Ein Hotel, ein Prinz und die Rothschilds
Das denkmalgeschützte Hôtel Lambert, eines der bedeutendsten Gebäude im Herzen von Paris, darf nicht wie geplant in grossem Stil umgebaut werden. Das hat ein Verwaltungsgericht in der französischen Hauptstadt Ende September entschieden. Es stoppte damit Baupläne des neuen Besitzers, eines Bruders des Emirs von Katar. Zur Begründung hiess es, dass nach den vorliegenden Plänen nicht ausreichend klar sei, wie stark die historische Bausubstanz des Gebäudes verändert werden solle. Das prächtige Stadtpalais auf der Seine-Insel Saint-Louis wurde im 17. Jahrhundert erbaut. Seine Innenausstattung war Vorbild für das Schloss in Versailles. Der neue Besitzer wollte unter anderem eine Tiefgarage unter dem Gebäude bauen lassen. Dafür sollten die alte Ufermauer und überdies der Festsaal des barocken Hotels verunstaltet werden – doch Paris sagte nein. Justitia liess sich nicht blenden.
Verschandelung oder Rettung?
Das Gericht ist der Auffassung, dass die vom Prinzen geplante Renovierung dem historischen Komplex auf der Île Saint-Louis, wo einst Chopin komponierte, George Sand schrieb und der Schriftsteller Voltaire mit seiner Geliebten lebte, einen «unwiderruflichen Schaden» zufügen würde. Die Modernisierungspläne sollen, so das Gericht, überarbeitet werden. Doch der neue Besitzer, der Prinz Scheich Abdallah Hamad bin Khalifa al-Thani, argumentiert, dass die von ihm geplanten Arbeiten das Gebäude nicht verunstalten, sondern vielmehr retten würden. In der Tat sind die Spuren des Verfalls an dem Architektur-Juwel nicht zu übersehen. Von aussen gesehen macht das stattliche Gebäude zwar noch immer einen imposanten Eindruck. Innen aber nagt der Zahn der Zeit. Der Prinz will das Haus wieder in alter Pracht erstrahlen lassen – und teilweise auch zurückbauen.
Aus zwei ursprünglich getrennten Seine-Inseln entstand auf Veranlassung von Kardinal Richelieu um 1609 eine Insel, die von den Bauunternehmern Marie, Poulettier und Le Regrattier durch zwei Brücken mit dem rechten Seine-Ufer verbunden und bebaut wurde. Die von ihnen verwirklichten und bis heute erhaltenen Gebäude strahlen kühle Würde aus. Neben Adligen haben betuchte Künstler und Intellektuelle wie die Dichter Charles Baudelaire und Théo-phile Gautier, Philosophen wie Voltaire und Rousseau sowie Staatsmänner wie Georges Pompidou traditionell auf der Île St. Louis gewohnt. Zu den bedeutenden Bauten auf der Insel, von wo aus man rechts das Hôtel de Ville und links das Quartier Latin mit dem Panthéon sehen kann, gehört die Kirche Saint-Louis-en-l‘Île, die 1664 von Louis Le Vau begonnen und 1726 von Jacques Doucet vollendet wurde. Das benachbarte Hôtel de Lauzun am Quai d’Anjou, als Gästehaus der Stadt Paris genutzt, ist ebenfalls ein Werk des Architekten Le Vau und gilt in architektonischer Hinsicht als der grosse Rivale des Hôtels Lambert. Das Lambert, um 1640 an der südöstlichen Spitze der kleineren der beiden Seine-Inseln errichtet, war abermals ein Meisterwerk von Baumeister Louis Le Vau, der auch mit Erweiterungsarbeiten am Schloss Versailles befasst war. Es war genau auf die Bedürfnisse des Erstbesitzers Jean-Baptiste Lambert, seines Zeichens Sekretär Ludwig XIII., zugeschnitten. Mit seinem halbkreisförmigen Ehrenhof und dem offenen Treppenhaus, dem ovalen Vestibül, der «Galérie d’Hercule» – mit Darstellungen der Herkules-Sage – und seiner reichen Innenausstattung aus der Zeit seiner Entstehung stellt das Hôtel Lambert eine kunst- und kulturgeschichtliche Rarität ersten Ranges dar. Über die Jahre diente es sowohl Voltaire als Unterschlupf als auch polnischen Exilanten als politisches Hauptquartier.
Die vorherigen Besitzer, die Bankiers-Familie Rothschild, unterteilte das Gebäude vor Jahrzehnten in mehrere Wohneinheiten. Der Scheich will diese nachträgliche Umwidmung zum Appartementhaus rückgängig machen und das Schlösschen wieder als Einfamilienhaus nebst Trakten für Funktions- und Personalräume nutzen. Überdies hat der von der Gegenwehr überraschte Prinz aus dem Morgenland die Absicht bekundet, die verblassten Deckengemälde von Charles Le Brun, dessen Arbeiten auch den Spiegelsaal von Versailles zieren, von französischen Experten restaurieren zu lassen und die Fassade in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. Doch ebenso liegt dem arabischen Besitzer an einem geräumigen Parkplatz. Und deswegen haben Vertreter der Pariser Denkmalschutzbehörde – die Commission du Vieux Paris, ein beratendes Komitee unter dem Vorstand des Bürgermeisters – sich medienwirksam gegen die weitreichenden Pläne gewehrt, die ihrer Meinung nach den Charakter des Hauses verändern. Sie seien hocherfreut über einen Investor, der das Gebäude zu erhalten in der Lage und willens sei, doch sie sind gegen die im Erstentwurf vorgesehenen Pläne. Das Komitee wehrt sich gegen die das Niveau des Hofes und des hängenden Gartens verändernde Tiefgarage, gegen die Klimaanlage, die Fahrstuhlschächte und eine Erhöhung der historischen Aussenmauern um etwa einen halben Meter. Doch manchmal muss ein Denkmal eben auch vor Denkmalpflegern geschützt werden. Die Argumente pariert Eric Ginter, der Anwalt des Scheichs Abdullah, mit dem Hinweis, die Klimaanlage sei ein Beitrag zur Erhaltung der Malereien. Und die unterirdische Garage mache ein optisch unschönes Parken der Limousinen vor dem Eingangstor unnötig. Alles in allem sei es dem Prinzen, einem Kunst- und Architekturliebhaber mit einem Faible für das 17. Jahrhundert, ein Anliegen, das vom Verfall bedrohte Gebäude zu erhalten und in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen.
Prominente Protestler
Das hat das Gericht nicht überzeugt. Dabei wurden die Pläne des Scheichs und seiner Architekten, die angeblich auch prunkvolle Marmorbäder mit goldenen Armaturen nach orientalischem Geschmack in die feine Pariser Immobilie integrieren wollen, bereits vor Monaten nachgebessert. So war eine Nasszelle nicht zulässig, die ausgerechnet über einem Saal mit wertvollen Decken-Fresken – gigantische Götter, Musen und mythische Helden, gestaltet von Charles Le Brun – untergebracht werden sollte. Zu den Auflagen gehörte es auch, Teile der maroden Treppe sowie die kostbar bemalte Decke nicht dem Fahrstuhlschacht zu opfern, sondern zu restaurieren. In diesem Punkt gab es bereits vor Monaten ein Einlenken. Um die mit farbigen Medaillons, Putten und Wappen geschmückte Holzdecke im Kabinett des Gründers zu schonen, liess man den Fahrstuhl in der Bel Etage enden und verzichtet zudem auf die zum Seine-Ufer gerichtete, riesige Ausfahrt der Tiefgarage, deren gähnende Öffnung die Mauer entstellt hätte. Dafür sah die überarbeitete Fassung nun einen monströsen Fahrstuhlblock vor, der, verbunden mit Bädern und Klimaschächten, mehr als ein Drittel des prächtigen Raumes besetzt und somit profan umgewidmet hätte – damit weiterhin eine komfortable Verbindung von den im Untergeschoss gelegenen Wellness- und Fitnesseinrichtungen zu den Wohnetagen gegeben sein würde.
Stark gemacht gegen die Umbaupläne hat sich mit und im Komitee auch eine traditionsbewusste Gruppe von prominenten Protestlern. Darunter ist die einstige Star-Filmschauspielerin Michèle Morgan, die jahrzehntelang ein Appartement in dem eleganten Stadtpalais an der Seine bewohnt hat. Komponist Henri Dutilleux, der rund 50 Jahre in der Gegend um das Lambert gelebt hat, fürchtet ebenso den Verlust einer aussergewöhnlichen architektonischen Einmaligkeit. Auch der Sänger Georges Moustaki und der Comedian Guy Bedos haben sich der Petition angeschlossen und sprechen sich gegen die grossspurigen Pläne des Scheichs aus. Der Milliardär vom Golf hat die Stadtresidenz von Baron Guy de Rothschild 2007 für angeblich rund 80 Millionen Euro erworben und Alain-Charles Perrot, einen auf historische Monumente spezialisierten Architekten in staatlichen Diensten, mit einem ehrgeizigen Restaurierungsprojekt betraut: Noch einmal der halbe Kaufpreis, rund 40 Millionen Euro, wurden für Umbau, Renovierung und erste konservatorische Massnahmen veranschlagt. Schon im Herbst vergangenen Jahres waren die Positionen hart aufeinander geprallt. Die Vertreter der Gegenpartei fürchteten triviale Technologie, optisch gravierende Veränderungen und überhaupt, so die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» im Februar 2009, einen Umbau im «Hollywood-Stil» und in James-Bond-Manier. Gleichwohl ist es unstrittig, dass das Engagement des reichen Bauherrn, der dem abgewohnten Gebäude ohne staatliche Zuschüsse zu neuem Glanz verhelfen will, als wahrer Glücksfall zu werten ist.
Allerdings liegen die ambitionierten Arbeiten nun auf Eis. Vor einem Beschluss über die Rohbaumassnahmen wird kein Baukran aufgebaut und kein Pinselstrich gesetzt: Solange das Dach nicht geflickt und die elektrischen Leitungen nicht heutigem Standard angepasst seien, werde man sich der Restaurierung der historischen Malerei nicht widmen, liess der Anwalt des Scheichs verlauten. Solange dafür kein grünes Licht gegeben wird, ist das Schicksal des Pariser Kulturschatzes ungewiss. Das dürfte Meldungen in der französischen Presse zufolge auch Präsident Sarkozy in Verlegenheit bringen. Er unterhält enge Beziehungen zu Katar. Beziehungen, die noch enger werden könnten und sollten, zumal die investitionskräftige und -willige Führung von Katar auf Einkaufsbummel in Europa ist. Zuletzt machte der Porsche-Deal Schlagzeilen: Katar ist seit Sommer Grossaktionär und damit Retter der legendären deutschen Sportwagenschmiede. Und Scheich Khalifa al-Thani war das erste arabische Staatsoberhaupt, das 2007, nach dem Wahlsieg Sarkozys, in den Elysée-Palast geladen wurde, woran sich manche Hoffnung geknüpft haben wird. Die Familie übt bereits grossen Einfluss auf die französische Energieversorgung aus. Anfang Oktober hat ein anderer Scheich, Hassan ben Ali al-Naima aus dem Emirat Adschman, ein Übernahmeangebot für das angeschlagene französische Modehaus Christian Lacroix abgegeben. Höchstwahrscheinlich hat auch der Amtskollege aus Katar schon Pläne für ein weiteres Engagement in Frankreich in der Schublade. Ob sich das auf den Fortgang der Dinge im Fall des Hôtel Lambert auswirken wird? Mit dem Urteil hat das Gericht die Macht und Willkür der Denkmalpfleger in die Schranken verwiesen und zugleich demonstriert, dass die historische Bausubstanz in Paris ungeteiltes Interesse der Institutionen und der Öffentlichkeit sowie deren Schutz geniesst – ohne politisches Kalkül.