Ein Leben in Widersprüchen aushalten
Von Noah Feldmann
Vor einiger Zeit bin ich zum zehnjährigen Jubiläum meiner Abschlussklasse an der High School gegangen. Die Party fand im Garten eines ehemaligen Klassenkameraden statt. Viele von meinen ehemaligen Mitschülern waren gekommen. Fast alle waren verheiratet und viele hatten schon Kinder. Das war nicht so ungewöhnlich, wie es klingen mag. Ich habe eine Tagesschule an einer Jeschiwa besucht, und fast alle meine Klassenkameraden sind orthodox geblieben. Ich brachte meine Freundin mit. Am Ende haben wir uns alle für den Schulfotografen zu einem grossen Gruppenbild zusammengedrängt. Er hatte von der ersten Klasse bis zu unserem Abschluss alle unsere Klassenfotos gemacht. Einige Monate später kam der Rundbrief für die Absolventen mit dem Gruppenfoto. Ich habe es angeschaut und dann nochmals – aber von mir und meiner Freundin war keine Spur zu sehen.
Ich wollte nicht paranoid erscheinen. Vor allem nicht vor meiner Freundin, mit der ich damals bereits verlobt war. Darum habe ich meine älteste Schulfreundin angerufen, um mehr herauszufinden. Sie war auf dem Bild. «Du machst Witze, oder?», war ihre Reaktion. Ich muss dazu sagen, dass meine Verlobte Amerikanerin koreanischer Herkunft ist. Ihre Präsenz brachte eine Möglichkeit mit sich, die vom Standpunkt des orthodoxen jüdischen Rechts aus unannehmbar war: Die Heirat mit einem nicht jüdischen Partner. Diese Vermutung genügte bereits, uns auszuschliessen.
Bald darauf habe ich zufällig den Fotografen getroffen, in der Synagoge an Jom Kippur. Als ich auf ihn zuging, hat mir sein unglücklicher Gesichtsausdruck bereits gesagt, dass er Bescheid wusste. Er sagte nur: «Ich habe das nicht getan», und ich habe ihm geglaubt.
Ich hatte seither gelegentlich Kontakt mit dem Schuldirektor, der mich seit meiner Kindheit kennt. Wenn ich sage «Kontakt», dann impliziert das eine Gegenseitigkeit, die nicht existiert. In Wirklichkeit will ich sagen, dass ich ihn in den neun Jahren seit dem Klassentreffen mehrfach schriftlich über Neuigkeiten aus meinem Leben unterrichtet habe, damit er sie in die Rubrik «Mazal Tov» im Rundbrief aufnehmen kann. Ich habe ihn auch von meiner Hochzeit wissen lassen. Nach der Geburt unseres Sohnes habe ich ihn gebeten, das frohe Ereignis zu veröffentlichen. Zuletzt wurde unsere Tochter geboren. Das war im letzten Winter. Aber es gab keine Reaktion. Keine meiner Meldungen wurde gedruckt.
Ernste Beziehung
Es wäre dramatischer gewesen, wenn ich wie Baruch Spinoza exkommuniziert worden wäre, in einer Zeremonie mit schwarzen Kerzen und einem Bannspruch auf alle gesellschaftlichen Kontakte – ein Ritual, dessen Feierlichkeit den Ernst seiner Konsequenzen reflektiert. Aber in der modernen Welt ist die förmliche Verbannung aus der Gemeinschaft ein Anachronismus. Viele meiner engsten Beziehungen verbinden mich weiterhin mit Leuten aus der orthodoxen Gemeinschaft. So weit ich weiss, würde sich niemand, selbst die Rabbiner an meiner alten Schule, die den wichtigsten Entschluss meines Lebens missbilligen, weigern, meine Hand zu schütteln. Von der alten Praxis der Exkommunikation ist nur die fehlende Anerkennung in den offiziellen Publikationen der Schule geblieben, in der die wachsenden Familien meiner Klassenkameraden und deren beachtlichen Erfolge freudig gefeiert werden.
Die Jeschiwa, an der ich gelernt habe, betrachtet sich als modern-orthodox, nicht als ultra-orthodox. Wir haben neben dem traditionellen Studium des Talmud und der Bibel ein anspruchsvolles säkulares Curriculum absolviert. Unsere Fortgeschrittenen-Kurse in Talmud und Hebräisch wechselten sich ab mit Leistungskursen in französischer Literatur und der politischen Geschichte Europas, eine Kombination, die uns auf eine Bewerbung an den besten Universitäten vorbereitet hat. Gleichzeitig eine litauische Jeschiwa und ein Privatgymnasium in New England sein – das war das unausgesprochene Motto der Maimonides School in Brookline, Massachusetts, die ich zwölf Jahre lang besucht habe.
Dieser Anspruch zieht gewisse Probleme nach sich. Meine private Lektion in verweigerter Anerkennung ist nur ein geringes Symptom für die Herausforderung, die gewaltige Kluft zwischen Tradition und Moderne, zwischen Litauen und New England, zu überbrücken. Im vormodernen Europa hat der Staat jüdischen Gemeinden die Macht verliehen, die eigenen Zugehörigkeitsregeln mit Zwang durchzusetzen. Die Exkommunikation hat für Betroffene tatsächlich nichts weniger bedeutet als den Entzug ihrer juristischen Person, ihrer Rechte und ihrer Stellung in der Gemeinde. Im Gegensatz dazu kontrolliert der moderne liberale Staat nicht die Durchsetzung religiöser Regeln über Mitglieder einer Gemeinde. Die Wahrung von Glaubensvorschriften ist heute eine gesellschaftliche Frage, keine rechtliche. Wenn eine religiöse Gemeinschaft ihre traditionellen Strukturen aufrechterhalten will, dann muss sie ihre Grenzen eigenständig und mit jedem Mittel bewahren – auch mittels der sorgfältigen Auswahl der Veröffentlichungen in einem Schul-Rundbrief.
Obwohl ich mit dieser Geisteshaltung zutiefst vertraut bin, die sich mit so grosser Sorgfalt der Frage widmet, wer drinnen und wer draussen ist, so bin ich doch jedes Mal wieder aufs Neue überrascht, wenn ich mit der Unfähigkeit meiner alten Schule konfrontiert werde, mich wie jeden anderen Absolventen zu behandeln. Ich strebe in meiner unvollkommenen Art danach, so zu leben, wie es mir in meiner Schule beigebracht worden ist. Ich versuche, die Weisheit der Tradition zu respektieren und zu lieben, während ich mich bemühe, den jüdischen Glauben mit Wissenschaft und öffentlichem Engagement zu verbinden. Ich denke nicht, dass ich darin gescheitert bin, auch wenn andere sich vorstellen, dass meine Ehe eine Absage an meine Erziehung darstellt.
Gegen meine Erfahrungen erwartet ein Teil von mir immer noch, dass die einzelnen Menschen, aus denen die Institution und die Gemeinschaft besteht, in der ich so viele Jahre meines Lebens verbracht habe, unsere seit Langem bestehende Freundschaft vor das Gebot stellen, Grenzen zu ziehen. Die Schule hat mich erzogen und tief beeinflusst. Das Gelernte prägt jeden Aspekt meines Innenlebens. Im Hinblick auf gemeinsam erlebte Geschichte und Formung bleibe ich Teil der Gemeinschaft, auch wenn ich ihr nicht mehr voll angehöre.
Wenn dies eine Dissonanz darstellt, dann sollte es sich hier zumindest um eine handeln, die der modernen Orthodoxie geläufig ist: Der Wunsch, in mehreren Welten gleichzeitig zu leben und Gegensätze durch Koexistenz auszuhalten. Insgesamt hat der Versuch der Schule, die Ideale des orthodoxen Judentums mit einem Ausschnitt des amerikanischen Lebens im ausgehenden 20. Jahrhundert ins Gespräch zu bringen, enorm reichhaltige und fruchtbare Resultate erzielt. Für diejenigen von uns, die willens sind, beide Welten ein Stück weit zu akzeptieren, ist ihr Konzept beinahe aufgegangen – jedenfalls in meinen Augen.
Auf der Suche nach Zugehörigkeit
Seit ihrer Entstehung in Deutschland im 19. Jahrhundert war es ein zentrales Ziel der modernen Orthodoxie, die Einhaltung der traditionellen jüdischen Gesetze zu ermöglichen, also den Gläubigen dabei zu helfen, die 613 biblischen Gebote getreu einzuhalten und dabei doch an der modernen Welt teilzuhaben. Um mit einem zeitgenössischen Dichter zu sprechen, ging es um das Bemühen, «im eigenen Haus ein Jude und auf der Strasse ein Mann zu sein». Selbst als wir Schüler an der Maimonides School die Hälfte unseres Tages einem unverhohlen mittelalterlichen Lehrplan widmeten, wollten wir doch Aussenseitern gegenüber – und uns selbst – wie vernünftige, normale Leute erscheinen und nicht wie Fanatiker oder Anhänger eines Kults.
Die beste Verkörperung dieses Bestrebens ist heute Senator Joe Lieberman. Als er im Jahr 2000 als Vizepräsident antrat, kam die moderne Orthodoxie tatsächlich in der gesellschaftspolitischen Moderne an. Lieberman hat demonstriert, dass ein orthodoxer jüdischer Kandidat von Amerika akzeptiert wird wie jeder andere Bürger. (Dabei mag auch ein Stückchen Ignoranz mitgespielt haben. So hat John Breaux, damals ein Senator für Louisiana, Lieberman betreffend die unvergesslichen Worte geäussert: «Ich glaube nicht, dass es die amerikanischen Wähler gross kümmert, wo ein Mann sonntags in die Kirche geht.») Wenn Liebermans jüdische Identität im Herzen des Landes Vorbehalte ausgelöst hat, dann wurden diese durch die Tatsache abgeschwächt, dass er die orthodoxe Strömung gewählt hat. Bürger im Mittleren Westen verstanden dies als Signal dafür, dass er fest und standhaft an etwas glaubt. Liebermans Orthodoxie hat nicht die hinter vorgehaltener Hand geflüsterten Attacken provoziert, denen sich der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney ausgesetzt sah, weil er Mormone ist. Niemand dachte, dass Liebermans Glaube seltsam oder irgendwie unheimlich ist.
Dass Lieberman so offenkundig als normal wahrgenommen wird, ist wirklich bemerkenswert. Modern-orthodoxe Juden tragen in der Regel nicht die langen Bärte, Schläfenlocken und die schwarze, nostalgische Tracht aus der Alten Welt, die typisch für die Ultraorthodoxen ist. Aber sie binden sich unter ihrer Kleidung doch einen kleinen, gefransten Betschal um, der ebenso ungewöhnlich ist wie die heilige Unterwäsche der Mormonen. Zum Morgengebet gehört das Anlegen der Tefilin. Die eng gewickelten Lederriemen erzeugen zwar keinen Schmerz, aber sie erinnern doch an die stacheligen Bussgürtel, die von Mitgliedern von Opus Dei getragen und im Film «The Da Vinci Code» so ausgiebig gezeigt werden. Auch die Ernährungsvorschriften sind streng: Ein überzeugter Anhänger der modernen Orthodoxie würde niemals Wein mit Nichtjuden trinken und hätte in einem nicht koscheren Restaurant Probleme, etwas zu essen zu finden – von nackten Salatblättern einmal abgesehen (vorausgesetzt, der Salat ist mit koscherem Besteck zubereitet worden).
Die Kaschrut-Ernährungsvorschriften sind darauf angelegt, Gläubige von der übrigen Welt zu distanzieren und zu unterscheiden. Werden die Vorschriften genau befolgt, so wie es mir während meiner Kindheit beigebracht worden ist, dann erreichen sie dieses Ziel auch. Jeder Bissen verlangt nach Kategorisierung in «erlaubt» und «verboten», in Milch oder Fleisch. Die Einhaltung dieser Gesetze, die Überprüfung aller Zutaten in jeder Mahlzeit, führt zur Konstruktion der Welt auf Grundlage der Regeln, die der koscher Lebende aushalten muss. Die Kategorie «unkoscher» wird dann unbewusst nicht nur auf die verbotene Nahrung angewandt, sondern auch auf die Menschen, die diese Speisen verzehren – also auf fast alle Bewohner der Erde, ob sie nun jüdisch sind oder nicht. Mit ihnen kann man nicht einfach das Brot brechen – aber das ist erst der Anfang. In einem tieferen Sinne darf man nicht mit ihnen gemeinsam an der universellen menschlichen Aktivität teilhaben, den Körper durch Essen wiederherzustellen.
Tiefe Verbindung von Thora und Welt
Dennoch hat mir die Maimonides School durch ihre Gegenüberstellung eines traditionellen mit einem säkularen Lehrplan das Gefühl verliehen, mit der allgemeinen Welt verbunden zu sein. Wir sind Zeile um Zeile in die alten Texte vorgedrungen und haben sie im ursprünglichen Aramäisch und auf Hebräisch gelesen. Die Poesie der Propheten sang in unseren Ohren. Nach einigen Jahren konnte ich den Grossteil der hebräischen Bibel aus dem Gedächtnis rezitieren. Das hatte unter anderem zur Folge, dass ich beim Studium der Texte der Puritaner, welche die Kolonie an der Massachusetts Bay gegründet hatten, sofort Verwandtschaft empfand. Die Pioniere haben die gleichen Schriften wieder und wieder gelesen – häufig auf Hebräisch –, um sich über ihre eigene Irrfahrt in die amerikanische Wildnis klar zu werden.
Unsere Lehrer waren hervorragend. Etliche Rabbiner hatte Doktorgrade und brachten uns den akademisch-kritischen Lernansatz nahe. Ob nun absichtlich oder nicht – dank der Schule haben wir erkannt, dass Thora und Welt zutiefst miteinander verbunden sind. Damit wurde unsere Lehranstalt auch ihrem Namenspatron gerecht, dem grossen mittelalterlichen Rechtsgelehrten und Philosophen Moses Maimonides. Als aussergewöhnlichste nachbiblische Figur der jüdischen Geschichte hat Maimonides gelehrt, dass die gründliche Kenntnis der Welt in ihren physikalischen und metaphysischen Dimensionen im Verein mit dem Studium, der Befolgung und dem Verständnis der Gebote den einzigen Pfad zu jenem höchsten Gut darstellen, der Erkenntnis Gottes. Ein Leben, das der Befolgung dieser Regeln gewidmet ist, kann würdevoll und schön sein. Ich bin davon überzeugt, dass die besten und mit der grössten Weisheit ausgestatteten unter meinen Mitschülern und Lehrern diesem Ideal tatsächlich sehr nahe kommen.
Die Dynamik des Verbots
Vielen von uns erscheint die Übereinstimmung von Glaube und Modernität als eine Verheissung der modernen Orthodoxie, die zuweilen sehr nah erscheint, dann aber in eine quälende Distanz rückt. Diese Aussicht auf Einklang kann von den feinen Bruchlinien in Frage gestellt werden, die zwischen den moralischen Fundamenten beider Weltsichten verlaufen. Die können sich zu Abgründen öffnen, wenn schwerwiegende Fragen über das Leben und die Liebe zur Debatte stehen.
Während meiner Zeit auf der Maimonides School hat ein populärer Arzt aus der Gemeinde – er ist später jung auf tragische Weise ums Leben gekommen – auf einer Schulveranstaltung über die Herausforderungen gesprochen, die einem modern-orthodoxen Juden im Berufsleben begegnen können. Als Ausgangspunkt nahm er den talmudischen Wahrspruch, dass die Rettung eines Lebens Vorrang über dem Schabbatgebot hat. Der Arzt erklärte uns, der Spruch treffe in seiner reinsten Form nur auf das Leben eines Juden zu. Gleichwohl waren die talmudischen Rabbiner nicht bereit, das Leben eines Nichtjuden aufgrund eines Arbeitsverbots dahingehen zu lassen. So entschieden sie aus Rücksicht auf die guten Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden, der Schabbat könne gebrochen werden, um das Leben eines Nichtjuden zu retten.
Dieser Spruch kann als Beispiel für einen empörenden religiösen Partikularismus betrachtet werden, weil er jüdisches Leben prinzipiell höher einordnet als nicht jüdisches. Aber es ist auch möglich, das Urteil als Beispiel für einen lobenswerten Universalismus zu verstehen, weil er eine Praxis bewirkt, in der es keine derartigen Wertunterschiede gibt. Der Arzt hatte gute Argumente für die zweite Lesart. Und er setzte hinzu, er selbst unterscheide nie zwischen jüdischen und nicht jüdischen Patienten: Ein Mensch sei ein Mensch.
Diese attraktive Haltung fand nicht nur Zustimmung. Einer meiner Lehrer erhob sich und erklärte, der Arzt laufe damit Gefahr, gegen die Thora zu verstossen. Er führte weiter aus, von seinem eigenen Rabbiner gehört zu haben, dass bei der Verletzung des Schabbat die Frage der Intention absolut wesentlich sei. Der fragliche Rabbiner war ein führender modern-orthodoxer Exeget des Talmud und mit der New Yorker Yeshiva University assoziiert. Dieser Autorität zufolge ist es gestattet, das Leben eines Nichtjuden zu retten, wenn dies mit der Absicht geschehe, gute Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden zu fördern. Aber wer einen Patienten, motiviert durch eine universelle Moral, rettet, der macht sich der Verletzung des Schabbatgebotes schuldig, weil er eben nicht aus den Gründen gehandelt hat, welche die Rabbiner für zulässig befunden haben.
Der Lehrer hat sich später im Unterricht bei uns entschuldigt. Seine Bemerkungen seien unangebracht gewesen – aber nicht, weil er im Unrecht gewesen sei, sondern weil sich im Publikum Nichtjuden befunden hätten. Der grundsätzliche Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden war für ihn also nicht aufhebbar. Er wollte nicht nur festhalten, dass allein jüdisches Leben die Verletzung des Schabbatgebotes wert seien, sondern auch das Geheimnis darüber bewahren, warum Nichtjuden doch gerettet werden könnten. Diese Version der Tradition zu akzeptieren bedeutet für mich, dass das modern-orthodoxe Projekt einer Teilhabe an der Welt nur aus einer unaufrichtigen Haltung heraus betrieben werden kann.
Aber für einen jungen Mann in der modern-orthodoxen Subkultur gab es kein anderes Thema, das die Spannung zwischen Tradition und Moderne so evident macht wie unsere Haltung zu Sex. Die Moderne und vermutlich auch die staatlichen Vorgaben zum Lehrplan (ich habe das nie überprüft) verlangen nach einem Tag Aufklärungsunterricht in der siebten Klasse. Ich habe das Gefühl, dass die Inhalte dieser Lektion mit denen an den öffentlichen Schulen in Massachusetts übereinstimmten. Allerdings lag ein wesentlicher Unterschied in der Tatsache, dass wir in der vorhersehbaren Zukunft keine Aussicht hatten, auch nur die geringsten Elemente dieses Stoffs in der Praxis anzuwenden. Nach Abschluss des wissenschaftlichen Teils kam der Rabbiner, der die Schule damals geleitet hat, in die Klasse, um uns mit der Perspektive des jüdischen Rechts in dieser Thematik vertraut zu machen. Nach der Heirat würde es möglich sein, eine recht begrenzte Auswahl der eben gehörten Möglichkeiten in die Tat umzusetzen – aber nur in den zwei Wochen des Monats nach der durch die Menstruation bedingten rituellen Enthaltsamkeit.
Nach dieser denkwürdigen Enthüllung wurde die Frage der Geschlechterbeziehungen in unserer formellen Erziehung nicht mehr berührt. Wir wurden regelmässig ermahnt, dass sich Jungs und Mädchen nicht einmal zufällig berühren dürfen. Etliche der attraktivsten Mädchen mussten ungemütliche Einzelsitzungen hinter verschlossenen Türen über sich ergehen lassen, bei denen sie angewiesen wurden, dass ihre ohnehin sittsame und vorschriftsmässige Kleidung noch züchtiger zu sein habe, um die männlichen Wesen um sie herum nicht abzulenken.
Ungeachtet der Kluft, die uns von der amerikanischen Kultur der achtziger Jahre trennte, war das Verbot der Erotik eine tägliche Realität für uns. Ich wurde einmal scharf gemassregelt, weil ein anonymer Informant der Schulverwaltung mitgeteilt hatte, ich hätte an einem Sonntagnachmittag im Bostoner Stadtteil Brookline mit einem Mädchen Händchen gehalten. Der Rabbi unterstellte mir, aus dem Händchenhalten würde zwangsläufig vorehelicher Sex resultieren.
Mein Talmud-Lehrer – der gleiche, der den Arzt in seine Schranken verwiesen hatte – überreichte mir vier eng geschriebene Seiten in dicht argumentiertem rabbinischem Hebräisch, in dem sich der eminente orthodoxe Interpret Rabbiner Moshe Feinstein zu der «Frage eines jungen Mannes, dessen Herz ihn in die Bande der Zuneigung zu einer jungen Frau lockt, ohne die Absicht einer Heirat zu verfolgen» äusserte. Rabbi Feinsteins Urteil über romantische Beziehungen zwischen Leuten, die zu jung für die Ehe sind, war unmissverständlich. Er verbot dies absolut. Teilweise aus dem Grund, dass es dabei absichtlich oder unabsichtlich unvermeidlich zu Samenergüssen kommen würde, die nicht der Fortpflanzung dienten.
Feinsteins Mangel an romantischer Vorstellungskraft wurde von Moses Maimonides mehr als wettgemacht. Der kannte die Seele ziemlich gut. Maimonides charakterisierte die Liebe zu Gott als allumfassend – «als ob man krank vor Liebe ist». Feinsteins Urteil führte mich zu einer Passage in den Texten von Maimonides zum Thema Rechtsfragen, die sich mit dem Verbot von verschiedenen Arten von Kontakten mit Frauen befasst. Am stärksten hat mich das folgende Gebot berührt: «Es ist nicht einmal gestattet, ihr Parfüm zu riechen.» Es ist mir bis heute nicht gelungen, das Gefühl abzuschütteln, dass es sich hier um ein getarntes Liebesgedicht handelt, das Maimonides in die 14 Bände seines Gesetzeswerkes hineingewebt hat. Parfüm hat seither einen ganz neuen Geruch für mich.
Differenz und Versöhnung
Ich habe einen Grossteil meines Berufslebens der verzwickten Situation von Glaubensgemeinschaften gewidmet, die versuchen, modern zu sein und gleichzeitig ihrer Tradition treu zu bleiben. Wie steht es um die evangelikalen Christen, die sich aktiv an der amerikanischen Politik beteiligen wollen, aber einer wörtlichen Auslegung der Bibel verpflichtet sind, die sie zur Ablehnung der Stammzellenforschung bringt und dazu, die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments als Stoff für den Biologieunterricht durchsetzen zu wollen? Manchen Säkularen mag die Zwangslage der Evangelikalen absurd und ihre politische Bewegung gefährlich anti-intellektuell erscheinen. Nun befürworte ich zwar die staatliche Förderung der Stammzellenforschung und ich lehne die Lehre vom «Intelligent Design» oder Kreationismus als Unterrichtsstoff in öffentlichen Schulen ab. Aber gleichzeitig empfinde ich doch Sympathie für die zum Scheitern verurteilten Versuche der Evangelikalen, sich dem wissenschaftlichen Fortschritt in den Weg zu stellen, und das nicht nur, weil ich ihre Sorge teile, dass wir die ethischen Konsequenzen unserer technologischen Fertigkeiten nicht ausreichend bedenken.
Vielleicht sympathisiere ich mit ihnen, weil ich mich an die Qualen erinnere, die unser Schulvorstand ausstehen musste, als er in unsere Biologie-Klasse kam, um das Problem der Schöpfung mit uns zu diskutieren. Ganz auf der Höhe der modern-orthodoxen Lehre, hat er uns erklärt, man könne die Genesis allegorisch verstehen. Es sei daher im Hinblick auf die Tatsache, dass die Sonne – nach der wir unsere Zeitrechnung richten – erst am vierten «Tag» erschaffen wurde, möglich, dass ein biblischer Tag in Milliarden Jahren gemessen werden könnte. Mit der von Ultraorthodoxen gelegentlich aufgestellten, peinlichen Behauptung, dass Gott Dinosaurier-Fossilien während der biblischen Schöpfung in der Erde versteckt hat, um unseren Glauben an seine Unfehlbarkeit zu prüfen, wollte unser Direktor nichts zu tun haben. Für ihn war die natürliche Auslese ebenso eine wissenschaftliche Tatsache, die wir zu respektieren haben, wie die Gesetze der Physik – angeleitet von Gott, aber ins Werk gesetzt durch die Ordnung der Natur. Aber selbst er konnte unser Klassenzimmer am Schluss nicht verlassen, ohne uns eine Warnung mit auf den Weg zu geben: «Die Wahrheit ist, dass ich nach allem, was ich euch eben gesagt habe, immer noch Schwierigkeiten habe zu glauben, dass der Mensch von Affen abstammt.»
Dieses Ringen mit Spannungen – und das Scheitern daran, sie vollständig aufzulösen – tritt auch unter den zahlreichen Muslimen auf, die sich sowohl die freiheitlichen Grundwerte der Demokratie zu eigen machen als auch den orthodoxen Islam. Wie die Texte der modernen Orthodoxie lassen sich auch die Schriften des demokratischen Islam als Ausdruck einer dialektischen Auseinandersetzung lesen. Bei dieser steht der Unwille, die gegenwärtige Realität zu ignorieren, im ständigen Dialog mit dem Gewicht einer Tradition, die als authentisch und von Gott gegeben betrachtet wird. Die Imame, die ich über die Jahre kennengelernt habe, erscheinen mir insgesamt nicht weniger aufrichtig als die Rabbiner, die mich unterrichtet haben. Ich kann in ihrer Hingabe an ihren Glauben und die aus ihm erwachsene Rechtstradition keinen Unterschied erkennen. Vielleicht haben liberale Muslime bereits in Gestalt des Kongressabgeordneten Keith Ellison aus Minnesota ihren Joe Lieberman gefunden. Ellison ist der erste Muslim im Parlament in Washington.
Doch nirgendwo sonst treten die Themen Differenz und Versöhnung, die mich gedanklich so stark beschäftigen, derart schroff zutage wie bei der Frage der Heirat. Für mich liegt darin auch der persönlichste Aspekt meines Versuchs, mit der modernen Orthodoxie zu leben. Obwohl Juden vieler Strömungen Schwierigkeiten haben, Ehen zwischen Juden und Angehörigen anderer Religionen zu befürworten, fällt die Ablehnung durch die moderne Orthodoxie doch besonders schroff aus.
Die Ursachen für diese Ablehnung gehen sowohl aus dem jüdischen Recht als auch aus der Herausforderung hervor, der sich die moderne Orthodoxie bei der Ziehung der Grenzen zwischen ihrer Gemeinschaft und dem modernen, freiheitlichen Staat gegenüber sieht. Die Ultraorthodoxen haben diese Frage durch die Bildung exklusiver Kommunen und die Einsetzung rabbinischer Tribunale für die Klärung von geschäftlichen Streitigkeiten beantwortet. Für modern-orthodoxe Juden, die sich als Staatsbürger verstehen und gesellschaftlich an ihrer Umwelt teilnehmen, ist die Beziehung zum freiheitlich-demokratischen Staat ambivalenter. Sie haben sich entschlossen, die Zusammengehörigkeit der Glaubensgemeinschaft auf soziale Grundlagen zu stellen und nicht auf rechtliche. So definiert sich die Gemeinde nicht so sehr dadurch, was Einzelne glauben oder behaupten zu glauben (und es ist klüger, nicht nach diesem Unterschied zu fragen), sondern durch ihre Handlungen.Heirat ist die Handlung, die öffentlich am stärksten evident ist. Kombiniert mit der traditionellen jüdischen Sorge um Kontinuität und Selbsterhalt – die von der Erinnerung an den Holocaust nur verstärkt worden ist – wurde Heirat zum sine qua non für die Angehörigkeit zur Gemeinschaft der modernen Orthodoxie. In den meisten Fällen würde schon eine Ehe mit einem jüdischen, aber nicht gläubigen Partner die weitere Zugehörigkeit in Frage stellen. Schwule orthodoxe Juden sehen sich nicht nur aufgrund ihrer verbotenen sexuellen Orientierung marginalisiert, sondern auch deshalb, weil ihre Tradition es ihnen nicht gestattet, ihre Wunschpartner zu heiraten. Und für jene, die Angehörige eines anderen Glaubens ehelichen wollen, ist die weitere Zugehörigkeit nahezu ausgeschlossen.
Wir und sie
Es gibt einige Fälle, in denen das Bemühen der modernen Orthodoxie um Abgrenzung eine Rolle bei fürchterlichen Ereignissen gespielt hat. So war Yigal Amir, der Mörder von Itzhak Rabin, ein modern-orthodoxer Jude. Er war davon überzeugt, dass Rabins Bemühungen um Frieden ihn in jene talmudische Kategorie einordneten, die Menschen beschreibt, die anstandslos exekutiert werden können, weil sie im Begriff sind, Juden zu töten. 1994 hat Baruch Goldstein in der Moschee über dem Grab der Patriarchen in Hebron 29 Betende massakriert. Der in den USA geborene Arzt Goldstein hat eine bekannte modern-orthodoxe Schule in Brooklyn besucht. (Es ist typisch für die komplexe Situation der modernen Orthodoxie, dass diese Lehranstalt auch zwei Nobelpreisträger hervorgebracht hat.)
Weil mein Hintergrund und der Goldsteins einander so nahe sind, haben mich die Details seiner Argumentation nie losgelassen. Goldstein hat seinen Terrorakt an Purim begangen, einem Feiertag, der den Sieg der Juden über Haman verewigt, der traditionell als Abkömmling der Amalekiter gilt. Am vorherigen Schabbat hatte Goldstein in der Synagoge den zusätzlichen Abschnitt der Thora für diesen Tag gehört, die jene berühmte Verfügung im Fünften Buch Mose enthält, nicht zu vergessen, was die Amalekiter den Israeliten auf ihrer Flucht aus Ägypten angetan haben und ihnen befiehlt, das Gedächtnis von Amalek unter dem Himmel auszulöschen.
Nach diesem Gebot war das Buch Samuel zum Vortrag gekommen. Es beschreibt detailliert den ersten gezielten Völkermord im westlichen Kanon: Der Befehl Gottes an König Saul, jeden lebenden Amalekiter zu töten – Mann, Frau und Kind und sogar Schafe und Vieh. Saul hat versagt. Er hat den König der Amalekiter und die Schafe verschont. Als Strafe für das unvollendete Schlachten nahm Gott ihm und seinen Erben das Königreich und übergab es an David. Ich kann diesen Abschnitt aus dem Gedächtnis Wort für Wort zitieren. Ich war an jenem Sonnabend in der Synagoge, wie Goldstein.
Natürlich verlangt das jüdische Gesetz heute nicht von uns, dass wir den Befehl zum Völkermord wörtlich nehmen. Die talmudischen Rabbiner haben in einem ihrer grundsätzlichen Urteile entschieden, es sei aufgrund der von dem Assyrerkönig Sennacherib veranlassten Verschiebungen der Völker nicht mehr möglich zu entscheiden, wer ein Nachkomme der Amalekiter ist. Aber mir wurde als Schuljunge beigebracht, die Geschichte von Amalek sei nicht nur ein historisches Ereignis, sondern ein wiederkehrendes: «In jeder Generation stehen sie erneut auf gegen uns, aber der Heilige, gesegnet sei Er, bewahrt uns vor ihnen.» Die heutigen Feinde der Juden sind die Amalekiter von einst. Die Inquisitoren, die Kossacken – Amalekiter. Auch Hitler war ein Amalekiter.
Für Goldstein waren die Palästinenser Amalekiter. Wie ein Puritaner, der die zeitgenössische Entsprechung biblischer Archetypen sucht, wandte er das Deuteronomium und das Buch Samuel auf seine Umwelt an. Aufgefordert, das Land zu besiedeln, folgte er dem Gebot und siedelte. Befohlen, die Amalekiter ohne Gnade und Mitgefühl zu schlachten, metzelte er sie nieder. Goldstein konnte den Unterschied genauso erkennen wie die Ähnlichkeit. Einem Zeitungsbericht zufolge hat er sich während seines Militärdienstes in Israel geweigert, nicht jüdische Patienten zu behandeln. Und seine Handlungen wurden nicht universell verdammt: Sein Grabstein beschreibt ihn als Heiligen und Märtyrer des jüdischen Volkes, dessen «Hände sauber und dessen Herz rein» ist.
Es wäre ein Fehler, den Messianismus der modernen Orthodoxie für ultranationalistischen Terror verantwortlich zu machen. Aber wenn das Böse aus der Mitte deiner Gemeinschaft kommt, dann ist intensives Nachdenken geboten. Nach dem Massaker von Hebron hat mein eigener Lehrer, der verstorbene israelische Gelehrte und Dichter Ezra Fleischer – ein musterhafter Vertreter modern-orthodoxer Gläubigkeit – erklärt, das unschuldige Blut der betenden Palästinenser würde durch die Steine sickern und Tränen in den Augen der unter ihnen bestatteten Patriarchen formen.
Leben mit Widersprüchen
Neulich habe ich meine älteste Schulfreundin wieder getroffen. Wir haben uns an die Geschichte von dem Klassenfoto erinnert und zusammen darüber gelacht, dass ich immer noch eine Persona non grata bin. Sie sagte, sie hätte nie daran gedacht, Neuigkeiten über sich an den Rundbrief zu schicken. Ich fragte sie: «Warum nicht?» Bei ihrer Antwort ging mir ein Licht auf. Sie war nie durch irgendeine Handlung Gefahr gelaufen, öffentlich ausgeschlossen zu werden, aber sie hatte stets das Gefühl, dass die Schule und die Gemeinschaft, der diese angehört, versuchen, sie für sich zu reklamieren. Sie hat dies als Beeinträchtigung ihrer Autonomie wahrgenommen.
Für mich, der ich andere Entscheidungen getroffen habe, besteht ein solches Risiko nicht. Ich muss nicht befürchten, von der Gemeinschaft vereinnahmt zu werden, und habe den Wunsch nicht verloren, wie jedes andere ehemalige Mitglied der Schule behandelt zu werden. Natürlich sind Sanktionen gegen Leute, die mit ihrer Lebensweise brechen, vom Standpunkt der Glaubensgemeinschaft her notwendig, um ihre Sitten aufrechtzuerhalten. Aber innerlich fühle ich mich immer noch ganz selbstverständlich mit meiner Vergangenheit verbunden. Wenn ich an Purim in der Synagoge mit meinen Kindern das Buch Esther lese, erfüllen mich die geliebten alten Sätze mit einer Freude, die mir nicht einmal Baruch Goldstein ganz wegnehmen kann. Es ist mehr als merkwürdig, dass ich mich einer bestimmten Weltsicht so eng verbunden und gleichzeitig so distanziert zu ihr fühle. Vor Kurzem habe ich mit meinem besten Freund darüber gesprochen – selbstverständlich auch ein Maimonides-Absolvent. Unser Thema war, ob wir die gleichen Menschen geworden wären, wenn wir in der Umarmung der modernen Orthodoxie verblieben wären. Er dachte das nicht. Die Entscheidungen, die wir über unser Leben treffen, machen uns zu der Person, die wir sind. Daher hätten andere Entscheidungen uns zu anderen Menschen gemacht. Die Differenz wäre keine radikale gewesen, aber eine spürbare und messbare.
In diesem Punkt habe ich ihm zugestimmt. Aber dennoch habe ich mich gegen die Schlussfolgerung gewehrt. Könnte die widersprüchliche Welt, aus der wir hervorgegangen sind, nicht doch ebenso reichhaltig und fruchtbar sein wie das widersprüchliche Leben, das wir tagtäglich leben? Hätte es wirklich so einen Unterschied gemacht? Ist das Leben nicht für jeden von uns ein gewaltiges Knäuel von Widersprüchen? Da hat meine Freundin nur gelacht.