Ein lang gehütetes Geheimnis

Editorial von Valerie Wendenburg, November 18, 2011
Die israelische Autorin Lizzie Doron hat anlässlich des Kulturfestivals Culturescapes im Literaturhaus Basel aus ihrem aktuellen Roman «Das Schweigen meiner Mutter» gelesen und die Besucher auf eine spannende Reise in die Vergangenheit ihrer Familie entführt.
LIZZIE DORON Die Autorin der «zweiten Generation» begibt sich auf die Spurensuche

Jahrzehntelang hat Lizzie Doron das Schweigen ihrer Mutter respektiert, auch wenn es wie ein Damoklesschwert über ihrer kleinen Familie hing. Ihre ganze Kindheit und Jugend überlebte die israelische Autorin mit dem Schicksal, nichts über die Herkunft und den Verbleib ihres Vaters zu wissen. Auch die Geschichte ihrer Mutter blieb Doron verschlossen, da diese ihr nur Fragmente aus ihrem Leben vor dem Holocaust erzählte. Wie die Mutter vor der Schoah gelebt, welches Schicksal sie erfahren hatte und wer ihr Vater war – all diese Fragen waren unbeantwortet, als Lizzie Dorons Mutter Helena Anfang der neunziger Jahre starb.

Mutige Spurensuche

Erst als ihre Tochter für die Schule eine Recherche über die eigene Familie machen sollte, durchbrach Lizzie Doron die Mauer des Schweigens. In langjähriger Arbeit widmete sich die Schriftstellerin ihrer Familiengeschichte, die sie auch in ihren ersten Büchern «Warum bist Du nicht vor dem Krieg gekommen?» (2004), «Ruhige Zeiten» (2005) und «Es war einmal eine Familie» (2009) zum Thema machte. Ihr Vater spielte in diesen Werken noch keine Rolle, erst in ihrem neusten und bisher persönlichsten Buch «Das Schweigen meiner Mutter» macht sie sich auf eine intensive Spurensuche – für Doron kein leichtes Unterfangen. «Es ist ein autobiografisches Buch», betont Doron, «alle Protagonisten haben sich in ihm wiedererkannt». Und so tauchen die Leser in einen Roman ein, in dem die Autorin immer von der Gegenwart in die Vergangenheit springt, mit eindrücklichen Beschreibungen fesselt und schliesslich ein lang gehütetes Geheimnis preisgibt.

Nicht nur eine Heimat

Der Auftritt der 1953 in Tel Aviv geborenen Autorin im Literaturhaus Basel war trotz des eher bedrückenden Themas erfrischend und humorvoll. Bewegt las Doron teils auf Hebräisch aus ihrem Buch vor, weitere Passagen wurden von der Schauspielerin Miriam Japp auf Deutsch gelesen. Die Moderation in englischer Sprache übernahm die Literaturwissenschaftlerin Bettina Spoerri auf gewohnt professionelle wie einfühlsame Weise. Die gute Stimmung zwischen ihr und Doron sprang auch auf das Publikum über, das im Anschluss an die Lesung zahlreiche Fragen an Lizzie Doron stellte. Die Schriftstellerin der «zweiten Generation», die sich seit vielen Jahren aktiv für eine Annäherung zwischen Israeli und Palästinensern und für mehr Demokratie und Gleichberechtigung in Israel einsetzt, scheut auch den Kontakt zu Kollegen in Deutschland nicht. Immer wieder bereist sie das Land, dessen Sprache auch die ihre ist, wie sie betont. So hat ihre Mutter immer mit sich selbst auf Deutsch gesprochen, Lizzie Doron kannte als Kind deutsche Kochrezepte und fühlt sich daher in dem Land, das für die Grauen nicht nur ihrer Familie verantwortlich ist, dennoch zu Hause. Sie hat, wie sie betont, drei Heimaten: Israel, in dem sie aufgewachsen ist, Deutschland, wo ihre Wurzeln liegen, und Manhattan, wo sie innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ohne jegliche Belastungen und frei von Erinnerungen leben kann. Für ihre Leserschaft ist zu hoffen, dass ihr neuer Roman  nicht Lizzie Dorons letztes Buch über die Vergangenheit der Familie und ihre Erinnerungen ist.