Ein Brief in der Sonntagsmesse

von Ruth E. Gruber, October 9, 2008
In einem im Verlauf der letzten Sonntagsmesse in Polen verlesenen Brief bitten Vertreter der römisch-katholischen Kirche des Landes um Vergebung dafür, dass die Kirche den Antisemitismus toleriert hat, sowie für andere religiös-diskriminatorische Handlungen durch polnische Katholiken.
Vorsorge der Kirche gegen Gewalt und Antisemitismus: Trauergebet nach einem Anschlag auf die Synagoge in Warschau im Jahre 1997. - Foto Keystone

Den fünfseitigen Brief haben polnische Bischöfe als Teil der Akte der Selbstprüfung, Entschuldigung und Reue veröffentlicht, welche die Kirche im Millenniums-Jahr begeht. Dieser Brief geht nach allgemeiner Ansicht weiter als eine 1991 von der polnischen Kirche veröffentlichte Entschuldigung. Er gibt zu, dass während der Shoah sich polnische Bürger der Indifferenz und der Feindseligkeit Juden gegenüber schuldig gemacht haben. Der Brief nennt den Antisemitismus und «anti-christliches» Verhalten eine Sünde; er kritisiert auch das Verhalten einiger Polen während des Holocausts und gibt zu, dass der katholische Antisemitismus weiter existiere. «Wir wollen den Wert der Existenz des Judentums in der polnischen Geschichte und die Koexistenz zwischen Polen und Juden unterstreichen», erklärt Jozf Zyczynski, der Bischof von Lublin, in einem Interview mit einer italienischen Zeitung. «Wir erinnern uns der Gleichgültigkeit hinsichtlich des Schicksals dieses Volkes, das zutiefst litt. Deswegen leiden wir heute. Wir möchten nicht einfach historische Motive identifizieren, sondern den Weg und die Möglichkeit für neue Beziehungen zwischen Christen und Juden aufzeigen.»
Der Brief der Bischöfe bittet um «Vergebung für die Haltung jener unter uns, die Menschen anderer Glaubensbekenntnisse missachtet oder den Antisemitismus toleriert haben». Zwar sei der Holocaust von Deutschen verübt worden, doch habe er sich grösstenteils auf deutsch besetztem polnischem Boden abgespielt.
Stanislaw Krajewski, eine führende Persönlichkeit unter den Juden Polens und ein Aktivist im katholisch-jüdischen Dialog, nennt den Brief einen «wichtigen neuen Schritt der polnischen Kirche im langsamen Prozess der Erkenntnis der antisemitischen Realitäten. Das wird die Versuche erleichtern, sich mit schändlichen Ereignissen, wie die Pogrome nach dem Krieg und die Ermordung von Juden durch Polen während des Krieges, auseinanderzusetzen». Krajewski ist der Warschauer Berater des American Jewish Committee.

JTA