Ein Koffer voller Geschichten
Wie erklärt man die Sowjetunion in wenigen Worten? Viele Schriftsteller, Lyriker, Essayisten haben es versucht, kaum einem ist es gelungen. Alexander Solschenizyn schrieb ein Buch namens «Archipel Gulag», und weil man im Westen meinte, er habe endlich der Welt die Augen geöffnet, liebte man ihn. In Russland liebte man Sergej Dowlatow. Man liebte ihn von Herzen, er öffnete niemandem die Augen, hatte aber die seinen immer offen. Deshalb schrieb er auch keinen Jahrhundertroman, keine Stadtgeschichte, sondern meist nur kurze Skizzen. «Der Lyriker Sosnora war zu Besuch in New York. Ich weiss noch, wie ich, Amerika kritisierend, zu ihm sagte: ‹Hier gibts Unmengen von Essen, Klamotten, Freizeit und – keine Gedanken.› Sosnora antwortete: ‹In Russland ist es andersherum, da gibts eine Menge Gedanken. An Essen, an Klamotten, an Freizeit.›»
Exilprobleme eines jeden geflohenen Intelligenzija-Russen und Russland in drei Sätzen zusammengefasst. Sergej Dowlatow, Sohn eines jüdischen Vaters und einer armenischen Mutter, wurde 1941 in Ufa, nicht weit vom Ural, geboren, wohin seine Familie aufgrund des Krieges evakuiert worden war. Anarchist, der er war, versuchte er jahrelang als Journalist in der meinungsfreien Sowjetunion durchzukommen. Mal in Leningrad, mal in Tallinn. Am liebsten schrieb er über das Leben, wie er es sah. Scharfe, kurze Beobachtungen, die die Sowjetunion so treffend wiedergaben, dass sie sie ungern druckte und der KGB die erste Auflage seines ersten Buches vernichten liess.
Erstes Buch auf Deutsch
Nachdem Dowlatow einige Geschichten in westlichen Zeitschriften veröffentlicht hatte, wurde er aus dem Journalistenverband der UdSSR ausgeschlossen. 1978 gelang es ihm, in die USA zu emigrieren, wo er endlich Anerkennung bekam: Er gründete die liberale Emigrantenzeitung «Neuer Amerikaner», veröffentlichte im angesehenen «The New Yorker», wurde als Schriftsteller anerkannt.
Soeben ist, endlich, ein Buch von Sergej Dowlatow in einer deutschen Übersetzung erschienen. Es heisst «Der Koffer». Bei seiner Auswanderung in die USA durfte der Autor nur einen einzigen alten Koffer mitnehmen, und als er den nach Jahren wieder entdeckt, fällt ihm zu jedem Stück etwas ein: Zu den finnischen Acrylsocken, zu dem gediegenen Zweireiher und auch zu dem Offiziersgürtel. Das Vorwort zu der Neuerscheinung, wie könnte es auch anders sein, hat der Russe per se geschrieben, Wladimir Kaminer. Er schreibt darin, Dowlatow sei sein Lieblingsschriftsteller, er schreibt, Dowlatow sei «ein Goldjunge russischer Literatur», und er hat Recht.
Nicht selbstzentriert
Der Goldjunge trank gerne. Unter anderem mit dem Literaturnobelpreisträger Josef Brodsky zusammen. Verkatert schrieb er Skizzen, Dialogfetzen, Erinnerungsstücke, Gedankenblitze auf. Er schrieb aus Spass. Er schrieb über seine Erfahrungen mit kommunistischen Zeitungen, über seine Armeezeit in einem sibirischen Straflager, über seine Familie und Freunde. Seine verbotenen und später in den USA erschienenen Werke wurden in der Sowjetunion kopiert, selbst gedruckt und von Hand zu Hand versteckt weitergereicht. Er brachte die Menschen dazu, über Dinge zu lachen, die ihrer Natur nach zum Weinen waren.
Manchen Autoren wird vorgeworfen, sie schrieben zu sehr über sich selbst, über das eigene Leben, sie erfänden nicht genug. Dowlatow hatte das Erfinden meistens nicht nötig. Er war nicht selbstzentriert, aber klug, zynisch und nicht gemein. Wenn man so über das eigene Leben schreibt, hat man keinen Vorwurf verdient. Er selbst sah sein Schreiben bescheidener: «Gott gab mir das, worum ich ihn mein ganzes Leben lang gebeten hatte. Er machte mich zu einem durchschnittlichen Schriftsteller. Als ich so einer wurde, wurde mir klar, dass ich mehr Ansprüche hege. Aber es war zu spät. Gott bittet man nicht um Zugabe.»
Sergej Dowlatow: «Der Koffer», DuMont Verlag, Köln 2008.