Ein erster Medaillensegen

August 15, 2008
Die erste Woche an Olympischen Spielen wird traditionell von den Schwimmwettbewerben dominiert. Sie ziehen bei den Fans vor dem Fernseher nachweislich die grösste Aufmerksamkeit auf sich. Und wieder wurden sie von einigen jüdischen Medaillenanwärterinnen und -anwärtern nicht enttäuscht.
<strong>Weltrekord </strong>Der j&uuml;dische Schwimmer Jason Lezak (2. v. l.) holte f&uuml;r die USA in der 4-mal-100-Meter Staffel die Goldmedaille als Schluss-Schwimmer

Während in der zweiten Olympiawoche die Leichtathletik und das Kunstturnen, die Mannschaftssportarten, die Bahnradfahrerinnen und -radfahrer, der Pferdesport, das Boxen, Tennis, der Ringsport und die anderen Kampfsportarten die grösste Aufmerksamkeit bei den Sportfans weltweit geniessen, sind in der ersten Olympiawoche traditionell vor allem die Disziplinen Strassenradsport, Judo, Fechten, Schiesssport, Gewichtheben und ganz besonders Schwimmen im Focus. Das war schon immer so. Und je nach Austragungsort nehmen auch die TV-Anstalten aus Nord- und Südamerika grossen Einfluss auf die Planung, indem die in den USA, Kanada und Australien äusserst populären Schwimmwettbewerbe zur lokalen «TV- Prime-Time» ausgetragen werden. Denn nur auf diesem Wege lassen sich die wahnwitzigen Übertragungsrechte mit den Werbeeinnahmen refinanzieren.

Erfolge in den ersten Tagen

Die erste Woche war dank der Schwimmwettbewerbe und der Fechtkonkurrenz schon recht medaillenträchtig. Jason Lezak holte für die USA mit einem Weltrekord in der 4-mal-100-Meter Staffel Gold als Schluss-Schwimmer. Mit ihm feierten zwei weitere jüdische Schwimmer (Garrett Weber-Gale und Ben Wildman-Tobriner). Und auch in der Frauenstaffel über 4-mal-100-Meter gab es eine jüdische Schwimmerin: Dara Torres holte sich mit 41 Jahren ihre total zehnte Olympiamedaille (diesmal Silber). Man kann davon ausgehen, dass im Schwimmen noch weitere Medaillen dazukommen werden. Die fünfte Medaille aus jüdischer Sicht holte sich erwartungsgemäss Sada Jacobson im Fechten (Silber/Säbel). Nur knapp an einer Medaille vorbei schlitterte der Israelische Judoka Gal Yekutiel (Kategorie bis 60 Kilogramm), der im Kampf um Bronze gegen den Holländer Ruben Houkes verlor. Im Judo blickt man auf eine lange erfolgreiche Tradition aus jüdischer Sicht zurück, und ein weiterer Israeli hat noch Chancen: Hier kann Arik Zeevi seinen Erfolg von Athen 2004 (Bronze) wieder anpeilen.

Nach Ablauf der ersten Olympiatage warten in der zweiten Woche mit dem Pferdesport, mit Kunstturnen, Basketball, Rudern, Kanu und in der Leichtathletik andere Disziplinen, bei welchen viele jüdische Hoffnungsträgerinnen und -träger eine Medaillenchance wittern.

Jüdische Schwimmstars

Der Schwimmsport nimmt alle vier Jahre an den Olympischen Spielen eine zentrale Rolle in der Programmplanung bei den Organisatoren und den TV-Anstalten ein. In den USA und Australien sind die Schwimmerinnen und Schwimmer Nationalhelden. Mittendrin immer wieder auch jüdische Superstars der Zunft. Dies begann sogar noch vor dem fulminanten Auftritt von Mark Spitz 1972, als dieser sieben Goldmedaillen holte und dabei sieben Weltrekorde schwamm. Genau so erfolgreich ist Dara Torres, die auch heuer wieder dabei ist und ihre erste Goldmedaille schon 1984 in Los Angeles gewann. Die 41-jährige Schwimmlegende (fünffache Medaillengewinnerin 2004, zehn olympische Medaillen im Total, an ihren fünften Olympischen Spielen dabei) qualifizierte sich 24 Jahre später gegen eine starke interne Konkurrenz.

Die besondere Schwimmtradition wurde zuvor geprägt von anderen Ausnahmekönnern wie der Amerikanerin Wendy Weinberg, der Ungarin Andrea Gyarmati, den Amerikanern Lenny Krayzelburg, Anthony Erwin, Scott Goldblatt und Jason Lezak sowie auch anderen, die nicht im US-Schwimmteam sind wie die Deutsche Sarah Poewe. Vor Mark Spitz waren übrigens auch jüdische Russen sehr stark im Schwimmsport, wie beispielsweise der mehrfache Medaillengewinner Semyon Beltis-Geiman in den sechziger Jahren.

Fechten als jüdische Tradition?

In der ersten Olympiawoche ist auch der Fechtsport sehr präsent. Hier kennt man die Tradition der ungarischen Fechter aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie dominierten die Szene, und die meisten von ihnen waren jüdischen Glaubens. Danach folgte die Zeit der russischen Fechtgrössen, von denen einige auch jüdisch waren: Edourd Vinokurov in den siebziger Jahren war ein Star, und in den achtziger Jahren folgte auf seinen Spuren der Schwede Johan Harmenberg. In den Neuzigern war der Gold- und Silbermedaillengewinner Sergei Sharikov das Aushängeschild der jüdischen Fechtfans. Das grosse jüdische Idol der Gegenwart ist die aktuelle Säbel-Fecht-Weltmeisterin Sada Jacobson (Bronze in Athen 2004, jetzt Silber in Peking).

Joël Wüthrich