Ein echter sefardischer Wohltäter
Edmond Safra, der an Parkinsonscher Krankheit litt, hatte eigentlich vorgehabt, sich aus dem Bankgeschäft zurückzuziehen. Der Verkauf seiner Republic National Bank of New York für den stolzen Betrag von 9,9 Milliarden Dollar an einen britischen Finanzgiganten stand vor dem Abschluss. Vor allem in sefardischen, aber auch in anderen jüdischen Kreisen war der Verstorbene geachtet und beliebt. «Er war eine liebenswürdige, grosszügige Person, die alles in bescheidener Manier erledigte», sagte etwa Nina Weiner, Vorsitzende der Sephardi-Education-Stiftung, deren wichtigster Wohltäter Safra war. Die Stiftung war 1977 gegründet worden, um armen israelischen Sefardim zu helfen, ein Universitätsstudium zu absolvieren. «Dank Safra haben über 22 000 Studenten ihren akademischen Titel erlangt», meinte Weiner.
Ähnlich bewundernd sprach Leon Levy, Präsident der amerikanisch-sefardischen Föderation, über den verstorbenen Bankier: «Er war dem jüdischen Leben weltweit verpflichtet. Sogar auf der Insel Rhodos hat er seine Spuren hinterlassen, trägt doch die restaurierte antike Synagoge dort den Namen seiner Eltern. Er war ein echter Sefardi, der an Toleranz und Mässigung glaubte.»
Obwohl er selber keine akademische Erziehung genossen hatte, war Safra Mitglied der Internationalen Beratungskommission der Harvard-Universität, wo er den Robert-Kennedy- Lehrstuhl für lateinamerikanische Studien und den Jacob-E.-Safra-Lehrstuhl für sefardische Geschichte einrichtete. Zudem richtete er an der Wharton Business School der Universität von Pennsylvania einen Lehrstuhl für internationale Bankwissenschaften ein.
Neben zahlreichen Synagogen, Spitälern und Erziehungsprogrammen kamen das New York Holocaust Museum und das Jacob-E.-Safra-Institut für sefardische Studien an der Yeshiva University in Manhattan besonders in den Genuss der Grosszügigkeit des Verstorbenen. 1996 vermachte er Albert Einsteins früheste Manuskripte über die Relativitätstheorie via die Jacob-Safra-Stiftung dem Israel-Museum. Infolge ihrer freundschaftlichen Beziehungen zu Rabbi Ovadia Yosef, dem geistigen Führer der Shas-Partei, zählt die Familie Safra vermutlich zu den Gönnern von Shas-Schulen. Edmond Safras Brüder Moshe und Joseph haben in den vergangenen Jahren beträchtlich in Israel investiert. So kontrollieren sie die First International Bank of Israel und besitzen 34,75 Prozent an Cellcom, der zweitgrössten Mobil-Telefonfirma des Landes.
Als die Jerusalemer Regierung vor fünf Jahren versuchte, eine Mehrheit der Bank Leumi zu verkaufen, hatte Edmond Safra sich erfolglos bemüht. Es war ihm bedeutet worden, dass Israel nicht zulassen würde, dass die drei Brüder zwei der fünf grössten israelischen Banken kontrollierten.Im vergangenen Monat gab die Republic Bank bekannt, dass ihre Genfer Tochter von der Bank of Israel die Bewilligung erhalten habe, in Tel Aviv eine Niederlassung zu eröffnen, welche die zweitgrösste Präsenz einer ausländischen Bank auf dem israelischen Markt werden wird. Safra befand sich zudem im Endstadium der Verhandlungen über den Verkauf der Republik Bank an den britischen Giganten HSBC Holding für 9,9 Mrd. Dollar. Edmond Safra, der selber 29 Prozent der Aktien hielt und Ehrenpräsident von Republic war, erklärte sich einverstanden, für seinem Anteil 19 Prozent weniger zu erhalten, um den Verkauf der von ihm 1966 in Manhattan gegründeten Bank unter Dach und Fach zu bringen. Mit einem persönlichen Vermögen von 2,5 Mrd. Dollar figuriert Safra auf Platz 199 der Forbes-Liste der Milliardäre. In den USA rangiert Republic auf Platz 16 der grossen Bank-Holdinggesellschaften.
Edmond Safra kam am 6. August 1932 in Beirut zur Welt. Im Alter von 16 Jahren trat er ins Bankgeschäft der Familie ein, das im Handel zwischen Aleppo, Alexandria und Konstantinopel zur Zeit des Ottomanischen Reiches seine Wurzeln hatte. Als die Wirtschaft sich nach dem 2. Weltkrieg wieder zu beleben begann, konzentrierte Edmond sich auf Edelsteine und Devisenhandel. Als der Boden für Juden in Beirut nach der Gründung des Staates Israel heiss zu werden begann, verlegte Jacob Safra, der Vater des Verstorbenen, die Familie 1952 nach São Paulo, Brasilien. Die brasilianische Bank der Familie, Banco Safra SA, wird heute noch von Moise und Joseph Safra verwaltet. 1956 zog Edmond Safra nach Genf und etablierte sich im Privatbanken-Sektor der Schweiz. Er hielt sich vor allem in Genf auf, doch hatte er auch Wohnungen in Paris, New York und Monaco. Dort starb er letzten Freitag unter mysteriösen Umständen in seinem Penthaus. Seine Frau Lily überlebte die Katastrophe unverletzt. Die Ehe mit Edmond war kinderlos, doch hat sie aus erster Ehe die Tochter Adriana und den Sohn Eduardo.
Wie sehr Safra weltweit geachtet wurde, zeigte am Montag die Teilnehmerliste an der Beerdigung in Genf. Neben Israels Aussenminister Levy waren u.a. Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel oder Ex-Uno Generalsekretät Perez Decuellar anwesend.