Ein bislang totgeschwiegener Konflikt
Das Zitat des französischen Schriftstellers und Journalisten tunesischer Herkunft Guy Sitbon «Wenn man sich versöhnen will, muss man zuerst aufhören, sich anzulügen», könnte den portugiesischen Europaparlamentarier Paulo Casaca inspiriert haben, als er eine Sitzung zu einem von den Europäern so gut wie ignorierten Problem einberief – nämlich zu den jüdischen Flüchtlingen aus arabischen und muslimischen Ländern. Das Treffen fand Anfang Juli in einem kleinen Saal des Europaparlaments in Brüssel statt. Sprecher waren allen voran Moïse Rahmani (früher Ägypten, heute Belgien), Autor des Buches «Der vergessene Exodus - die Juden der arabischen Länder», Edwin Shuker (früher Irak, heute Grossbritannien), Initiant der Vereinigung Gerechtigkeit für Juden der arabischen Staaten, (www.justiceforjews.com) und Carole Basri (früher Irak, heute USA). Alle drei schilderten die Repressionen oder Ausweisungsverfahren, die ihrer Flucht aus der Heimat vorangingen.
Eine ethnische Säuberung
Sacha Horowitz sagt über Carole Basri, eine angesehene Juristin und Universitätsprofessorin: «Ihre Arbeit hat darin bestanden, den Tatsachen, die zum Exodus der eingeborenen Juden des Mittleren Ostens und Nordafrikas geführt haben, unter den Aspekten des internationalen Rechts nachzugehen. Sie selbst stammt aus einer angesehenen jüdischen Familie aus Bagdad und kann ihren Stammbaum bis ins Mesopotamien des ‹ersten Exils› der Juden in Babylon, also über 2700 Jahre, zurückverfolgen. Sie hat in Brüssel die Definitionen der Begriffe ‹Flüchtlinge› und ‹ethnische Säuberung› systematisch angesprochen. Für sie ist es unverständlich, dass die Umsetzung der Uno-Resolution 242 zum israelisch-arabischen Konflikt aus dem Jahr 1967 in der Praxis lediglich im Sinne der Gerechtigkeit für die palästinensischen, nicht aber für die zahlreicheren jüdischen Flüchtlinge verlangt wird, während sie doch eigentlich die grundsätzliche Frage einer ‹gerechten Regelung des Flüchtlingsproblems› anspricht. Gegen 100 Uno-Resolutionen beschäftigen sich mit den 750?000 palästinensischen Flüchtlingen, nicht eine einzige wurde zum Thema der jüdischen Flüchtlinge formuliert. Indessen wurde die jüdische Bevölkerung von 900?000 Personen jener Länder, welche von ihren Regierungen als strikt arabisch erklärt worden sind, fast vollumfänglich zur Flucht gezwungen. Alle Kriterien einer ethnischen Säuberung sind dabei gegeben, sodass man diesen Begriff ehrlich verwenden kann, um die ins Spiel gebrachten politischen Prozesse zu qualifizieren – umso mehr, als die vertriebene Bevölkerungsgruppe in keiner Art und Weise eine militärische Bedrohung verkörperte.
Wahrheit führt zu Gerechtigkeit
Einen wirklichen Frieden kann es schlussendlich nur geben, wenn die Probleme der Flüchtlinge beider Konfliktparteien gelöst werden. Dies impliziert gemäss Carole Basri eine Anerkennung des Unrechts, das von einem grossen Teil der arabischen Länder begangen wurde, eine Aufgabe, die noch nicht einmal angegangen wurde.»
Hinzu kommt die Unterdrückung der Erinnerung an die jüdisch-arabische Koexistenz. Moïse Rahmani berichtete, dass er einmal eine junge Ägypterin auf Arabisch angesprochen habe, was diese zur Frage veranlasste, weshalb er ihre Sprache spreche. Er antwortete ihr, dass er ein ägyptischer Jude gewesen sei, worauf sie sagte, sie hätte nicht gewusst, dass es in Ägypten Juden gegeben habe. Fast 3000 Jahre eingeborener Präsenz seien also aus dem Gedächtnis gelöscht worden. Rahmani gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Kinder seiner ehemaligen Nachbarn sich eines Tages wieder daran erinnern würden. Diese von Basri und Rahmani zu Recht beklagten ethnischen Säuberungen betrifft allerdings nicht alle arabischen Länder. Das in Casablanca 1977 eröffnete Museum des marokkanischen Judentums beispielsweise erlaubt der jungen Generation, sich über die jüdische Präsenz in ihrem Land zu informieren. Wenn auch der Grossteil der Juden Marokko verlassen hat, darf doch die wohlwollende Haltung des Königshauses den Juden gegenüber nicht unerwähnt bleiben.
Auffallend ist das Fehlen jeglichen Willens zur Rache, das allen Sprechern der Sitzung in Brüssel gemeinsam war. Moïse Rahmani brachte dies wie folgt zum Ausdruck: «Wir hegen keinen Hass gegen jene, die uns vertrieben haben. Wir verlangen nur Wahrheit und Gerechtigkeit. Gerechtigkeit für unsere Eltern, die vertrieben wurden und anderswo von Neuem beginnen mussten. Gerechtigkeit für unsere Toten, die hinter uns zu lassen wir gezwungen waren und deren Gräber entweiht und zerstört wurden. Die Wahrheit muss ausgesprochen werden. Denn sie führt zur Gerechtigkeit, welche ihrerseits zur Versöhnung führt, und die Versöhnung wiederum führt zum Frieden. Ich beantrage, dass die Parlamentarier analog zum amerikanischen Kongress eine Resolution fassen, gemäss der bei jeder Verhandlung zum Problem der palästinensischen Flüchtlinge auch jenes der jüdischen Flüchtlinge behandelt werden muss.»
Die Tatsache, dass die Initiative mit Paulo Casaca durch einen Portugiesen ergriffen wurde, könnte ein gutes Omen sein. Denn auch auf der Iberischen Halbinsel wurden die Juden verfolgt und verjagt. Heute sind diese Tatsachen anerkannt, und vielleicht wird dies auch einmal für den Exodus der Juden aus den arabischen Ländern zutreffen. Paulo Casaca beschäftigt sich übrigens ebenso mit dem Schicksal christlicher Minderheiten in muslimischen Ländern.
Louis Bloch