Ein emotionales Kapitel Geschichte
Die Legitimation für ein Mahnmal, das an das Schicksal der Flüchtlinge an der schweizerischen Grenze im Zweiten Weltkrieg erinnert, wurde bereits vor 14 Jahren betont. Der Basler Regierungsrat beauftragte damals die Kunstkommission, formelle und inhaltliche Rahmenbedingungen für die Durchführung eines Wettbewerbs zu prüfen, um ein Mahnmal zu schaffen. Nachdem die Kunstkommission Abstand davon genommen hatte, einen Wettbewerb durchzuführen, wurde das Erziehungsdepartement damit beauftragt, das Thema weiter zu bearbeiten. Geschehen ist seither von staatlicher Seite nicht viel – und wie der Grosse Rat in seinem Regierungsratsbeschluss vom 29. März festhält, kann heute nicht mehr geklärt werden, weshalb das Anliegen versandete.
Öffentliche Kontroverse
Erneut ins öffentliche Bewusstsein kam das Thema im vergangenen Jahr, nachdem eine kontroverse Debatte darüber geführt worden war, wie ein solches Mahnmal auszusehen und welche Bedürfnisse es zu erfüllen hätte. Ins Rollen brachte die Diskussion Johannes Czwalina, der in privater Initiative eine Gedenkstätte in einem ehemaligen Bahnwärterhaus in Riehen eröffnen wollte und dies im März mit Unterstützung von Johann Rudolf Geigy getan hat. Ursprünglich war eine Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar und dem Institut für Jüdische Studien der Universität Basel (IJS) ins Auge gefasst worden, doch was erfolgversprechend begonnen hatte, endete in einem Konflikt; heute gehen die Beteiligten getrennte Wege.
Erik Petry vom IJS erzählt, dass das Vorhaben auf ihn anfangs durchaus interessant gewirkt habe: «Mir wurde aber schnell klar, dass wir einen anderen Anspruch haben», so der Historiker gegenüber tachles. Von institutioneller Seite könne es nicht einfach darum gehen «Flüchtlingsgeschichten zu schreiben, die zu Herzen gehen», wie Czwalina es anstrebe, sondern einen distanzierten, wissenschaftlichen Zugang zum Thema zu finden. Auch sei für das IJS der Einbezug des kanadisch-israelischen Künstlers Rick Wienecke aufgrund seiner religiösen Gesinnung und seiner Motive indiskutabel gewesen –so verbindet beispielsweise sein Werk «Fountain of Tears» die Leiden des Holocaust mit denen der Kreuzigung
Jesu.
Betroffenheit zulassen
Anstatt einfach getrennte Wege zu gehen, endete das einst gemeinsam angedachte Vorhaben in einer öffentlichen Kontroverse. Czwalina sagt heute, seine Erwartungen seien übertroffen worden: «Im ersten Monat konnten wir mehr als 1000 Besucher in unserer Gedenkstätte verzeichnen» betont er. «Die Einrichtung wird von der Bevölkerung angenommen, und das, obwohl wir keine Eröffnungsfeier veranstaltet und keinerlei Werbung gemacht haben.» Dass eine Kooperation mit dem IJS nicht realisierbar gewesen sei, bedauert er. Der Theologe und Unternehmensberater Czwalina, der die Gedenkstätte mehr als einen «Stolperstein als ein Museum» sieht, räumt aber auch ein, dass die Zielsetzung einer Gedenkstätte eine andere als die eines Museums sei. Gerade darin aber habe er eine Ergänzung und gegenseitige Bereicherung gesehen. «Die Trennlinie wurde nicht von mir gezogen», sagt Czwalina. Die aktuellen Ziele des IJS seien von seiner Seite begrüsst worden, er sei aber nicht bereit gewesen, Emotionen auszuklammern: «Ich möchte bewusst zulassen, dass auch persönliche Betroffenheit ihren Raum haben darf, um so den Besuchern auch einen gefühlten Eindruck in diese Zeit vermitteln».
Planung in den Anfängen
Erik Petry und seine Mitstreiter haben sich von Czwalina losgesagt und von dessen Gedenkstätte, «für deren Realisierung wir gar nicht nötig waren», so Petry, Abstand genommen. Die Wissenschaftler des IJS trafen sich mit Samuel Althoff von der Aktion Kinder des Holocaust (auch er hatte sich zuvor von Czwalinas Vorhaben distanziert) und mit vom Institut unabhängigen Historikern. Sie gründeten gemeinsam die Arbeitsgemeinschaft «Museum für Flüchtlingsgeschichte Zweiter Weltkrieg», die zurzeit ein Konzept verfasst, das der baselstädtischen Regierung vorgelegt werden soll. «Uns ist wichtig, dass unser Vorhaben öffentlich breit abgestützt ist», so Petry.
Während Czwalina sich bereits an den Besuchern seiner Riehener Gedenkstätte erfreut, stehen die Pläne der Arbeitsgruppe noch ganz am Anfang. Vorarbeit wurde aus wissenschaftlicher Sicht aber bereits geleistet, widmet sich doch das Buch «Orte der Erinnerung» (Merian Verlag, Basel 2008), das von Heiko Haumann, Erik Petry und Julia Richers herausgegeben wurde, der Flüchtlingsthematik zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Wie ein künftiges Museum zum Thema finanziert werden könne, ist hingegen noch völlig unklar. Laut Petry hofft seine Arbeitsgemeinschaft ebenso auf öffentliche wie auf private Unterstützung.
Eine gute Basis?
Auch aufgrund der öffentlich geführten Kontroverse gelangte Grossrätin Christine Wirz-von Planta (LDP) am 2. März mit einer Interpellation an den Grossen Rat (vgl. tachles 7/11). Sie wollte unter anderem vom Basler Regierungsrat wissen, wie er heute zu dem Projekt «Museum für Flüchtlingsgeschichte Zweiter Weltkrieg» stehe.
Die Antwort, die der Grosse Rat in seinem Beschluss vom 29. März formulierte, stimmt Erik Petry positiv: «Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist die Reaktion auf die Interpellation eine sehr gute Basis, um mit der baselstädtischen Politik ins Gespräch zu kommen», sagt er auf Nachfrage. Und in der Tat lässt der Regierungsrat unter seinem Präsidenten Guy Morin verlauten, dass er die Diskussion über ein Mahnmal für Basel wieder aufnehmen werde. In seiner Erklärung heisst es aber auch: «Einem singulären Projekt für Flüchtlingsgeschichte im Zweiten Weltkrieg steht der Regierungsrat angesichts der bereits bestehenden hohen Museumsdichte in Basel skeptisch gegenüber. Diese Frage muss nach Auffassung des Regierungsrates im Rahmen eines Museumskonzeptes integral diskutiert werden.» Zu prüfen sei beispielsweise eine Anbindung an das vom Kanton Basel-Stadt subventionierte Jüdische Museum der Schweiz oder die vertiefte Zusammenarbeit mit dem Historischen Museum Basel. Dies könnte tatsächlich mit dem Vorhaben der Arbeitsgruppe in Einklang stehen; Petry betont: «Es muss nicht zwingend ein eigenes Museum entstehen, unsere Pläne können auch in eine bereits existierende Einrichtung integriert werden». Wichtig sei der Arbeitsgemeinschaft vor allem eine breite Debatte und das öffentliche Interesse an einem solchen Projekt.
Ob tatsächlich ein Museum für Flüchtlingsgeschichte, in welcher Form auch immer, ins Leben gerufen wird, bleibt abzuwarten. Wer sich heute schon für das Thema interessiert und den emotionalen Umgang mit diesem dunklen Teil der Schweizer Geschichte nicht scheut, der kann sich in der Jüdischen Gedenkstätte Riehen einen ersten Eindruck verschaffen. Weiterführende Literatur – auch von Autoren des IJS – werde in seiner Einrichtung verkauft, versichert Czwalina. Er denkt zudem über die Möglichkeiten nach, wie die Gedenkstätte zu einem Gut der Öffentlichkeit werden könnte, wenn sich der Trend der erfreulichen Akzeptanz durch die Bürger weiter fortsetzen sollte.