Ein historischer Moment

April 30, 2008
Wenn die jüdische Gemeinde von La Chaux-de-Fonds Ende April den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund zur Delegiertenversammlung empfängt, feiert sie damit gleichzeitig ihr 175-jähriges Bestehen. Die grösste jüdische Kleingemeinde erlebte ihre Blütezeit dank der Uhrenindustrie vor gut 100 Jahren. Davon zeugt noch heute die unter Denkmalschutz stehende grosse Synagoge.
<strong>Pr&auml;gend f&uuml;r die Stadt </strong>Die Synagoge ist ein Wahrzeichen von La Chaux-de-Fonds

Erste Erwähnung finden jüdische Einwohner in La Chaux-de-Fonds um das Jahr 1790 – nicht zufällig verbunden mit den Anfängen der damals noch handwerklichen Herstellung von Uhren. Im Jahr 1815 wurde der aus dem kriegsversehrten elsässischen Hegenheim geflohene Léon Woog aus humanitären Gründen aufgenommen, wenn auch mit Auflagen. In seinem Haus versammelten sich zu den hohen Feiertagen des Jahres 1833 die paar jüdischen Familien, die sich in der weiteren Region niedergelassen hatten, zum Gebet. Und als wenig später weitere Juden aus Hegenheim und Hagenthal im Neuenburger Jura eintrafen, ergriff Isaac Bloch im gleichen Jahr die Initiative zur Gründung einer jüdischen Gemeinde. Er war nicht nur Vorbeter und Lehrer, sondern in seinem Haus fanden auch die Gottesdienste statt. Nur in Endingen, Basel und Avenches bestanden zu dem Zeitpunkt schon jüdische Gemeinden in der Schweiz. Die Juden von La Chaux-de-Fonds benötigten bald grössere Gebetsräume und fanden diese in einer Wohnung an der Rue Jaquet-Droz. Die Gemeinde unterstellte sich dem Rabbinat von Moïse Nordmann aus Hegenheim, der einmal pro Jahr einen Gottesdienst leitete.

Wenn den Juden die freie Religionsausübung auch gestattet wurde, so mussten sie weiterhin hartnäckig um Aufenthaltsbewilligungen und das Recht auf den Erwerb von Liegenschaften kämpfen. Erst nach einer langen Debatte wurde dies Moïse Woog vom Grossen Rat des Kantons Neuenburg 1849 gestattet. Das Grundstück wurde im Volksmund fortan «Jerusalem» genannt. Die Bewilligung wurde allerdings ausdrücklich als Ausnahme bezeichnet – man fürchtete, dass der Kanton «zum Anziehungspunkt der Israeliten von überall her» würde. Erst unter dem Druck des Handelsabkommens zwischen der Schweiz und Frankreich von 1865 und der Bundesverfassung von 1874 erhielten die Juden die gleichen Rechte wie die übrige Bevölkerung. Den Katholiken war es im Übrigen im protestantisch geprägten La Chaux-de-Fonds auch kaum besser ergangen. So durften diese um 1840 zwar eine Kapelle bauen, diese aber nicht mit einer Glocke ausstatten.

Synagoge und Friedhof

Die jüdische Gemeinde wuchs rasch an, so dass sie 1862 an der Rue de la Serre ihre erste eigene Synagoge bezog. In jener Zeit wurden auch die ersten jüdischen Vereine gegründet, so namentlich 1854 der noch heute bestehende Frauenverein («Société des Dames»). 1867 löste man sich vom Rabbinat von Hegenheim und nahm die Anstellung eines eigenen Rabbiners in Aussicht. Bis es so weit war, dauerte es dann allerdings noch fast 20 Jahre. Noch vorher konnte die jüdische Gemeinde ihren Friedhof im Dorf Les Eplatures eröffnen, das dann im Jahr 1900 von La Chaux-de-Fonds eingemeindet wurde. Die denkwürdige Einweihung fand am 9. Dezember 1872 bei strömendem Regen statt, so dass die Feier kurzerhand in die benachbarte protestantische Kirche verlegt wurde. Diesem Zeichen der Toleranz standen in jener Zeit auch schwerwiegende antisemitische Vorkommnisse gegenüber. So kam es 1861 zu einem tätlichen Angriff von arbeitslos gewordenen Uhrenarbeitern auf eine Gruppe von Juden, welche in einem Restaurant eine Versammlung abhielten. Dies veranlasste mehrere angesehene jüdische Familien, ihren Wohnsitz nach Genf zu verlegen. Unter dem Eindruck eines andern antisemitischen Vorfalls beschloss die Gemeindeversammlung am 26. März 1885, das bereits weit gediehene Projekt für eine neue und grössere Synagoge bis auf weiteres auf Eis zu legen. Wenige Wochen zuvor war eine Puppe, die einen Juden darstellte, öffentlich verbrannt worden.

Der Antisemitismus war die Kehrseite des grossen Einflusses, den die Juden auf die Entwicklung der drittgrössten Stadt der Westschweiz hatten. Sie waren es, die mehrheitlich die mechanisierten Uhrenfabriken gründeten, welche die dezentrale Herstellung der Einzelteile in Heimarbeit ablösten. Die Hälfte der Juden von La Chaux-de-Fonds jener Zeit waren in dieser Branche tätig. «Die oft gleich lautenden Familiennamen der jüdischen Zuwanderer aus dem Elsass wurden im Alltag und auf den Synagogenplätzen zuweilen nach Uhrenmarken unterschieden», wie der Historiker Jacques Picard in einem Aufsatz im aufbau schrieb. An den hohen jüdischen Feiertagen waren die Uhrenfabriken geschlossen.

Synagoge als Wahrzeichen

Zu einem Höhepunkt in der Geschichte der Gemeinde wurde die Einweihung der neuen Synagoge im Mai 1896, an der die höchsten Repräsentanten von Stadt und Kanton teilnahmen. Das repräsentative Gebäude im orientalischen Stil mit seiner 22 Meter hohen Kuppel und rund 350 Plätzen im Zentrum der Stadt wurde als Kopie der – 1942 von den Nationalsozialisten zerstörten – Synagoge von Strassburg vom Architekten Richard Kuder erstellt. Eine Besonderheit ist die im Jahr 1910 eingebaute Orgel, zu deren Bedienung eigens ein Organist angestellt wurde. Längst hat sie aber nur noch dekorativen Charakter. Die Synagoge gehört noch heute zu den Wahrzeichen der Stadt La Chaux-de-Fonds und bleibt ein Symbol für die Blütezeit der jüdischen Gemeinschaft in der auf 1000 Metern über Meer gelegenen Stadt. Viele Juden engagierten sich auch im kulturellen und politischen Leben von La Chaux-de-Fonds. So geht etwa die Gründung des renommierten Kultur- und Begegnungszentrums Club 44 auf die Initiative des Industriellen Georges Braunschweig zurück; zu den Referenten gehörten so prominente Namen wie François Mitterrand.

Zahlenmässig erreichten die Juden im Kanton Neuenburg durch die Zuwanderung aus Osteuropa im Jahr 1910 den historischen Höchststand von 1030 Personen. Obschon später auch einige Juden aus dem Maghreb dazukamen – der erste war 1959 der aus Marokko stammende Rabbiner Isaac Rouche –, sank die Zahl der Juden in der Folge stark ab. Die Krisen der Uhrenindustrie in den dreissiger- und siebziger-Jahren trugen das Ihre zu dieser Entwicklung bei. Entsprechend musste die Zahl der Angestellten kontinuierlich reduziert werden: Seit 1960 wird auf einen vollamtlichen Abwart verzichtet, seit 1970 auf einen Kantor, und seit 1978 kann sich die Gemeinde keinen ausgebildeten Rabbiner mehr leisten. Seine Aufgaben nimmt seither ein «geistlicher Führer» wahr.

Finanzielle Belastung

Der Unterhalt der grossen Synagoge ist inzwischen zur finanziellen Belastung für die jüdische Gemeinde geworden, die längst nicht mehr auf finanzstarke Unternehmer aus der Uhrenindustrie zählen kann. Trotzdem bewilligte sie 1979 einen Kredit von 600000 Franken für deren Renovation, die 1983 zum 150-Jahr-Jubiläum abgeschlossen wurde. Dadurch, dass das Gebäude von Bund, Kanton und Gemeinde unter Schutz gestellt wurde, war auch eine Beteiligung der öffentlichen Hand an den damaligen Renovationskosten möglich – ebenso wie an der Sanierung der Kuppel um die Jahrtausendwende. Der heutige Gemeindepräsident Bertrand Leitenberg hofft, die Erhaltung der Synagoge langfristig durch eine Stiftung sichern zu können.

Längst wird die grosse Synagoge nur noch an den hohen Feiertagen genutzt; sonst finden die Gottesdienste in der kleinen Synagoge im Untergeschoss statt, wo früher die Ostjuden gemäss ihrem gewohnten Ritus beteten. Damit am Schabbat ein Minjan zustandekommt, verpflichten sich die Mitglieder im Turnus zum Besuch des Gottesdienstes. Rund 80 Familien beziehungsweise 150 Personen gehören der Gemeinde heute an, von denen etwa ein Drittel in Neuenburg und anderen Ortschaften des Kantons leben. Eine Umbenennung auf «Jüdische Gemeinde des Kantons Neuenburg» ist deshalb vorgesehen.

Ein Indiz für die Bedeutung und das Selbstbewusstsein der Juden von La Chaux-de-Fonds zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Tatsache, dass deren Vorstand – auf Initiative von Isaac Ditesheim – 1904 den Anstoss zur Gründung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds gab. Dieser hielt bisher viermal seine Delegiertenversammlung im Neuenburger Jura ab – so auch 1983, als die Gemeinde ihr 150-jähriges Bestehen feierte. Auch in diesem Jahr stand ein Jubiläum der Einladung Pate: Vor 175 Jahren schlossen sich hier ein paar Juden aus dem Elsass zu einer jüdischen Gemeinde zusammen.

Peter Abelin