Ein ein- oder ein zweitägiges Fest?
Sachlich beleuchtet Steven Levine die Pläne seine Familie für das kommende Rosch-Haschana-Fest, das jüdische Neujahrsfest. Er wird einen Tag frei nehmen beim Amerikanischen Olympischen Komitee, wo er arbeitet, und seine drei Kinder werden nicht zur Schule gehen, damit sie die Synagoge besuchen können.
Das gilt aber nur für den ersten Tag Rosch Haschana; der zweite Tag des Festes wird bei der Familie Levine nicht begangen. «Das Ganze ist eine Kosten-Nutzen-Analyse», sagt Steven Levine, der 45-jährige Risk-Management-Direktor aus einem Vorort von Denver. Die lokale öffentliche Schule habe normalen Betrieb am jüdischen Neujahr, und angesichts aller anderen Verpflichtungen mache er sein Bestes, erklärt Steven: «Möglicherweise habe ich ein kleines Schuldgefühl, weil ich nicht mehr mache, doch ich habe alles durchgedacht und bin zum Schluss gelangt, dass der zweite Tag nicht so bedeutungsvoll ist.»
Während ihrer Zeit als Rabbiner in einer Reformgemeinde machte C. Michelle Greenberg eine andere Erfahrung: Es wurde von der 37-Jährigen auch dann nicht erwartet, am zweiten Tag Rosch Haschana Gottesdienste zu leiten, wenn die Synagoge einen solchen anbot. Für die heute bei San Francisco lebende Pädagogin war der zweite Feiertag oft eine gute Gelegenheit, das Fest als «Teilnehmerin» in einer anderen Synagoge zu begehen.
Eine dramatische Veränderung
Was bedeutet der zweite Tag Rosch Haschana überhaupt? Als die Israeliten vor rund 2000 Jahren begannen, das «Haupt des Jahres» zu zelebrieren, handelte es sich effektiv um einen eintägigen Feiertag. Da es damals aber noch keinen verlässlichen Wandkalender gab, der den richtigen Tag angab, verliessen sich die Menschen auf zuverlässige Zeugen, die dem Sanhedrin, dem Obersten Gericht, mitteilten, dass sie den Neumond gesichtet hatten. Kurz darauf verbreitete sich über Rauchsignale die Botschaft an die verstreuten Gemeinden, dass es der Zeit sei, den Feiertag zu beginnen.
Den Weisen blieb die Ineffizienz dieses Kommunikationssystems nicht verborgen. Sie deklarierten Rosch Haschana daher zu einem zweitägigen Feiertag oder «yoma arichta», einem langen Tag von 48 Stunden. Damit sollte sichergestellt werden, dass Juden in aller Welt das Fest ungefähr zur selben Zeit zelebrierten. Mark Leuchter aber, Direktor für Jüdische Studien an der Temple University in Phi-ladelphia, unterstreicht, dass sich Rosch Haschana trotz seiner «tief verwurzelten Traditionen» in den letzten 2000 Jahren dramatisch verändert habe. «Wir begehen heute den Festtag nicht mehr so wie unsere Vorväter es getan haben.» Heute brauche es auch keine Rauchsignale mehr. «Der einzige Teil der ursprünglichen Form, den wir behalten haben, ist», so betont Leuchter, «das Begehen des Festes während 48 Stunden. Wir machen das nicht, weil wir es müssen, sondern weil wir uns daran gewöhnt haben. Es bindet uns an eine geheiligte Tradition.»
Eine spirituelle Erklärung
Für Menachem Schmidt, einen Rabbi der Lubavitcher Bewegung in Philadelphia, gibt es mehr als nur die historischen Gründe dafür, Rosch Haschana zwei Tage zu feiern. «Es existiert auch eine spirituelle Erklärung, warum wir 48 Stunden für den Festtag benötigen.» Rosch Haschana sei eine Zeit, in der jede Person ihre eigenen Beziehungen zu Gott bekräftige, und der zweite Tag sei ein «ebenso wichtiger Teil dieses Vorgangs». Laut Schmidt leuchte ein neues Licht in der Welt, und man brauche zwei Tage, um dieses Licht zu sehen.
Angesichts der Tatsache, dass die Zahl der Gottesdienstbesucher vom ersten zum zweiten Tag um rund 75 Prozent zurückgehe, meint Rabbi Isaac Jeret von der Gemeinde Ner Tamid in Los Angeles: «Für einen Rabbiner ist es eine zentrale Frage, was er am zweiten Tag Rosch Haschana tun soll. Ich erachte es als sehr wichtig, anderes anzubieten als am ersten Tag.» Am ersten Tag erwartet er etwa 2000 Besucher – viele sind nicht einmal Mitglieder der konservativen Synagoge. Der Gottesdienst wird folglich ergänzt durch musikalische Darbietungen, und Rabbi Jeret hält eine lange Rede. Der zweite Tag dagegen ist der Tag der «Synagogengeher», und das gelangt im Gottesdienst zum Ausdruck. «Es gibt weder einen Chor noch ein Klavier», sagt der Rabbi. «Wir nehmen die Thora aus dem Schrein und studieren den Text in der Gemeinde. Dieser Gottesdienst ist ungleich intimer.»
Reflexion über das Jahr
Rabbi Charles Arian von der konservativen Beth-Jacob-Synagoge in Norwich, Connecticut, macht kein Geheimnis daraus, dass er am liebsten auf die zweiten Tage von Sukkot, Schemini Azeret, Pessach und Schawuot verzichten würden. Diese Tage seien nur angehängt worden, um die Juden in der Diaspora daran zu erinnern, dass sie den Feiertag nicht im Lande Israel begehen. Rosch Haschana hingegen sei aber «wirklich etwas ganz anderes». Erstens handelt es sich, so Arian, um den einzigen jüdischen Festtag, der auch ein Rosch Chodesch, ein Neumondtag, sei. Trotzdem hält er eine «präzise und vollkommene Wiederholung» der Gebete vom ersten Tag am zweiten Festtag nicht für nötig. Das Tragen neuer Kleider oder das Essen einer neuen Frucht würde zudem den zweiten Tag Rosch Haschana anders und bedeutungsvoll machen. Ephraim Wernick dagegen wird in Dallas beide Tage Rosch Haschana zusammen mit seiner Familie in einer traditionellen Synagoge feiern, auch wenn der erste Tag dem Anwalt aus Washington vielleicht wichtiger erscheinen mag. «Rosch Haschana ist Seelenreinigung. Ich versuche, die Zeit für spirituelles Wachstum zu benutzen, für eine Reflexionen über das Jahr, und dafür, Falsches zu korrigieren.» Dabei seien die beiden Tage ja doch nur ein Anfang. «Ich brauche so viel Zeit, wie Gott mir geben wird.»