Ein hervorragender Sprachakrobat

September 12, 2008
Friedrich Torberg gehört zu den bekanntesten und verkanntesten Künstlern der schreibenden Zunft. Das wird dieser Tage anlässlich der zu erwartenden Gedenkartikel angesichts seines 100. Geburtstags wieder offenkundig werden.
<strong>Friedrich Torberg </strong>&laquo;Ich war, seit ich denken kann, mit meiner Zugeh&ouml;rigkeit zum Judentum im Reinen&raquo;

Von Ellen Presser

Wer denkt beim Namen Torberg nicht an sein legendäres Kompendium «Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten» und «Die Erben der Tante Jolesch»? Denn der begnadete Zuhörer und pointierte Publizist bewahrte mit seinen «Geschichterln» und Aperçus über prominente Persönlichkeiten und weniger prominente Wahlverwandte den Geist und Charme einer Epoche zwischen dem Ende der österreichischen Monarchie und dem Aufstieg eines wenig begabten Malers vor dem völligen Vergessen. Der verhinderte Maler Hitler wurde zum Massenmörder und Totengräber dieser Kultur und ihrer Repräsentanten.

Begabt und vielseitig

Wer aber war Friedrich Torberg wirklich, fragt sein Biograf David Axmann, «der seines Zeitalters grauenhafte Untergänge mit lächelnder Wehmut in Anekdoten zu fassen suchte»? Und gibt in seiner überaus lesenswerten Biografie gleich selbst die resümierende Antwort darauf: «Friedrich Torberg war ein aus Österreich stammender jüdischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und zwar ein vielseitig begabter. Unter den vielseitigen Schriftstellern seiner Zeit war er vielleicht einer der begabtesten, sicherlich aber unter allen begabten der vielseitigste.» Damit spielt Axmann auf das unglaubliche Spektrum Torbergs an, der «Romane, Novellen, Gedichte, Parodien, Pamphlete, Polemiken, Theater- und Literaturkritiken, Feuilletons und Essays, Reise- und Sportberichte, Kabarett-Texte, Sprachglossen und politische Kommentare, Filmdrehbücher, Anekdotensammlungen und Vorworte» verfasste. Daneben war er Redaktionsleiter einer Zeitschrift, Herausgeber und Übersetzer, trat in Radio und Fernsehen vors Publikum und fand noch Zeit für ausgiebige, manchmal auch deftige Briefwechsel.

Die Substanz, die Torberg im Laufe seines zwangsläufig wechselvollen Schicksals in vielerlei Weise zu überleben half, muss er im Elternhaus erworben haben. Geboren wurde Friedrich Ephraim Kantor am 16. September 1908 als zweites von drei Kindern dem Ehepaar Alfred Kantor und seiner Frau Therese, geborene Berg. Der Kalauer, sein Name Torberg weise auf die Abstammung von Wikingern hin, lenkte von der schlichten Tatsache ab, die zweite Silbe des Vaternamens mit dem Mädchennamen der Mutter verschmolzen zu haben. Torberg selbst wie auch seine zweieinhalb Jahre jüngere heiss geliebte Schwester Ilse (im Gegensatz zur grossen Schwester Sidonie) wussten ihre gute Kindheit zu schätzen: «Wenn man uns eine ganze Musterkollektion von Eltern zur Auswahlgeschickt hätte, hätten wir uns keine besseren aussuchen können, als die, welche wir gehabt haben.»

Von Schule und Wasserball

So gut das Elternhaus war, so kritisch würdigte Torberg die Schule, vor allem auf Grund seiner Schulerfahrungen in Prag, wohin die Familie 1921 zurückgekehrt war. Gleich sein erster Roman, 1930 unter dem Titel «Der Schüler Gerber hat absolviert» erschienen, setzte sich mit einem gnadenlosen Schulsystem auseinander und wurde ein Riesenerfolg. Jean Améry nannte ihn einen «Schulthriller». Geburtshelfer war der Literat und Kafka-Freund Max Brod gewesen. Torberg, der seinem Wasserballer-Team Hagibor Prag mit zwei Toren zum tschechoslowakischen Meistertitel verhalf, schrieb auch den gewiss einzig lesbaren Roman im Wasserball-Milieu, «Die Mannschaft» (1935).

Was auch immer aus dem Vorkriegsautor von vier Romanen und Mitarbeiter des «Prager Tagblatts» noch hätte werden können, es fand mit dem Anschluss Österreichs und der drohenden Annexion der Tschechoslowakei erstmal ein Ende. Im Juni 1938 floh er nach Zürich. Ein Jahr später ging es weiter über Frankreich und nur 20 Stunden vor Schliessung der Grenze durch deutsche Truppen nach Spanien, dann nach Portugal und im Oktober 1940 schliesslich nach Amerika. Seine Karriere im deutschsprachigen Raum kam mit der Rückkehr des nun amerikanischen Staatsbürgers und Nachrichtenoffiziers wieder in die Gänge.

Ein bewusster Jude

Wichtig für das Verständnis des Multitalents ist unbedingt auch sein Verhältnis zum Judentum. Friedrich Torberg war kein frommer Mensch, «zum lieben Gott» stehe er «bestenfalls in einem Verhältnis wohlwollender Neutralität». Ein bewusster Jude aber war er lebenslänglich: «Ich war, seit ich denken kann, mit meiner Zugehörigkeit zum Judentum im Reinen. (…) Max Brod hat mich gelehrt, wie man sich mit den Fragen des Jude-Seins auseinandersetzt und wie man sich mit den Fragen der Welt in Einklang bringt.Max Brod hat mich richtig fragen gelehrt.» Und so gehörte er «weder zu jenen Juden, die erst den Hitler gebraucht haben, um dahinter zu kommen, dass sie es sind, noch zu jenen, die es sich von Hitler nicht vorschreiben liessen».

Zu Israel, wo Schwester Ilse lebte, hatte Torberg ein ausdrücklich positives Verhältnis: «Wir sind Zionisten geworden, weil uns die Rubrik ‹Religionsbekenntnis mosaisch› auf die Nerven gegangen ist, weil wir die Beschwichtigung, dass das jüdische Problem ‹nur ein religiöses› ist, als unappetitlich und unwahr und, in der letzten Konsequenz als selbstmörderisch erkannt haben.» Trotzdem schaffte Torberg es erst 1958 zum ersten Mal nach Israel.

Übersetzer von Kishon

Da ahnte er noch nicht, dass er 1960/61 zum Übersetzer Ephraim Kishons werden und dessen Ruhm ihn deutscher Sprache begründen sollte. Vom ersten «Drehn Sie sich um, Frau Lot!» (1961) bis «Paradies neu zu vermieten» (1979) wurden also 14 Werke von Torberg übersetzt und erreichten Verkaufstraumzahlen von über 30 Millionen Büchern. Wie sich diese beiden starken Persönlichkeiten zusammenrauften und wie symbiotisch und zwischendurch schwierig ihr Verhältnis gewesen sein muss, ist ab Mitte September in dem bemerkenswerten Briefwechsel «Dear Papi – My beloved Sargnagel» zu lesen. Nach dem Tod Friedrich Torbergs am 10. November 1979 (er ruht in einem Ehrengrab gleich neben Arthur Schnitzler in der Jüdischen Sektion des Wiener Zentralfriedhofs) musste Kishon bis zu seinem eigenen Ableben am 29. Januar 2005 im schweizerischen Appenzell ohne seinen kongenialen Übersetzer auskommen.