Ein König in New Jersey

May 11, 2010
Joseph Bonaparte, der Bruder Napoleons, hat gut 20 Jahre lang im Süden New Jerseys in spektakulärem Luxus residiert. Der ehemalige König von Spanien brachte 1815 eine Bibliothek und eine Kunstsammlung mit in sein Exil, die damals in Amerika absolut einzigartig waren. Nun suchen Archäologen nach den Spuren des Monarchen, dessen Bedeutung für die amerikanische Kulturgeschichte erst heute erkannt wird.
«BRÜCKE DER WILDEN» Von dem grossen Park Joseph Bonapartes finden sich noch Spuren wie diese malerische Brücke

von Andreas Mink

Joseph Bonaparte war der einzige König, der jemals in den USA residiert hat», sagt Andrew Cosentino und hält am dicht bewachsenen Rand des Steilhangs inne, an dessen Fuss der Crosswicks Creek in den Delaware River mündet: «Hier in Point Breeze hat sich der ältere Bruder Napoleons 1817 niedergelassen.» Das Anwesen verdankte seinen Namen den kräftigen Winden, die über die Anhöhe südlich des Ballungsgebietes von Trenton, New Jersey, streichen. Auf der anderen Seite des Delaware, der hier ein breites Sumpfgebiet bildet, beginnt der Bundesstaat Pennsylvania. Eine halbe Autostunde flussabwärts liegt Philadelphia. Dort ist Joseph Bonaparte am 11. September 1815 nach einer abenteuerlichen Flucht aus Europa eingetroffen. Cosentino erklärt: «Die Bonapartes hatten Vorbereitungen für das Entkommen Napoleons nach Amerika getroffen. Aber der Kaiser zog es vor, als Held in die Geschichte einzugehen und stellte sich nach Waterloo den Briten.» So fiel es dem 1768 geborenen Joseph zu, sich in der Neuen Welt niederzulassen. Erst 1838 kehrte er wieder auf Dauer nach Europa zurück.

Kunstsinniger Einwanderer

Obwohl der ausgebildete Jurist an historisch so bedeutsamen Abkommen wie dem Verkauf der westlich des Mississippi gelegenen Besitzungen Frankreichs an die USA beteiligt war, interessierten Macht und Staatsgeschäfte Joseph Bonaparte weniger als die schönen Seiten des Lebens. So fand er allem Anschein nach erst am Delaware ganz zu sich selbst. Dort konnte Bonaparte sein Dasein ungestört Büchern, Kunst, Gärten und den Frauen widmen. Die Mittel dazu hatte sich der geistreiche Lebemann in seiner kurzen Karriere als Monarch in Neapel und Spanien zusammengeraubt: Neben den Kronjuwelen liess Bonaparte allein aus
Madrid unschätzbare Arbeiten von Rafael und Tizian mitgehen, vor allem aber das monumentale Gemälde von Jacques-Louis David, das Napoleon bei der Überquerung der Alpen zeigt. Dass die erstaunliche Geschichte seines amerikanischen Exils nun erforscht wird, ist vor allem Andrew Cosentino zu verdanken, der auch nach seiner Pensionierung als Historiker an der Library of Congress und beim renommierten Smithsonian Institute in Washington vor Energie sprüht.

Der kleine, drahtige Mann hat die Historikerin Patricia Tyson Stroud bei ihrer höchst unterhaltsamen Bonaparte-Biographie «The Man Who Had Been King» (University of Pennsylvania Press, 2005) unterstützt und seither zwei Symposien über den König und sein Anwesen ausgerichtet. Cosentino hatte vor zehn Jahren mit der Ordnung des Archivs der katholischen Missionarsbruderschaft Society of the Divine Word begonnen, die das Anwesen am Delaware River 1940 als Alterssitz für ihre Mitglieder erworben hatte. Sein Interesse an der Geschichte des Orts wurde von den Legenden geweckt, die sich um Point Breeze ranken. Bonaparte hatte das Grundstück im Juli 1816 über einen Agenten erworben. Er liess auf der Anhöhe ein grosses Palais bauen, das über mehrere Tunnel mit einer Landestelle für Flussschiffe und weiteren Gebäuden verbunden war, die nach und nach entstanden. Als Cosentino nach Point Breeze kam, waren einige Tunnel noch begehbar: «Jugendliche aus dem nahe gelegenen Städtchen Bordentown haben dort über Generationen nach den Schätzen Bonapartes gesucht – aber nie etwas gefunden. Die katholischen Brüder lagerten dort ihre Kartoffeln. Aber inzwischen sind die Tunnel eingestürzt.»

Das Palais brannte 1820 unter nie ganz geklärten Umständen ab. Aber Bonaparte verfügte über die Mittel, seine Pferdeställe in ein zweites, weiter vom Fluss entferntes Anwesen ausbauen zu lassen. Sein junger Sekretär Louis Mailliard war 1816 als Bergbauingenieur verkleidet auf Bonapartes Schloss Prangins im schweizerischen Waadtland zurückgekehrt und hatte dort vergrabene Diamanten sowie Papiere Napoleons geborgen. Bei Cosentino hat sich vor einiger Zeit ein Paar aus Kalifornien gemeldet, das von Mailliard abstammt und behauptet, ihr Ahn sei eines der illegitimen Kinder des Monarchen gewesen. Die neue Residenz wurde nach dem Tod Josephs im Jahr 1844 von seinen Erben mit dem gesamten, acht Quadratkilometer grossen Areal an den Sohn eines britischen Diplomaten verkauft. Cosentino widerspricht der Legende, der neue Besitzer habe das Palais aus Hass auf die Bonapartes abgerissen: «Wir wissen aus Briefen des Verwalters an Joseph, dass es enorm teuer war, das gewaltige Gebäude instand zu halten. Es war schlicht wirtschaftlicher, eine kleinere und modernere Villa zu bauen.» Auch diese existiert nach einem Brand in den 1980er Jahren nicht mehr. Cosentino betrachtet es aber als Glücksfall für die Forschung, dass die drei Wohnsitze auf verschiedenen Plätzen des Areals gebaut wurden: «Das erleichtert den Archäologen den Zugang und die Einordnung der Funde.»

Erfolgreiche Spurensuche

Dass seit dem Sommer 2008 auf Breeze Point nach den Spuren Bonapartes gegraben wird, ist ebenfalls Cosentino zu verdanken. Er hatte den an der Monmouth University im Nordosten von New Jersey lehrenden Archäologen Richard Veit am Rande eines Vortrags angesprochen und ihn eingeladen, das Gelände zu besichtigen. Wie Veit in seinem Büro erzählt, war er ebenso erstaunt wie erfreut über das Angebot. Wie in vielen Teilen der USA treten Archäologen in New Jersey häufig bei grossen Bauvorhaben auf den Plan, um etwaige historische Stätten zu erfassen. Dies kann zu kostspieligen Verzögerungen führen und dämpft die Sympathie von Behörden und Unternehmen für die Archäologie. Veit war allerdings mit einem unmittelbar an Breeze Point angrenzenden Fundort indianischer Kulturen vertraut, der zu den grössten und ältesten seiner Art an der amerikanischen Ostküste zählt. Bonapartes Arbeiter waren bei der Anlage des damals in den USA einzigartigen Parks von Breeze Point auf indianische Relikte gestossen. Daran erinnert bis heute die zu Ehren dieser Funde so genannte «Brücke der Wilden» im dichten Gehölz auf dem Anwesen, die dem Besucher eine vage Vorstellung von den kunstvoll arrangierten Skulpturen, Pavillons und Pfaden der Anlage gibt, in der Bonaparte und seine zahlreichen Gäste einst zu Fuss oder in Kutschen lustwandelten.

Veit hatte niedrige Erwartungen, als er mit einigen seiner Studenten und Freiwilligen von der archäologischen Gesellschaft New Jerseys mit seinen Grabungen begann: «Man sieht auf den ersten Blick nur Rasen und das erste Palais ist nicht auf der einzig erhaltenen Karte des Anwesens aus dem Jahr 1847 eingezeichnet. Aber der vom Ufer auf das Gebäude zulaufende Tunnel gab uns rasch Aufschluss über dessen genaue Lage.» Veit begann mit Probegrabungen und bereits bei dem zweiten Einstich fanden Studenten zahlreiche Scherben von Weinflaschen: «Das war sehr aufregend. Die Studenten riefen: Wir haben seinen Weinkeller gefunden!» So konnte der Archäologe bereits im ersten Jahr etwa 12 000 Gegenstände im Umfeld der ersten Residenz sicherstellen. Veit zeigt Marmorstücke mit Brandspuren, Bruchstücke dunkelgrüner, teilweise geschmolzener Flaschen und einen kleinen Glaskasten mit Türbeschlägen, ein Kupferblech, Spiegelglas und die verkohlten Überreste einer Diele: «Die Wertgegenstände, Bilder und Juwelen Bonapartes wurden in der Brandnacht von den Bewohnern Bordentowns gerettet. Das spricht für die Beliebtheit Josephs. Als Bauherr und Gutsbesitzer – Breeze Point umfasste bald mehrere Bauernhöfe – war er über viele Jahre der grösste Arbeitgeber in der Region. Bonaparte wird aber von Zeitgenossen auch als sehr umgänglich und sympathisch geschildert.»

Eine köngliche Bühne

Allein die bislang vorliegenden Funde aus dem ersten Haus offenbaren Richard Veit den für die damaligen Verhältnisse in den USA einzigartigen Lebensstil Bonapartes: «Er hat aus Europa einen Luxus und Geschmack mitgebracht, der sämtliche Sammlungen hierzulande weit in den Schatten gestellt hat.» Die Bibliothek Bonapartes umfasste 8000 gegenüber den 6500 Bänden in der National Library of Congress. Das auf der weithin sichtbaren Anhöhe stehende Palais war Kernstück einer «Inszenierung ohnegleichen: Bonaparte hat sich am Delaware eine Bühne königlichen Zuschnitts geschaffen, die Besucher aus dem ganzen Land, aber auch aus Übersee angezogen hat», so Veit. Etliche Verwandte und Anhänger der Bonapartes wie zwei Söhne des tollkühnen Marschalls Joachim Murat liessen sich ebenfalls in Bordentown nieder. Es wird zwar immer wieder vermutet, dass Joseph in allerlei Verschwörungen verwickelt war, um seiner Sippe wieder zur Macht in Frankreich zu verhelfen, aber der König liebte das gute Leben zu sehr, um von Point Breeze aus ernsthaft zu politisieren. Er hatte unter anderem einen Koch mit in sein Exil gebracht, der den Gästen raffinierte Speisen zubereitete.

Zu diesen Freunden und Besuchern zählten nicht nur die Spitzen der Gesellschaft in Philadelphia, das damals weitaus bedeutender als Washington war. Bonaparte verkehrte überdies mit amerikanischen Grössen wie Präsident John Quincy Adam oder dem Senator und US-Aussenminister Daniel Webster. Bonaparte zog daneben Gelehrte an. Sein Neffe und Schwiegersohn Charles-Lucien Bonaparte weilte ebenfalls für längere Zeit in Point Breeze und machte sich schon in jungen Jahren einen Namen als Naturforscher. Auch um die Gastmahle Bonapartes ranken sich Legenden, hatte dieser doch in Spanien den Spitznamen «Pepe Botellas» (Flaschen-Joseph) getragen. Patricia Stroud kann in ihrem Buch nachweisen, dass sich der König persönlich bei den Flaschen zurückhielt, aber ein begeisterter Esser war.

Bonapartes Grosszügigkeit als Gastgeber entsprang vermutlich seinem
Naturell, aber für Veit und Cosentino liegt auf der Hand, dass er sich damit auch die Sympathie der von Haus aus keineswegs monarchistisch gesinnten Amerikaner sichern wollte. Diese Grosszügigkeit fand eine erstaunliche Fortsetzung in der Offenheit, mit der Bonaparte Fremden Zutritt zu seiner atemberaubenden Kunstsammlung gab. So berichtet der bedeutende amerikanische Maler Thomas Sully von dem überwältigenden Eindruck, den ein Besuch in Point Breeze bei ihm hinterlassen hat. Zudem hat Bonaparte etwa sein monumentales David-Gemälde wiederholt der neu gegründeten Kunstakademie in Philadelphia geliehen. Veit und Cosentino erklären übereinstimmend, dass Bonaparte damit in seiner neuen Heimat auch als Sammler einen «Kulturschock» im positiven Sinne ausgelöst hat.

Touristenattraktion

Von der Kunst und dem traumhaften Luxusleben Bonapartes auf Point Breeze sind freilich keine Anzeichen mehr vorhanden. Wie ein mehrstündiger Rundgang mit Cosentino zeigt, liegt vor Veit und seinem Team trotzdem noch eine gewaltige, überaus reizvolle Aufgabe. Der alte Historiker zeigt auf eine breite Lehmbank im sumpfigen Wasser nahe des Ufers: «Da sind die Überreste des Damms, mit dem der König einen kleinen Bach zum See im Park aufgestaut hat.» Am oberen Ende des ehemaligen Teichs ist ein eingefallener Tunneleingang mit einer Steinterrasse sichtbar. Ein paar Schritte weiter ragen Ziegelhaufen zwischen Baumwurzeln hervor: «Spuren des Hauses von Charles-Lucien und Bonapartes Tochter Zenaide», so Cosentino. Etwa 150 Meter westlich davon tut sich eine Grube im Waldboden auf, in der zwischen Mauersteinen eine gewaltige Stufe aus Marmor liegt – vermutlich Teil der zweiten Residenz. Dazu dürften gleich nebenan auch mehrere tiefe, ausgemauerte Schächte für Brunnen oder Zisternen gehört haben, auf die Cosentino ebenfalls im dichten Gebüsch aufmerksam macht. Dann entfährt ihm ein freudiges «Sehen Sie!» und er bückt sich nach einer kleinen, weissen Scherbe, die auf einem Moos mit bewachsenen Stein liegt: «Das dürfte Teil einer Tasse sein, hier muss die Küche der zweiten Residenz gelegen haben.»

Die Scherbe in Händen haltend, breitet Andrew Cosentino schliesslich seinen Traum aus: Aus Breeze Point könnte eine Kombination aus Museum, Forschungsstätte und Touristenattraktion werden. Der alte Historiker lässt durchblicken, dass das Anwesen auf Dauer zu kostspielig für die schwindende Zahl der katholischen Brüder sein wird, die heute dort ihren Lebensabend verbringen. Daher sucht Cosentino nach Stiftungen oder Sponsoren, die systematische Ausgrabungen und die partielle Wiederherstellung des Parks finanzieren: «Das könnte eine fantastische Attraktion für die vielen, an unserer Geschichte interessierten Leute werden, die hier an der bevölkerungsreichen Ostküste der USA leben.» Vermutlich wäre dies sogar im Sinne des gastfreundlichen Monarchen. Denn Joseph Bonaparte hat Point Breeze nicht zuletzt deshalb zu seinem Wohnort gemacht, weil er hier über ausserordentlich gute Verkehrsverbindungen nach New York, Philadelphia, Baltimore und Washington verfügte. ●

Andreas Mink ist Redaktor bei der JM Jüdische Medien AG und lebt in den USA.