Ein Blick nach Osten

von Ellen Presser, October 9, 2008
«Jüdisches Leben in Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik gestern und heute» steht im Mittelpunkt der 13. Jüdischen Kulturtage in München. Das ambitionierte Programm der Gesellschaft zur Förderung Jüdischer Kultur und Tradition geht in Vorträgen und Filmreihen, in musikalischen und literarischen Beiträgen der Frage nach, wie sich jüdisches Leben und der Umgang mit jüdischer Kultur und Geschichte in den benachbarten osteuropäischen Ländern darstellt.

Gewissermassen als Präludium wurde im Filmmuseum neben einem Filmbogen, der von «Golem - wie er in die Welt kam» (1920) bis «Austeria» (Die Herberge, 1983) nach einem Roman von Julian Stryjkowski reichte, die israelische Dokumentarfilmreihe «PO-LAN-YA» gezeigt, eine Hommage an die tausendjährige Präsenz von Juden in Polen. Den musikalischen Auftakt machte dann «Di Naye Kapelye» aus Budapest unter Leitung des Amerikaners Bob Cohen, die traditionelle Klezmer-Musik um Melodien der Satmarer und aus Transsylvanien bereichert, die zum Teil nur in der Überlieferung von Zigeunern erhalten blieben, die vor der Okkupation in der NS-Zeit in jüdischen Formationen mitgespielt hatten. Ein Symposion über die Situation der Juden in benachbarten osteuropäischen Ländern lieferte rückblickend auf den 60. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs zum Teil sehr weit auseinanderklaffende Erfahrungen. Polen, das einst viele blühende jüdische Gemeinden aufwies, zählt heute etwa 8000 Juden, von denen nur etwa 2000 in 16 Städten registriert sind, viele davon aus der so genannten zweiten Generation beziehungsweise die als Kinder die Schoa überlebten, kehren erst jetzt zu ihren jüdischen Wurzeln zurück. Hier liegt auch Auschwitz, ein Ort, der für verschiedene Gruppen verschiedene Symbolik beinhalte und damit Spannungen heraufbeschwöre, wie Krystyna Oleksy, Vizedirektorin der KZ-Gedenkstätte Auschwitz, meinte - angesichts katholischer Ansprüche - unterstreichen zu müssen. In einem aber hat sie nicht Unrecht: «Auschwitz ist die empfindlichste Stelle der Welt.» In der Tschechischen Republik liegen die demografischen Verhältnisse, wie der Journalist Petr Brod, der achtzehnjährig 1969 mit seinen Eltern aus Prag fliehen musste, schlüssig ausführte, nicht viel besser. In der Nachkriegszeit gab es Zionisten, angesichts des Engagements der Tschechoslowakei bis 1949 für die Unterstützung der Juden in einem eigenen Staat zunächst kein Problem. Nach dem Beginn einer Kampagne gegen so genannte Kosmopoliten arrangierten sich viele Juden als Assimilanten, legten zum Teil ihre deutsch und damit paradoxerweise jüdisch klingenden Namen ab oder versuchten sich als Aktivisten im kommunistisch bestimmten Regime. 1968 emigrierte ein Drittel der verbliebenen Judenheit. Heute sind in zehn Gemeinden gerade einmal 3000 Personen registriert. Ungarn dagegen hatte auch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs die grösste funktionierende jüdische Gemeinschaft in Osteuropa. Um 1910 waren es an die 900 000 gewesen, heute gibt es immerhin 100 000, die meisten davon in Budapest. Besonders interessant waren in diesem Zusammenhang die Ausführungen des Soziologen András Kovács. Soziologisch gesehen hatte die Schoa nämlich einen selektiven Effekt dahingehend gehabt, dass das tief religiöse Landjudentum so gut wie vollständig ausgelöscht wurde, assimilierte beziehungsweise assimilationsfähige jüdische Einwohner Budapest grössere Chancen zum Überleben gehabt hatten. Dramatische Dezimierung in der NS-Zeit, Emigration und Mischehen trugen das Ihre dazu bei, dass heute nur noch ein Zehntel den jüdischen Glauben praktiziert. Die Einrichtung eines Chabad-Centrums 1989, des Kulturzentrums Balint 1994, eine Jeschiwe und die Etablierung einer Lauder-Schule können jedoch als Indiz einer bemerkenswerten Neubelebung verstanden werden. Derumfangreiche Veranstaltungszyklus wird am Donnerstag, 25. 11., in der Black Box im Gasteig mit einem Vortrag von Klaus Davidowicz aus Wien über «Mystische Traditionen im Judentum - Kabbala und Chassidismus» fortgesetzt. Anschliessend präsentieren Frank London und Lorin Sklamberg um 20.30 Uhr «Nigunim: Mystische Lieder der Chassiden». Am Samstag, 27. 11., geht es weiter mit einem Konzert der Budapester Klezmer-Band um 20 Uhr im Carl-Orff-Saal des Gasteig. Am Sonntag, 28. 11., steht «Musik an der Grenze des Lebens», das heisst insbesondere das Schicksal tschechischer Komponisten in der NS-Zeit, auf dem Programm. Das Teatr Wierszalin aus Bialystok nimmt sich am Montag, 29. 11., in der Muffathalle des Theaterklassikers «Der Dybbuk» an. Zum Abschluss bieten die Prager Künstler Vladimir Merta und Jana Lewitová am 30. 11. im Spanischen Kulturinstitut «Sephardische Lieder» dar.

Ausführliche Informationen und Karten sind u. a. in der Glashalle im Gasteig, Tel. 089/54 81 81 81, erhältlich. Dort ist auch noch bis 12. Dezember in der Aspekte-Galerie im 2. Stock die Ausstellung «Gehat hob ich a hejm- Der Krakauer Stadtteil Kazimierz» mit Fotos aus der Zeit Mordechaj Gebirtigs zu sehen.