Ein einig Volk – wirklich?
Parallelen. «Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. (…) Wir wollen trauen auf den höchsten Gott, und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen. (…) Wir lieben sie». Friedrich Schillers Worte, die er den Eidgenossen in seinem «Wilhelm Tell» im Jahr 1804 in den Mund gelegt hat, klingen nach, wenn man an die Äusserungen denkt, die Rabbi Ovadia Yosef, einst sephardischer Oberrabbiner von Israel und heute geistiger Mentor der ultra-religiösen Shas-Partei, am Wochenende formuliert hat. Angesichts der kaum noch einzudämmenden Eskalation zwischen extremen Teilen der charedischen (ultra-orthodoxen) Bevölkerung und dem Rest der Israeli erinnerte Ovadia Yosef daran, dass die Juden aller Schattierungen im Grunde genommen «ein Volk» seien. «Wir hassen die Säkularen nicht», meinte der über 90-Jährige, «sondern lieben sie und versuchen, sie uns näher zu bringen.» Auch Rabbi Aharon Yehuda Leib Shteinman, Jahrgang 1912, einer der Führer der aschkenasischen Charedim, äusserte sich schriftlich im gleichen Sinne. Ovadia Yosef verzichtete sogar darauf, wie sonst den Medien an den Kragen zu gehen, sondern erkannte ihnen eine «wichtige Rolle» zu. Er legte den Journalisten ans Herz, das Einigende im Volk zu betonen, und nicht das Trennende. Einerseits erstaunen Rabbi Yosefs Appelle. In den Reden und Artikeln, die er in seiner langen Karriere schon veröffentlicht hat, ist der Gelehrte oft sehr unfreundlich über seine säkularen «Mitbrüder» hergefallen. Pech und Schwefel hat er schon aus-gegossen über Personen und Gruppen, die gewagt hatten, auf Distanz zu gehen zur charedischen Lebensweise, vor allem zu deren Alleinvertretungsanspruch in Sachen halachischer Entscheidungen.
Wachsender Druck. Andererseits überraschen die rabbinischen Worte nicht. Sie unterstreichen vielmehr, wie gefährlich die Spannung sich bereits dem Siedepunkt genähert hat, und wie der Druck auf die Führung der gemässigten Mehrheit der Charedim zunimmt. Nach viel zu langem Schweigen und Wegblicken beginnt diese Mehrheit zu begreifen, dass sie letztlich an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt. Die Erziehung ihrer Kinder, das Gewicht ihrer politischen Parteien und nicht zuletzt die finanziellen Zuwendungen des zionistischen Staates an charedische Institutionen sind nur einige Beispiele.
Auf dem Tiefpunkt. Rabbi Yosefs Worte kommen spät, aber vielleicht noch nicht zu spät, obwohl inzwischen die sprichwörtlichen fünf Minuten vor zwölf Uhr bereits verstrichen sind. Seit Wochen folgt eine hochnotpeinliche Szene der anderen. Frauen werden unflätig beschimpft, weil sie nicht in den von Charedim nach Geschlechtern getrennten Bussen der staatlichen Verkehrsdienste – eine Gesetzeswidrigkeit per se –, im «Frauenabteil» Platz nehmen wollen, ein kleines Mädchen wird bespuckt, weil es ein von Charedim eigenmächtig Männern reserviertes Trottoir benutzt, und Soldatinnen, die im Dienst an Gesangsdar-bietungen teilnehmen, werden an den Pranger gestellt. Der traurige Tiefpunkt kam aber am Samstag: Extremisten, die gegen die «Hetze gegen Charedim» protestierten, entblödeten sich nicht, unschuldige Kinder in KZ-Kleidern und mit dem gelben Judenstern auf der Brust mitlaufen zu lassen! Ein Sakrileg, gegen das jeder klar denkende Mensch im Namen von sechs Millionen Ermordeten aufschreien müsste. Richtig, die Ultras sind nur eine verschwindende Minderheit unter den Charedim, doch bekanntlich reicht schon ein kleiner Tropfen schwarzer Tinte, um eine weisse Weste unbrauchbar zu machen.