Ein Leben für Bücher
Von Monica Strauss
enahem Schmelzer ist einer der wenigen Akademiker, die gleich in zwei Fachgebieten bleibende Spuren hinterlassen. Der 75-Jährige ist als Albert-B.-und-Bernice-Cohen-Professor für mittelalterliche hebräische Literatur und Bibliografie am New Yorker Jewish Theological Seminary emeritiert. Aber zwischen 1964 und 1987 diente Schmelzer der Institution gleichzeitig als Bibliothekar. Damit war er in seinen eigenen Worten für «eine der bedeutendsten Sammlungen von Hebraica und Judaica weltweit» verantwortlich. Schmelzer wurde in Ungarn geboren und überlebte als Kind zusammen mit seiner Familie den Holocaust im KZ Strasshof nahe Wien. Zurück in Ungarn, wurde Schmelzer als Student am Budapester Seminar für Jüdische Theologie Zeuge der kommunistischen Diktatur, ehe er 1961 in die Lehr- und Forschungsanstalt in New York eintrat.
Schmelzer studierte in Budapest bei dem grossen Bücherkenner Alexander Scheiber, über den er einmal schrieb, dass er «Kataloge und Bibliografien mit der Erregung studierte, mit der sich Krimileser auf ihre Lektüre stürzen». Schmelzer ist in diesem Sinne ein Wissenschaftler, für den ein Dokument die Wirkung entfalten kann, die Proust seinem berühmten Madeleine-Gebäck zuschreibt: Aus den Details eines Textes tritt Schmelzer das ganze Universum einer jüdischen Kultur entgegen. So findet sich in seiner Aufsatzsammlung aus dem Jahr 2006 Schmelzers Analyse einer Auflistung hebräischer Bücher aus dem 15. Jahrhundert, die nicht nur das jüdische Leben in der süditalienischen Stadt Lecce während der Renaissance wiederauferstehen lässt, sondern auch die Gedankenwelt eines damaligen Bücherfreundes, der sich ebenso in die allgemeine Philosophie vertiefte wie in den Talmud und die jüdischen Gesetze.
Schmelzer gewinnt aus den Instrumenten des Bibliothekars wissenschaftliche Erkenntnis. So hat er drei hebräische Bibliografien aus verschiedenen Epochen miteinander verglichen und daraus die Entwicklung des jüdischen Denkens vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart abgelesen. Bereits an der ersten uns bekannten hebräischen Bibliografie, der 1680 von Shabbethai Bass in Amsterdam publizierten «Siftei Yesenim», konnte Schmelzer die allen nachfolgenden Werken dieser Gattung eigenen Probleme identifizieren: Bedingt durch die Zerstreuung der Juden in alle Welt, wurden hebräische Bücher in Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten ebenso gedruckt wie in Indien oder Amerika. Dazu kommen häufig Abweichungen zwischen dem Titel und dem Inhalt eines Buches. Dafür ist «Siftei Yesenim» ein gutes Beispiel. Der Titel ist dem Lied der Lieder entnommen und lässt sich als «die Lippen der Schlafenden» übersetzen. Dies mag als poetischer Verweis auf eine Bücherliste genügen, für eine sachliche Zuordnung jedoch nicht. Dazu treten endlose Rätsel über Autoren auf, da jüdische Namen wie «Isaac» und «Cohen» einerseits sehr häufig sind, andererseits aber in verschiedenen Regionen zur gleichen Zeit in unterschiedlichen Varianten notiert wurden. Zudem enthält ein hebräisches Buch zu religiösen Fragen nur selten einen einzigen Text. Die meisten umfassen zahlreiche Kommentare, die der Bibliograf dann jeweils separat aufzuführen hat.
Einziges Monument der Vergangenheit
Für Schmelzer stellt die erste hebräische Bibliografie eine Reaktion auf die posthum veröffentlichte mystische Abhandlung «schnei luchot ha brit» («Die zwei Tafeln des Bundes») von Isaiah Horowitz aus dem Jahr 1649 dar. Darin treten Bücher in die Sphäre des Gebets ein, da Horowitz erklärt, auch die Leseunkundigen könnten Gott erfreuen, sofern sie zumindest die Namen heiliger Bücher aussprechen. Die inhaltliche Struktur des Buches von Bass ähnelt der von Horowitz in vielerlei Hinsicht. Dies gibt Schmelzer Anlass für die Vermutung, die Bibliografie sei aus der «mystisch-religiösen» Aura hervorgegangen, mit der heilige Bücher damals betrachtet worden seien.
Als 1880 mit der «otzar ha sefarim» («Eine Bibliografie der gesamten hebräischen Literatur») die zweite bedeutende hebräische Bibliografie veröffentlicht wurde, hatte sich das Zentrum des jüdischen Buchwesens von Amsterdam nach Wilna verlagert. Verantwortlich für das ehrgeizige Projekt war das Vater-und-Sohn-Team Isaac und Jacob Benjacob. Allerdings hatten zu der letzten Fassung des Werkes auch die Gründer der damals neuen «Jüdische Wissenschaft» beigetragen. Diese Wissenschaftler waren daran gegangen, hebräische Manuskripte und Druckwerke als historische Quellen für die Suche nach den Ursprüngen jüdischer Glaubenslehren und Institutionen zu behandeln. Benjacob sah seine Arbeit im Rahmen der damaligen Betrachtung von Nationen als «Völker», also als Gruppen von Menschen, die durch eine gemeinsame Geschichte aneinander gebunden sind. Benjacob wollte auch die Juden so definiert sehen. In seinen Augen nahmen Bücher die Rolle des verbindenden Mediums ein. So schrieb er: «Der einzige Überrest der glorreichen Geschichte [Israels] ist seine Literatur. Diese ist sein Land, seine Regierung, das einzige Monument seiner Vergangenheit.»
Das letzte Glied in seiner Trilogie stellt für Schmelzer den Versuch der israelischen Regierung dar, eine nationale Bibliografie aller bis 1960 gedruckten hebräischen Bücher zu erstellen. Diese sollte gleich zwei Zwecken dienen: Zum einen stellte die Bibliografie den Versuch dar, die Verluste durch den Holocaust und die Vertreibung der Juden aus den arabischen Ländern zu erfassen. Zum anderen sollte die Kompilation ein Symbol der neuen Heimstatt sein.
In erster Linie dienen Bibliografien jedoch Büchereien. Als Schmelzer 1964 die Leitung der Sammlung des Jewish Theological Seminary (JTS) übernahm, hatte dort ein entscheidender Wandel begonnen. Ende des 19. Jahrhunderts konnten Forscher die «Jüdische Wissenschaft» in den bedeutenden Hebraica-Sammlungen betreiben, die von nicht jüdischen Institutionen in Oxford, Rom, Parma, Berlin und Paris angelegt worden waren. In den USA existierten derartige Voraussetzungen jedoch nicht, als 1903 mit Alexander Marx der erste Bibliothekar des JTS seine Arbeit aufnahm. Marx stammte aus Deutschland und war vom Geist der «Jüdischen Wissenschaft» beseelt. Sein Ziel war es fortan, eine umfassende Sammlung zu erstellen. Diese sollte neben rabbinischen Quellen die Geschichte der Wissenschaften sowie jüdische Beiträge zu Philosophie, Medizin und Mathematik im Mittelalter enthalten. Darüber hinaus sah Marx die Aufnahme nicht nur der jüdischen Literatur für zwingend an. Er wollte ebenso Bücher mit hebräischen Übersetzungen arabischer und lateinischer Texte in seiner Sammlung sehen, wie die früher christlicher Hebräisten und nicht jüdischer Bibelforscher. Die Ambitionen von Marx erstreckten sich zudem auf antisemitische Materialien und Texte zum Schutz des Judentums sowie aschkenasische, sefardische, jemenitische und italienische Liturgien. Dazu kamen Werke aus weniger bekannten Zentren des Judentums wie Aleppo, Algier, Sizilien und Tripoli. Diese enthielten Tausende von «pijutim» (liturgische Gedichte, die später zu einem zentralen Forschungsobjekt Schmelzers wurden). Die Bibliothek war auch ein Pionier bei der Sammlung jüdischer Gemeindeakten, Pamphlete, Briefe und weiterer Dokumente aus dem Alltag. Dafür wurde eine eigene Abteilung geschaffen.
Modernisierung nach dem Brand
Vor der grossen Depression konnte die Bibliothek des Seminars auf eine grosse Zahl wohlhabender Mäzene zählen, welche die Bestände rasch anschwellen liessen. Die Ordnung der Sammlung blieb darüber zurück. Tausende von Büchern tauchten nicht im Katalog auf. Umschläge wurden ebenso vernachlässigt wie die Einordnung in Regale und die regelmässige Anschaffung von Neuerscheinungen. Erst gegen Ende der 1950er Jahre empfahl eine Kommission unter dem an der Columbia University lehrenden Spezialisten Maurice F. Tauber die Einführung eines modernen Zirkulations- und Akquisitions-Systems sowie die vollständige Reklassifizierung und die Neuerfassung der Bestände auf Grundlage der vom Fachverband American Library Association und der Library of Congress angewandten Methoden. Zu diesem Zeitpunkt konnten Forscher neben der Sammlung des Seminars allein in Manhattan auch an der New York Public Library, am Hebrew Union College, am YIVO, am Leo Baeck Institute und an der Yeshiva University einschlägige Recherchen betreiben.
Als Schmelzer 1964 seine Stelle antrat, musste er nicht nur dieser radikalen Neuausrichtung gerecht werden, sondern einer Katastrophe, die das Seminar zwei Jahre später traf: 1966 zerstörte ein Brand 70 000 Bände der Sammlung. Heute betrachtet Schmelzer es als seine grösste Leistung für die Institution, dass er nach dem Feuer «dazu beigetragen hat, die Bibliothek in eine funktionierende und modernisierte Einrichtung zu verwandeln. Dies geschah vor allem durch die Einführung eines universellen Systems der Katalogisierung und der Klassifikation.» Schmelzer selbst räumt ein, dass er erst in den 1990er Jahren, nachdem er seinen Posten an der Bibliothek verlassen hatte, erneut mit ganzer Kraft wissenschaftlich arbeiten konnte. Er hat sich seither nicht mehr intensiv mit dem Bibliothekswesen befasst.
Als Forscher wurde Schmelzer damals wie viele andere Wissenschaftler auf die Kairoer Geniza aufmerksam, ein Schatz hebräischer Bücher, der 100 Jahre zuvor in der uralten Synagoge Ben Ezra im Kairoer Stadtteil Fostat entdeckt worden war. Dieser Fund gab reiche Auskunft über das literarische, aber auch das wirtschaftliche und gesellschaftliche Wirken des mediterranen Judentums im Lauf mehrerer Jahrhunderte. Schmelzer interessierte sich vor allem für die reichhaltige liturgische Poesie in dem Fund, speziell für das Werk des im Palästina des siebten Jahrhunderts lebenden Dichters Yannai. Dieser hat «pijutim» für jeden Schabbat des Jahres verfasst. Da er zeitgenössische Quellen benutzt hat, gab das Werk Yannais neues Wissen über das jüdische Leben in Eretz Israel während seiner Epoche und den Jahrzehnten zuvor frei.
Im Jahr 2004 konnte Schmelzer als ausgezeichneter Forscher am John W. Kluge Center der Washingtoner Kongress-Bücherei arbeiten. Er beschäftigte sich damals mit den Beziehungen zwischen jüdischen und nicht jüdischen Verlegern in Deutschland. Dies stellte eine Fortsetzung seiner Untersuchung dieser für den Druck und die Publikation hebräischer Bücher so fruchtbaren Epoche dar. Schmelzer führte dies auf den Einfluss von Hofjuden, die zunehmenden Kontakte zwischen Juden und Nichtjuden, die Mobilität jüdischer Gelehrter zwischen Ost- und Westeuropa sowie die Zunahme der Jeschiwas zurück, die Rabbinern die Möglichkeit zum ungestörten Studium gewährten.
Indem er sich ebenso in den Dienst einer bedeutenden Institution gestellt wie als Wissenschaftler gearbeitet hat, kann Menahem Schmelzer auf eine einzigartige Karriere zurückschauen. Ismar Schorsch, der emeritierte Kanzler des Jewish Theological Seminary, hat Schmelzers Verdienste so zusammengefasst: «Seine geistige Grosszügigkeit ist seiner Gelehrsamkeit stets ebenbürtig.»
Menahem Schmelzer: «Studies in Jewish
Bibliography and Medieval Hebrew Poetry: Collected Essays». New York, Jewish Theological Seminary, 2006.
Monica Strauss ist Kunsthistorikerin und Autorin in New York.