Ein buntes und vielfältiges Judentum

von Heinz-Peter Katlewski, April 2, 2009
Deutschland wurde ab 1990 15 Jahre lang das Ziel einer grossen Einwanderungswelle: 1989 zählten die deutschen jüdischen Gemeinden gerade noch 25 000 Mitglieder, heute sind es mehr als 110 000. Eine wissenschaftliche Tagung versuchte, unter dem Titel «Ausgerechnet Deutschland!» eine erste Bilanz zu ziehen.
VERÄNDERTES DEITSCHES JUDENTUM Mehr als 80 Prozent der Gemeindemitglieder stammen aus der ehemaligen Sowjetunion

In Russland gehörte es sich, fein angezogen auf ein Amt zu gehen, suchten die russisch-jüdischen Einwanderer aber so gekleidet in Deutschland beim Sozialamt Unterstützung, erweckten sie den Eindruck, sie hätten gar keine Hilfe nötig. Für Dimitrij Belkin, Kurator am Jüdischen Museum Frankfurt und Initiator der Konferenz «Ausgerechnet Deutschland!», die Anfang dieser Woche stattfand, sind vor allem derartige paradoxen Situationen für die Situation der jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion charakteristisch.

Die meisten Einwanderer kamen mit guter Ausbildung nach Deutschland und waren zuvor beruflich in anspruchsvollen Positionen tätig gewesen. Diese Biografien waren in der neuen Heimat aber plötzlich wertlos. Gerade von den Älteren konnten nur wenige an ihr früheres Leben anknüpfen oder wenigstens ihren sozialen Status halten. Viele wurden Sozialhilfeempfänger. Die Hoffnung auf Verbesserung der wirtschaftlichen Lage – nach den Pogrombefürchtungen Anfang der neunziger Jahre das wichtigste Motiv für die Übersiedlung nach Deutschland – scheint sich nun in der zweiten Generation zu verwirklichen. Die Kinder lernten schnell und zeigen sich aufstiegsorientiert.

Die Alteingesessenen in den jüdischen Gemeinden waren anfänglich oft wenig begeistert von dem Zuwachs. Die neuen Mitglieder brachten zwar ein paar Traditionen mit, aber kaum Kenntnisse ihrer Religion. Viele verstanden und verstehen sich bis heute als Atheisten, manche waren gemäss ihrem Pass zwar jüdisch, halachisch aber Nichtjuden. Die Neuankömmlinge gratulierten zu Ostern, bereiteten gefillte Fisch zu Weihnachten und stellen bis heute zur Jahreswende Weihnachtsbäume auf, die sie Silvesterbäume nennen, berichten Sozialarbeiter aus den Gemeinden. Jüdisch war zunächst nur die Nationalität, mit Religion hatte das wenig zu tun.

Zu Beginn zögerten die Juden aus Russland und der Ukraine, aktiv die Erinnerung an die Schoah mitzuvollziehen. Der Holocaust wurde erst in der Gorbatschow-Ära ein Thema. Statt der unzähligen eigenen Opfer zu gedenken, feierte die Kriegsgeneration lieber ihren Beitrag zur Befreiung vom Faschismus und den Sieg im «Grossen Vaterländischen Krieg» – mit allen Orden am Revers. Heute geschieht in den jüdischen Gemeinden beides: Gedenken und Feiern.
Von den mehr als 200 000 Juden, die bis 2005 als Kontingentflüchtlinge im Sinne der Genfer Konvention nach Deutschland eingereist sind, kamen nur etwas mehr als ein Drittel in den jüdischen Gemeinden an. Der Vize-Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, zeigte sich dennoch überzeugt: «Die Einwanderung ist eine Erfolgsstory.»

Die Gemeinden wandelten sich, schon deshalb, weil heute eben mehr als 80 Prozent ihrer Mitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion stammen. Aber auch die Immigranten haben sich verändert: In vielen Orten gibt es heute wieder Synagogen, die vor 1990 auf der jüdischen Landkarte nicht mehr verzeichnet gewesen waren. Und in die jüdischen Kindergärten würden auch Eltern russisch-jüdischer Herkunft ihre Kinder schicken, die keine Kultussteuer zahlten. Es gäbe viele Angebote zum jüdischen Lernen, und das auch aus unterschiedlichen Perspektiven. Graumann ist optimistisch: Durch die Zuwanderung werde sich ein neues deutsches Judentum entwickeln. Das werde kaum dem vergleichbar sein, das hier vor 1938 existiert habe, aber es wird bunt und vielfältig sein.