Ein Jubiläum literarischer und künstlerischer Art

von Walter Labhart, February 25, 2010
Als am 3. März 1910 in Berlin die erste Nummer der Zeitschrift «Der Sturm» erschien, ahnten wohl nur wenige Leser, welch wichtigen Grundstein ihr Herausgeber Herwarth Walden damit gelegt hatte.
100 JAHRE«DER STURM» Die bedeutende Zeitschrift des Expressionismus gab der Avantgarde eine Stimme

Was vor genau 100 Jahren in Berlin als «Wochenschrift für Kultur und die Künste» begann, entwickelte sich binnen zweier Jahrzehnte zu einem kulturgeschichtlichen Phänomen. Der Zeitschrift «Der Sturm» schloss ihr Herausgeber Herwarth Walden (1878–1941) schon 1912 eine Galerie mit reger Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland an, zwei Jahre später rief er den Sturm-Verlag ins Leben. Nicht genug damit, gründete er 1916 die Sturm-Schule für Bühne, Vortragskunst, Dichtung und Musik, der im folgenden Jahr eine Sturm-Bühne angeschlossen wurde. Dank Waldens Weitsicht, Offenheit und leidenschaftlichem Engagement für die avantgardistische Literatur, Kunst und Architektur wurden aus der Initialzündung, der Zeitschrift, eine kulturelle Institution von europäischer Bedeutung und eine eigentliche künstlerische Bewegung.

Organ des Expressionismus

Begonnen hatte «Der Sturm», der seinen programmatischen Namen der damals mit Herwarth Walden verheirateten Dichterin Else Lasker-Schüler verdankt, als vorwiegend literarisches und kulturkritisches Journal im Zeitungsformat. Mit seinem früh­expressionistischen, selber illustrierten Geschlechterkampf-Drama «Mörder, Hoffnung der Frauen» sorgte der von Walden entdeckte Oskar Kokoschka schon im ersten Jahrgang für gehässige Kritik – und weitere, junge Leser. Bis 1913 erschien «Der Sturm» wöchentlich, dann bis 1916 halbmonatlich, anschliessend nach wiederholtem Formatwechsel bis 1923 monatlich, 1924 vierteljährlich, 1925 bis 1929 wieder monatlich, danach unregelmässig. Nach 406 Nummern stellte Walden seine Herausgebertätigkeit 1932 aus vorrangig ökonomischen Gründen ein. Im selben Jahr übersiedelte er als überzeugter Kommunist in die Sowjetunion. Dort starb er am 31. Oktober 1941 in einem Gefängnis in Saratow.

Elite jüdischer Lyriker

Herwarth Walden, der ursprünglich Georg Lewin hiess und als Pianist ausgebildet worden war, verfügte über einen genialischen Spürsinn für neue Strömungen sowohl in der Literatur als auch in den bildenden Künsten. Hatte er einmal seinem Naturell entsprechende Qualitäten erkannt, setzte er sich in seiner Zeitschrift risikofreudig für Dutzende von grossen Talenten ein. «Der Sturm» brach ebenso für Marc Chagall, Paul Klee und Franz Marc eine Lanze wie für zahlreiche jüdische Schriftsteller. Zu der von Walden geförderten Elite junger Lyriker zählen etwa Albert Ehrenstein, Claire und Iwan Goll, Jacob van Hoddis (Hans Davidsohn), Else Lasker- Schüler, Alfred Lichtenstein und Alfred Mombert. Prosabeiträge lieferten unter anderem Max Brod, Alfred Döblin, Walter Mehring, Mynona (Salomon Friedlaender), Ludwig Rubiner, Paul Scheerbart, Tristan Tzara und Herwarth Walden selber, der sich den Lesern nicht nur als gefürchteter Kritiker und Polemiker, sondern auch als Autor von Bühnendichtungen und heute noch lesenswerten Nekrologen von August Macke, Franz Marc, Jacoba van Heemskerck oder August Stramm vorstellte.

Künstlerische Doppelbegabungen

Selber ein vielseitig talentierter Künstler, scheint Herwarth Walden ein besonderes Flair für Doppelbegabungen gehabt zu haben. So finden sich denn in seiner Zeitschrift auffallend viele Textbeiträge oder originalgrafische Werke sowie Reproduktionen nicht nur von Wassily Kandinsky, Paul Klee und Oskar Kokoschka, sondern auch von Hans Arp, Josef Capek, Ernst Ludwig Kirchner, Alfred Kubin, László Moholy-Nagy, Otto Nebel, Kurt Schwitters und Nell Walden. Ihr, der zweiten Frau von Herwarth Walden, dem 1933 nach Bern emigrierten Maler-Dichter Otto Nebel und der holländischen Kubistin Jacoba van Heemskerck widmet das Kunstmuseum Olten vom 16. Mai bis 8. August eine «Sturm»-Ausstellung, die mit Originalgrafik von 50 Künstlern an die Gründung dieser reichhaltigsten Zeitschrift des Expressionismus erinnern wird. bildlegende