemeint hätte, wird lebhaft diskutiert. «Für mich», sagt Susy Kisch, «ist das wie eine Art der Rückbindung an einen Teil meiner Familiengeschichte.»