Ein jüdischer Jesus

June 17, 2010
Die Passionsspiele im bayerischen Dorf Oberammergau gehen auf eine 375 Jahre alte Tradition zurück. Die Premiere der diesjährigen 41. Passionsspiele fand Mitte Mai statt. Die Verantwortlichen der Schau zeigen sich bemüht, antisemitischen Tendenzen entgegenzuwirken.
ABSTAND VON DER VERGANGENHEIT Ein Versuch, Jesus zu judaisieren

Nachdem Adolf Hitler sich die Oberammergauer Passionsspiele in den dreissiger Jahre angeschaut hatte, soll er gesagt haben, die «Bedrohung durch das Judentum» sei noch nie so überzeugend dargestellt worden, wie in dieser Aufführung über die Geschehnisse zur Zeit der Römer.

Heute aber sehen die Spiele über die letzten Tage Jesu, die bis zum Oktober rund eine halbe Million Zuschauer anziehen dürften und fast die Hälfte der 5000 Einwohner des Ortes in die Produktion involvieren, leicht anders aus. Produzent Christian Stückl und sein Stellvertreter Otto Huber haben neue Elemente integriert, um zu demonstrieren, wie Jesus die jüdischen Gesetze befolgte. Eine Szene etwa zeigt, wie Jesus und seine Jünger eine Thorarolle hochhalten und das Schema-Gebet rezitieren.

Weniger antisemitisch?

Für einige Kritiker aber sind die Spiele, die während Jahrhunderten Pogrome gegen jüdische Gemeinden in Europa ausgelöst haben, nach wie vor antisemitisch. In der Szene etwa, in der Jesus gekreuzigt wird, fordern Hunderte «Juden» seine Exekution. Für Noam Marans, Direktor des American Jewish Committee (AJC) für interreligiöse Fragen, geht die Szene «durch Mark und Knochen». Unter den Reformern Christian Stückl und Otto Huber, so schreibt Marans in einer vom AJC verbreiteten Stellungnahme, seien die jüngsten Version der Spiele aber weniger beleidigend für Juden als frühere Versionen. Dennoch würden die Szenen weiterhin an Stereotypen festhalten und verleumderische Behauptungen wiederholen, die in der Geschichte immer wieder Gewalt gegen Juden ausgelöst hätten. «Am meisten beunruhigt», sagt Rabbi Eric Greenberg von der Anti-Defamation League (ADL), «die falsche Beschuldigung, ‹die Juden› seien für die Kreuzigung verantwortlich». Dennoch gehören ADL und AJC zu den Gruppen, welche die diesjährige Inszenierung – das Stück wird alle zehn Jahre aufgeführt – als weniger antisemitisch bezeichnen als frühere.

Ein «Passionsspiel-Disneyland»

Während einer der ersten Aufführungen dieses Jahres war eine vom AJC und dem Berliner Programm Close Up gesponserte Gruppe amerikanischer Juden in Oberammergau, um mit Christen zu diskutieren. In den letzten Jahrzehnten habe es «riesige Forschritte» gegeben, sagt die 23-jährige Elissa Sagor. «Während früher der jüdische Hohepriester Hörner trug, wird nun versucht, Jesus zu judaisieren», sagte sie.

Die Passionsspiele dauern bis 3. Oktober, mehr als 2000 Personen aus der Lokalbevölkerung spielen alle zu besetzenden Rollen. Das gedeckte Auditorium, in dem die Vorstellungen stattfinden, fasst 4700 Sitze. Die offene Bühne ist von gewaltigen Bergen umgeben. Für die Vorstellungen haben sich praktisch alle Männer die Bart- und Kopfhaare wachsen lassen. «Oberammergau gleicht einem Passionsspiel-Disneyland», meint Sagor.

In einem jüdischen Zusammmenhang

Für Elliot Leffler, einen 30-jährigen Theaterstudenten der Universität von Minnesota, liefert das Spiel keinen Beweis dafür, dass die Juden Jesus getötet haben: «Nicht wenige der wichtigen Juden vermitteln einen sympathischen, bewundernswerten Eindruck. Das dürfte auch bedeutende theologische Auswirkungen darauf haben, wie ein christliches Publikum den Tod Jesu interpretiert.»

David Rees, Leiter des Münchner Synagogenchors Shma Koleinu, ist beeindruck davon, wie es Stückl gelungen sei, «die Geschichte der Passionsspiele voll in einen jüdischen Zusammenhang zu setzen». Stückls Produktion sei Welten entfernt von der antisemitischen Vergangenheit der Passionsspiele. Stückl habe einen «sehr jüdischen Jesus» geschaffen, räumt auch Marans ein. Während Jesus ein Faksimile der Thora hochhält, singen 400 Juden verkörpernde Oberammergauer das Schema-Gebet. Marans bezeichnet das als einen «unglaublichen Moment in der Geschichte der Oberammergauer Spiele», weil man während Jahrzehnten darum gekämpft habe, «komplette Klarheit hinsichtlich der Jüdischkeit des Jesus» zu manifestieren. Alles in allem sei es laut Stückl nicht leicht, sowohl Christen als auch Juden zufriedenzustellen.