Ein Kampf im Inneren des Menschen

Von Rabbiner Lionel Elkaïm, September 28, 2011
Nun, da wir uns anschicken, ein neues Jahr zu begrüssen, steht Rosch Haschana an erster Stelle als Synonym für Familienzusammenkünfte. Die hohen Feiertage bringen ein volles Programm mit sich, in dem weder die traditionellen Süssigkeiten noch die erinnerungs- und emotionsgeladenen Melodien des Schofars fehlen. Seiner tiefen Bedeutung sind wir uns aber nicht immer bewusst.
DAS BLASEN DES SCHOFARS Ein Klang des Krieges und des Sieges

In der religiösen Auffassung der meisten Juden wird der Schofar einfach als ein Instrument betrachtet, dessen heilige Berufung es ist, unsere Herzen näher zu Gott zu bringen. Letztlich sind wir uns der tiefen Bedeutung des Schofars aber nicht immer bewusst. Um uns für die Tragweite seiner Töne zu rüsten, drängt sich eine Erneuerung unserer Kenntnisse also förmlich auf. Dafür ist die Erinnerung daran nützlich, dass der Schofar in früheren Zeiten auch dazu diente, in Momenten der Kata­strophe und des Krieges zu erklingen.

Viele Gesichter
Der Schofar hat demnach mehrere Gesichter: Er diente dazu, das Volk zu alarmieren und es in den Kampf zu rufen − ebenso kann er aber auch die Herzen der Menschen für die Reue («teschuwa») wecken.
Rabbiner Jechiel Weinberg sagte vor fast einem Jahrhundert, dass es doch erstaunlich sei, dass dieser eine Ruf eines Horns zwei sich derart widersprechenden Zwecken dienen könne. Kann die gleiche Stimme, die den Menschen zur Moral zurückführt, wirklich dazu geeignet sein, den Willen der Krieger zur Gewalt zu wecken? Wie sollen diese beiden entgegengesetzten Ziele miteinander vereinbar sein? Was geschieht bei der Benutzung des Schofars?
Die Thora lehrt uns, dass sogar der Schofar des Krieges seit jeher zum Erreichen eines moralischen Zieles beiträgt. So hat das Volk Israels sich nie dazu verleiten lassen, einen Krieg zur Eroberung von Ländereien zu beginnen. Anderen Völkern ihre Herrschaft aufzuzwingen oder ihre Macht zu vergrössern, war für die Hebräer kein Grund für einen Konflikt mit ihren Nachbarn. Ihr Ziel bestand darin, barbarischen Völkerstämmen – in Harmonie mit den Lehren Moshes – einen humanen Geist und Moral nahezubringen. Joshua, der Nachfolger Moshes, wurde mit der Eroberung von Eretz Israel beauftragt. An erster Stelle lud er alle Völkerstämme zum Frieden ein.

Der Ruf des Sieges

Der Klang des Schofars ist ein Ruf des Krieges. Aber er appelliert auch an das Gewissen des Menschen und ruft ihn zum Handeln auf. Rosch Haschana ist eine Kriegserklärung, für die der Mensch sich rüsten muss. Aber es geht nicht um einen Bruderkrieg, der den Menschen seinem Nächsten gegenüberstellt. Es ist ein Kampf, der im Inneren des Menschen stattfindet; ein Kampf zwischen dem Geist und dem Tier, die in ihm wohnen.
Indessen beschwören wir in unseren Gebeten am Tag von Rosch Haschana auch den Klang eines anderen Schofars. Jenen des grossen Schofars! Des Schofars, der sich am Tag des Einhalts der Schlacht hören lässt, den Ruf, der nicht länger ein Kriegsruf sein wird, sondern einer des Sieges, und der von einem Ende der Welt zum anderen hallen wird.