Ein binationaler Staat als Lösung?
Zuerst dachte ich, es handle sich um einen Witz. Die Welt ist komisch, also lachen wir, auch wenn wir eigentlich weinen sollten. Dann merkte ich, dass die Sache seriös war: Seriöse Menschen wiederholen den gleichen dummen Witz nicht zweimal. Professor Sari Nusseibeh und Ahmed Qurei (bekannt als Abu Ala) sind seriöse Menschen, und kürzlich haben sie die Idee von einem binationalen Staat vorgebracht. Nicht mehr zwei Staaten für zwei Völker, sondern eher einen für beide. Die Endzeit-Situation überholt die Geschichte. Pflugscharen und Hacken ersetzen Schwert und Speer, noch bevor diese überhaupt benutzt worden sind.
Man kann die beiden vielleicht sogar verstehen. Nach 40 Jahren Besetzung und Unterdrückung, nach 15 Jahren nutzloser Verhandlungen, in denen ein Abkommen, wie der Horizont, in immer weitere Ferne zu rücken scheint, je näher man zu ihm gelangt, wundert es nicht, dass Menschen der Verzweiflung anheimfallen.
Gemäss einem Bericht in der «New York Times» erklärte Qurei vor Fatah-Mitgliedern in Ramallah, sollte Israel fortfahren, den entstehenden Palästinenserstaat zu blockieren, werde nur noch die Forderung nach einem binationalen Staat übrig bleiben. Und unlängst hat das Israelisch-Palästinensische Zentrum für Forschung und Information ein Arbeitspapier vollendet, welches die binationale Option für den Fall eines Scheiterns der Verhandlungen einschliesst. Und die Palästinensische Strategische Studiengruppe – sie wird von der Europäischen Union finanziert – schlägt eine Reihe von Szenarien vor, einschliesslich der Integration von Israel-Palästina unter einer einzigen Souveränität.
Heute gilt Sari Nusseibeh als der Prophet des Konzeptes «Ein Staat für alle», die zwischen dem Jordanfluss und dem Mittelmeer wohnen. Seine Verzweiflung ist noch bedrückender und erschreckender, gibt es doch kaum jemanden mit einer ähnlichen Portion an Verständnis und Realitätssinn. Wenn er schon derartige Not- und Warnsignale aussendet, dann ist das ein sehr schlimmes Zeichen für den «Prozess», und es gibt nicht mehr viele hoffnungsvolle Menschen in der Gegend.
Ein Witz ist ein Witz, doch diese Region hat eine üble Vorliebe für die Erfüllung schwarzer Prophezeihungen und schlechter Scherze. Eine Idee ist eine Idee, doch haftet ihr ein Problem an: Sie war einfach noch nie irgendwo erfolgreich. Ein Staat für zwei ethnische oder religiöse Gruppen ist die Garantie für eine Katastrophe im balkanischen oder kaukasischen Sinn, für eine neue libanesische, irakische oder zypriotische Geschichte, schon gar nicht zu reden von Afrika, welches der Kolonialismus in Trümmern zurückgelassen hat. Sogar Belgien scheint auseinanderzufallen, und auch Schottland befasst sich mit Unabhängigkeitsgedanken.
Wird etwas, das überall gescheitert ist, ausgerechnet in unserer Region Erfolg haben? Je mehr der Status quo sich mit Barrikaden umgibt, um seine Verletzung zu verhindern, umso verzweifelter werden die Menschen werden, sowohl Israeli als auch Palästinenser. Ganz unbewusst werden sie hier etwas errichten wollen, das im Wesentlichen ein schlechtes altes Südafrika sein würde, aber ohne die südafrikanische Lösung. Schliesslich werden die Juden nie ihre exklusive Herrscherrolle aufgeben wollen, doch ein neu errichteter Apartheidstaat kann in unseren Tagen nicht mehr überleben – und wer wollte schon bewusst in ihm leben wollen?
Der gleiche Staat für zwei Völker? Das wird einer sein, der weder für mich noch für dich sein wird. Das Urteil für dieses Land ist das Gegenteil vom salomonischen Spruch für die beiden im gleichen Haus lebenden Prostituierten, denn dies ist der Test für die Beziehung eines Menschen zum Land: Wer versucht, es an seine Brust zu drücken und in einem Stück in den Schlaf zu wiegen, ist effektiv die Person, die das Land hasst. Wer hingegen Teile des Körpers des Landes amputiert, der liebt es. So lasst es uns teilen und retten, bevor wir sterben.