Ein grausames Déjà-vu
Die Maschine mit Premier Binyamin Netanyahu an Bord hatte am Dienstagabend noch nicht in Washington aufgesetzt, der Stadt, in der Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas gerade mit US-Aussenministerin Hillary Clinton konferierte, als die Hamas unweit von Kiryat Arba in der Westbank zuschlug. Vier Israeli, unter ihnen Vater und Mutter von sechs Kindern sowie eine schwangere Frau, die von ihrem Gatten, einem Volontär der Katastrophenhilfsorganisation Zaka am Ort des Verbrechens entdeckt wurde, starben im Kugelregen. Die Terroristen zerrten die Opfer nach dem Anschlag aus dem Wagen und stellten durch Schüsse aus nächster Nähe sicher, dass wirklich niemand überlebte. Die Strasse Nummer 60, die Jerusalem mit dem Siedlungsblock Gush Etzion verbindet, war am Dienstag besonders stark befahren, erledigten viele Eltern doch noch die letzten Einkäufe mit ihren Kindern, für die am Mittwoch nach den langen Sommerferien die Schule wieder begann. Wenige Stunden nach dem Terrorakt lobte die Hamas in einer Verlautbarung das «heldenhafte» Vorgehen ihrer Leute.
Ein klares Motiv
Das Motiv der Mörder ist klar: Sie wollen mit allen Mitteln verhindern, dass in den USA die Direktgespräche zwischen Israeli und Palästinensern aufgenommen werden. Dieses Szenario ist von früheren Situationen bereits bekannt, in denen sich am Horizont eine echte oder vermeintliche Friedenschance abzeichnete, und dieses Szenario wird sich vermutlich immer dann wiederholen, wenn die Kontrahenten im Nahen Osten an den Verhandlungstisch gedrängt werden. Auch den offiziellen Reaktionen haftete das Gefühl des Déja-vu, des bereits Bekannten, an.
Der Siedlerrat erklärte den Baustopp vorzeitig für beendet. Er rief dazu auf, noch am Dienstag unmittelbar nach den Beerdigungen der Opfer in den Siedlungen die Bauarbeiten auf Hochtouren wieder aufzunehmen und forderte Netanyahu auf, sofort aus den USA nach Hause zurückzukehren. Dass der Premier diesem Aufruf keine Folge leistete, überrascht nicht, war der Regierungschef doch noch nie ein Mann drastischer oder gar revolutionärer Beschlüsse. Lieber lässt er sich Entscheidungen von aussen aufzwingen. «Wäre Netanyahu heute nicht Premierminister, sondern Oppositionschef», schrieb die «Jerusalem Post» am Mittwoch, «hätte er selber den Premier zur unverzüglichen Heimkehr aufgefordert, um die israelische Sicherheit wieder herzustellen.» Er hätte das Attentat auch als Beweis für die Tatsache ins Feld geführt, dass es keinen Sinn habe, mit Abbas zu verhandeln, da dieser seine Leute nicht kontrolliere.
Unter einem schlechten Stern
Nun ist Netanyahu aber nicht Oppositionschef, sondern Premierminister, und zwar der einzige, der imstande sein könnte, ein Friedensabkommen mit den Palästinensern zu bewerkstelligen. Das zumindest gibt in derselben Ausgabe der «Jerusalem Post» Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, zu Protokoll. Welche dieser Charakterisierungen effektiv zutrifft, werden dereinst Historiker beurteilen müssen. Heute ist klar, dass nur ein Wunder, oder Staatsmänner mit Weitblick, die von Anfang an unter einem ungünstigen Stern stehenden Verhandlungen über die Runde bringen können.