Ein kontroverser Journalist tritt ab
Der diese Woche in Argentinien verstorbene Jacobo Timerman galt als offener und kontroverser Journalist. Berühmt geworden ist er durch sein 1981 im israelischen Exil veröffentlichtes Buch «Prisoner Without a Name, Cell Without a Number», in dem er sich mit seiner Zeit in Gefangenschaft befasst. Thema sind die 30 Monate Hausarrest Ende der 70er Jahre in Argentinien, als die Militärjunta tausende von Menschen umbrachte. Nach seiner Freilassung wanderte Timerman nach Israel aus, wo er nicht davor zurückschreckte, den Staat zu kritisieren, vor allem Israels Rolle im Libanonkrieg von 1982, mit der er sich in seinem Buch «The Longest War» auseinandersetzt. Gleichzeitig übte er aber auch scharfe Kritik am palästinensischen Terrorismus. Dass Timerman im Nahost-Konflikt beide Seiten kritisierte, hängt mit seiner persönlichen Philosophie zusammen, die er wie folgt beschrieb: «Eine Welt, die manchmal die Form des Zionismus annahm, manchmal jene des Kampfes um Menschenrechte, dann wieder die Form des Kampfes um die freie Meinungsäusserung und in anderen Fällen die Solidarität mit Dissidenten gegen jegliche Erscheinung des Totalitarismus.» Jacobo Timerman kam 1923 in der Ukraine zur Welt. Als er fünf Jahre alt war, emigrierte seine Familie nach Argentinien. Als Kind, er lebte damals im jüdischen Viertel von Buenos Aires, fragte er seine Mutter einmal, warum die anderen sie hassten. «Sie verstehen uns nicht», lautete die Antwort. Den Rest seines Lebens verbrachte Timerman damit, nach einer besseren Antwort zu suchen. Seine journalistische Laufbahn begann er mit der Arbeit für jüdische Publikationen in Argentinien. Später war er bei Agence France Press und wichtigen lokalen Zeitungen, bevor er anfing, die Branche mit seinen eigenen Publikationen zu revolutionieren. Seine pointierte Meinung, die er immer offen zum Ausdruck brachte, verschaffte im viele Feinde, sogar unter Berufskollegen. Als die Columbia Universität ihm 1981 die prestigeträchtige Auszeichnung Maria Moors-Cabot verlieh, gaben einige frühere Preisträger ihre Auszeichnung aus Protest zurück. «Es spielte ihm keine Rolle, ob man ihn gern hatte», sagte Jorge Abrasha Rottenberg, ein langjähriger Freund des Verstorbenen. «Er wollte nur seinen Konzepten und Ideen treu bleiben. Im Unterbewusstsein war er ein Agitator». Die argentinische Militärdiktatur von 1976 bis 1983 änderte Timermans Leben. Zu einer Zeit, da die Medien einer strikten Zensur unterworfen waren, veröffentlichte Timermans Zeitung «La Opinion» das Unsagbare: Sie schrieb über die Terrorkampagne des Regimes gegen verdächtigte linke Aktivisten und Sympathisanten, Studenten und Intellektuelle, Schauspieler und Journalisten, Gewerkschaften und gewöhnliche Leute. Er benutzte sein Blatt auch, um den staatlich unterstützten Antisemitismus zu verurteilen. Im April 1977 übernahm das Militär «La Opinion» und Timerman wurde verhaftet. Er wurde gefoltert - weil er Jude war. Man verhörte ihn in Bezug auf eine zionistische Verschwörung, Patagonien zu übernehmen, eine grosse Region im mittleren Südargentinien. Timerman wurde einer der prominentesten politischen Gefangenen Argentiniens, der vor allem in den USA und in Israel Aufmerksamkeit erregte. Nachdem eine demokratisch gewählte Regierung ans Ruder gelangte, kehrte er 1983 nach Argentinien zurück. Er sagte gegen seine Peiniger aus und erhielt Kompensation für seine von der Regierung übernommenen Zeitungen.
JTA