Ein Buch, erschienen wie gerufen
Auch zweifelhafte Bücher können Diskussionen auslösen, vor allem dann, wenn sie latente gesellschaftliche Bedürfnisse aufwecken können.«Wäre Finkelstein nicht jüdisch, wäre sein Buch in den Redaktionen sofort als rechtsextremistisches Pamphlet im Abfall versenkt worden», schrieb Alain Zucker bereits Anfang August 2000 in der «Weltwoche». Und in der Tat, Finkelstein bedient sich nicht nur einschlägiger verschwörungsphantastischer Versatzstücke, nein, in mehreren Buchpassagen schlägt er Steilvorlagen für rechte oder antisemitische Hetzer, wie auch für Holocaust-Leugner. Finkelsteinsche Zitate werden noch lange Jahre lang in antisemitischen Veröffentlichungen auftauchen. Frei nach dem Motto: Nur ein Jude, der von Antisemiten gegen «die Juden» zitiert werden kann, ist ein guter Jude. Das ist zwar unerfreulich, doch glücklicherweise von einer Wirkung, die kaum über die einschlägigen Kreise hinausgeht.
Bedeutsamer scheint es anders: Interessant an Finkelsteins Buch ist nicht «was Finkelstein sagt, sondern welches Bedürfnis er befriedigt» (so der deutsche Publizist Henrik M. Broder). Warum also erhielt der US-Politologe bei seinem Zürcher Auftritt «sehr häufig deutlichen Applaus» (Christoph Büchenbauer in «Zürichsee-Zeitungen»)? An der Qualität seiner Argumente kann es kaum gelegen sein. Für einen zentralen Teil seiner Behauptungen, dass nämlich grosse jüdische Organisationen Holocaust-Entschädigungs-Gelder für sich abzweigen, konnte er in Zürich glattweg kein Beispiel vorbringen. Auch im Buch schreibt er über Forderungen und Absichtserklärungen, als seien diese Realität.
Warum also meinen so viele Schweizer Kommentatoren darauf verweisen zu müssen, dass Finkelstein «ein echtes Anliegen» (Martin Merki in der «Neuen Luzerner Zeitung») aufgreife? Um dann anschliessend - ohne die offensichtlichsten Einwände - Finkelsteins Philippika zu referieren. Es scheint, als ob die Verteidiger der Schweizer Politik des Zweiten Weltkrieges wie auch der Schweizer Banken darauf gewartet haben, dass sie für ihre Abneigung gegen die Auseinandersetzung um die Vergangenheit einen jüdischen Gewährsmann, einen Referenzjuden quasi, gefunden haben. Deutlich macht dies besonders ein Artikel von NZZ-Redaktor Felix E. Müller, der sich zwar nicht einem linken Kritiker wie Finkelstein (wegen dessen Zugehörigkeit «zu den ultralinken Zirkeln um Noam Chomsky») anschliessen will, doch dann schnurstracks auf die Kritik von Gabriel Schoenfeld in «der angesehenen jüdischen Zeitschrift» «Commentary» verweist. Müller schliesst seinen Artikel mit dem entlarvenden Satz, dass Schoenfelds differenzierte Kritik an jüdischen Organisationen «ein weiteres Indiz» dafür sein möge, «dass in den USA das Unbehagen an der \"Holocaust-Industrie\" (Finkelstein) am Zunehmen ist». Auf das Schlagwort «Holocaust-Industrie» mag eben auch Felix E. Müller nicht verzichten.Auffällig ist auch, dass der Schlusssatz von Finkelsteins Buch bevorzugt zitiert wird: «Die edelste Geste gegenüber jenen, die umgekommen sind, besteht darin, ihr Andenken zu bewahren, aus ihrem Leiden zu lernen und sie endlich in Frieden ruhen zu lassen.» Auf Vorstösse um Aufklärung in Schweigen gehüllt haben sich ja seit 1945 gerade die Schweizer Entscheidungsträger in Politik (Parlament und Regierung), Verwaltung und Wirtschaft. Finkelstein befriedigt folglich das Bedürfnis, die stets als unerwünscht empfundene Diskussion im Nachhinein noch einmal zu diskreditieren. Martin Merki macht - ob gewollt oder ungewollt - das Dilemma deutlich: «Finkelstein hat offenbar nicht mitbekommen, dass die Aufarbeitung der jüngsten Zeitgeschichte für die Schweiz auch ein wichtiger innenpolitischer Prozess mit reinigender Wirkung war.» Aber eben, die Aufarbeitung geschah nicht aus eigenem Antrieb und dieser Widerstand kommt immer wieder hoch.