Ein Leben für die Bühne
Der 1911 in Mährisch Ostrau geborene tschechisch-schweizerische Schauspieler Egon Karter spielte bereits mit 17 Jahren in Theatern und Wanderbühnen und wurde später an der Wiener Volksoper engagiert. 1935 erhielt er eine Nebenrolle im Spielfilm «Das Geheimnis der Mondscheinsonate». Ab dem Jahr 1936 trat er zumeist als Spieltenor in Operetten an den Stadttheatern von Zürich, Basel und Luzern sowie am Corso-Theater in Zürich auf, später auch in Den Haag.
Selbst jüdischer Herkunft, gründete Egon Karter 1940 in den besetzten Niederlanden in Den Haag die jüdische Theatergruppe Klavier Vier. 1942 musste er vor den Nationalsozialisten flüchten. Über Belgien und Frankreich gelang ihm die Flucht in die Schweiz. Es war eine abenteuerliche Flucht. Er hatte Glück, er wurde nicht zurückgewiesen – und landete im Arbeitslager Witzwil und später in anderen Lagern. Während seiner Internierung trat er als Operettensänger und Schauspieler unter anderem am Städtebundtheater Biel-Solothurn auf und ging mit einer Interniertengruppe auf Tournee.
Ab 1946 stand er der Theaterabteilung des Reiss-Verlags in Basel vor. 1947 gründete er das Tournéetheater Schweizerisches Schauspielensemble, unter anderem mit Hans Albers und Maria Schell, mit Albert und Else Bassermann und Leopold Biberti, 1950 das erste Schweizer Kammertheater, die Basler Komödie, die er bis zum Zusammenschluss mit dem Stadttheater 1968 leitete. Er prägte die Theatergeschichte Basels wesentlich mit. Die Komödie wurde zu Basels beliebter «zweiter» Bühne, man stritt um Geld, um Stücke und Programme und spielte in der Schweiz und in zahlreichen ausserschweizerischen Engagements mit grossem Erfolg.
1968 gründete er das Tournéetheater Egon Karter. Er war mit den Regisseuren Fritz Kortner, Gerhard Klingenberg und Harry Meyen unterwegs, mit den Schauspielern Leonard Steckel, Elisabeth Flickenschildt und Klaus-Maria Brandauer.
1973 übernahm Egon Karter den Reiss-Verlag. Er betreute das dramatische Werk Friedrich Dürrenmatts, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Daneben inszenierte er aber auch immer wieder für Tournee-Produktionen.
Alte Querelen
Egon Karter war in erster Ehe mit Joke Senstius verheiratet, in zweiter Ehe mit der Sängerin und Schauspielerin Charlotte Sender. Egon Karter und Charlotte Sender hatten sich am Städtebundtheater Biel-Solothurn kennengelernt. Nach Engagements an den Stadttheatern in Basel, Luzern, St. Gallen, Zürich, Innsbruck und Wien unternahm Charlotte Sender diverse Operettentourneen durch Deutschland und die Schweiz. An der von ihrem Mann geleiteten Komödie trat sie in den Titelrollen von Jerry Hermans «Hello Dolly» und Suppés «Die schöne Galathée» auf und war auch gelegentlich als Schauspielerin zu sehen. Mit der Titelrolle in «Die schöne Galathée» unter der Regie von Kurt Nachmann und der musikalischen Leitung von Werner Kruse konnte Egon Karter seiner Frau Charlotte endlich eine Gelegenheit geben, in «ihrem Theater» zu spielen. Sie hatte sich mit unermüdlichem Einsatz für die Verwirklichung der Komödie engagiert.
Egon Karter war ein erfolgreicher Theatermann. Er hatte viele Neider und sein Engagement für das Theater in Basel wurde ihm zum Teil schlecht belohnt.
Dabei war er eigentlich ein Glücksfall für das Basler Theaterleben. Das Basler Stadttheater war ein starrer Vierspartenbetrieb mit viel Opern- und Operettenaufführungen, etwas Ballet und Schauspielen meist klassischer Art. In der Komödie hingegen wurden schon in den ersten acht Monaten an 270 Tagen 21 Werke 327-mal in Abend-, Nacht- und Nachmittagsvorstellungen und an Matineen gespielt: Goethe, Strindberg, Ibsen, Cervantes, Goldoni, Noël Coward, Verneuil – von Aristophanes bis Sartre. Man kannte sie vom Fernsehen, Leopold Biberti und Blanche Aubry. Sie kamen für Karters Komödie nach Basel. Susanne Almassy vom Theater in der Josefstadt Wien und viele andere Prominente gastierten in der Komödie. Mit Maria (Gritli) Schell in der Rolle von Ibsens Nora war die Komödie selbst am schlechtesten Theatertag des Jahres, am 23. Dezember 1950, ausverkauft. 1951 wurde Egon Karter zum Schauspieldirektor Komödie und Stadttheater ernannt, um das Stadttheaterschauspiel zu retten, dessen Zuschauerfrequenz auf 20 Prozent gesunken war. Das vereinigte Schauspielensemble stellte er mit einer Freilichtaufführung von Hofmannsthals «Jedermann» vor der Fassade des Basler Münsters vor. Das Stadttheater gab gleichzeitig «Maria Stuart» von Schiller und die Komödie «Was ihr wollt» von Shakespeare. Danach jedoch formierten sich die Fronten der Gegner der Komödie erneut und die alten Querelen flammten wieder auf.
Farbige Erinnerungen
An «Jedermann» und an «Romeo und Julia» unter der Regie von Leonhard Steckel mit Maria Schell und Will Quadflieg, die Freilichtaufführung im Bischofshof, dem Pausenhof unseres Gymnasiums, erinnere ich mich bestens. Da durfte ich als 11- beziehungsweise 13-Jähriger hingehen mit der Erlaubnis meiner Eltern, die dem Ehepaar Karter freundschaftlich verbunden waren. Als Gymnasiasten und Studenten stürmten wir die Generalproben der Komödie, die jeweils vor der abendlichen Premiere am Samstag um 12.15 Uhr stattfanden. Unvergesslich bleibt mir Curd Jürgens in «Des Teufels General», der an der Hauptprobe den Text noch nicht intus hatte und die Souffleuse Teile seines Textes sprechen liess, lebendig die Erinnerung an Helmuth Lohner als Hamlet; unvergesslich bleiben die hinreissende Karin Baal und der skurrile, ewig näselnde Arnim Waldeck-Süssenguth, dann Max Knapp, klein, untersetzt, der hervorragende Schauspieler, der nur selten ernste Rollen spielen durfte und zusammen mit Willy Ackermann komische Rollen zu spielen und im Stadttheater zu singen hatte.
Egon Karter holte mit Lustspiel und Schwank und – zugegeben – manchmal einem grösseren Quentchen «Schmiere» das Geld in die Kassen, mit dem er dann auch einen «Godot» spielen konnte. Das missfiel dem puritanischen Basel. Budgetdebatten, Pamphlete und üble Nachrede waren an der Tagesordnung. Egon Karter aber entschied sich, das Leben trotzdem lebenswert zu finden.
50 Jahre lang hat die Komödie Basel Theatergeschichte geschrieben. Ein Stück private Lebensgeschichte schreiben die Objekte und Erinnerungsstücke aus dem Nachlass von Charlotte und Egon Karter-Sender. Einige der Erinnerungsstücke gingen an ihre Erben oder wurden an Freunde verschenkt. Ein weiterer Teil des Nachlasses von Egon Karter, der ihm und seiner Frau zu Lebzeiten Freude bereitete, wurde im Mai in Basel an Interessenten versteigert.