Ein Kaleidoskop berühmter Gesichter
Die Auswahl von Porträts renommierter Musiker, Maler, Schriftsteller, Philosophen, Wissenschaftler und sogar Sportler, mit der das Präsidialdepartement der Stadt Zürich im Stadthaus bis zum 27. August an Eric Schaal und seine hervorragenden Leistungen auf dem Gebiet der Porträtfotografie erinnert, berechtigt zur Annahme, dass der deutsch-jüdische Fotograf bald in die entsprechenden Enzyklopädien aufgenommen und als einer der wesentlichen Porträtisten aus der Zeit von 1930 bis 1970 von der Fachwelt wahrgenommen wird.
Dank seiner Konzentration auf die Gesichtszüge als Brennspiegel der Individualität lässt sich Eric Schaal bezüglich der Porträts namhafter Künstler am ehesten mit internationalen Grössen der jüngeren Fotogeschichte seit Nadar vergleichen, so etwa mit Brassai und Hugo Erfurth, Gisèle Freund und Sanford Roth, vor allem aber mit Man Ray, der sich durch eine ähnliche Neugierde gegenüber schöpferischen Menschen auszeichnete.
Dankbare Objekte
Während in Schaals Aufnahmen von Malern und Bildhauern wie Archipenko, Dalí, Kokoschka, Morandi, Wotruba und Zadkine der entsprechende Tätigkeitsbereich ins Porträt einbezogen erscheint, lassen die Bildnisse von Komponisten und Schriftstellern eher selten Rückschlüsse auf ihren Beruf zu. Lion Feuchtwanger an der Schreibmaschine, der Geiger Fritz Kreisler mit seinem Instrument, Arnold Schönberg in Dirigierpose bilden da Ausnahmen, stets weit entfernt von behutsamen Inszenierungen, wie denn Eric Schaal mit einem Minimum an Requisiten und zusätzlichem Licht auszukommen pflegte. Eine Sonderstellung nimmt Salvador Dalí, einer der eitelsten Selbstdarsteller, in mitunter bizarren Szenen ein, wenn er sich etwa zeichnend im Bett mit einem darüber hinwegspringenden Tänzerinnenpaar oder inmitten eines Grossaufgebots an Lampen, Tüchern und Pinseln in reichlich possierlicher Pose verewigen lässt.
Selbst ein als wenig photogen geltender Schriftsteller wie Thomas Mann verliert in Schaals Porträts (Princeton 1937, New York 1941) an Distanziertheit, erst recht angesichts der Widmung an seinen «besten Porträtisten», als den er den 1936 in die USA emigrierten Landsmann ausdrücklich bezeichnete. Stefan Zweig verstand sich, als er Schaal einen Abzug seines Porträts zueignete, als «das dankbare Objekt», wobei der Besucher dieser ersten Fotoausstellung Eric Schaals in der Schweiz dem Verleger Stefan Weidle dankbar sein sollte, diese bis dahin unbekannten Meisterporträts mit der Präsentation im Zürcher Stadthaus und mit dem Bildband «Eric Schaal. Photograph» (Weidle Verlag, Bonn 1998) erschlossen zu haben. Wen wundert es, dass das 150 Porträts im Duotone-Verfahren reproduzierende Buch, das nebst einem Nachwort von Klaus Honnef ein Interview mit Miriam Schaal von Barbara Weidle sowie eine Kurzbiografie und einen Brief Schaals an den Schriftsteller Max Mohr aus dem amerikanischen Exil enthält, im vergangenen Jahr von der Stiftung Buchkunst als eines der 50 schönsten deutschen Bücher ausgezeichnet wurde. Seine erste Kamera hatte der 1905 in München geborene Fotograf 1918 zur Barmizwa bekommen. Bevor er aber als Fotograf zu arbeiten begann, absolvierte Eric Schaal auf väterlichen Wunsch eine kaufmännische Lehre, um von 1932 an für eine Münchner Konzertagentur tätig zu sein. Bereits ein Jahr nach seiner Einwanderung in die USA konnte der Fotograf für Alfred Eisenstaedts Agentur «Pix» und seit den frühen vierziger Jahren auch für «Time» arbeiten. Nachdem er im Auftrag von «Time Life» 1968 die Kasseler «Documente 4» fotografiert und danach mehrere Osteuropareportagen realisiert hatte, zog sich Schaal 1972 ins Privatleben zurück. Der kleinwüchsige Mann fesselte durch seinen intensiven Blick und einen Schalk, der bis zuletzt von jugendlicher Frische blieb. Dass Eric Schaal ein leidenschaftlicher Handschriftensammler war und über eine umfassende Bildung auf vielen Gebieten verfügte, widerspiegeln in der Ausstellung im Stadthaus Zürich nebst Reproduktionen aus seinem Autographenalbum zahlreiche Kopien von Briefen berühmter Künstler, mit denen er über seine beruflichen Beziehungen als Fotograf hinaus freundschaftliche Kontakte pflegte. Zur visuellen Bereicherung der zur Gedenkausstellung gewordenen Übersicht über die Porträtkunst Schaals tragen Farbprojektionen von Porträtserien (Marcel Duchamp, Günter Grass, Vladimir Nabokov) und Kontaktabzüge ganzer Filmrollen (Porträts von Marc Chagall, Thomas Mann, Vladimir Nabokov, Dmitrij Schostakowitsch) bei, die Auskunft über die Arbeitsweise des eine einzige Perspektive bevorzugenden Fotografen geben. Im Hinblick auf die nie beendete Buchveröffentlichung «Das Antlitz des schöpferischen Menschen» sammelte Schaal vorwiegend Gesichter, die ihn resp. seine Kamera direkt anblickten.
Man Ray kreativer Exilanten
Das Resultat seiner regen Sammeltätigkeit präsentiert sich wie ein Kaleidoskop berühmter Persönlichkeiten. Es macht Eric Schaal zum «Man Ray kreativer Exilanten», gab er doch in den Porträts der vom selben Schicksal geprägten Künstler im amerikanischen Exil zweifellos sein Bestes. Von den rund 50 Porträtierten in der Zürcher Ausstellung sind nebst Chaplin, Dalí, Albert Einstein, Thomas Mann, Erich Maria Remarque und Franz Werfel besonders hervorzuheben Béla Bartók, Karen Blixen, Alfred Döblin, Aldous Huxley, Walter Mehring, Sergej Rachmaninow, Igor Strawinsky, Ernst Toller, Wladimir Vogel, Bruno Walter, Thornton Wilder und Stefan Zweig. In der Ausstellung liegt eine Liste mit den Kurzbiografien der porträtierten Persönlichkeiten auf.