Ein bewegtes Leben

Von Gisela Dachs, November 5, 2010
Der Begriff Wohltätigkeit gehört nicht in den Wortschatz von Ruth Dayan. Doch das hindert die Leitern des staatlichen Modelabels Maskit nicht daran, sich bis heute für Frauen einzusetzen und sie zu fördern.
RUTH DAYAN IN DEN SIEBZIGER JAHREN Eine starke Frau aus der Gründergeneration des Staates Israel

Als Ruth Dayan 1935 mit 17 unter der Chupa heiratete, blieben ihre Freundinnen aus Protest weg. Denn eine frühe Ehe galt als bürgerlich, was unter den zionistischen Pionieren im damaligen Palästina verpönt war. Es gab ja auch weitaus Wichtigeres zu tun. Sümpfe mussten trockengelegt, Kühe gemolken, Kibbuzim aufgebaut und gegen 40 Grad Hitze und Malaria angekämpft werden. Frauen packten genauso mit an wie die Männer.
Diese aufreibende Vergangenheit ist der heute 93-jährigen Dame, die sich in ihrem Leben zudem immer schon viel für andere eingesetzt hat, nicht anzusehen. Sie verströmt eine natürliche Eleganz mit ihrem dichten weissen Haar, Perlohrsteckern und einen weit geschnittenen blauem Kostüm. Durch das Wohnzimmerfenster ihrer kleinen Tel Aviver Wohnung schimmert das Meer. Die indische Haushälterin Ethel serviert Kaffee und Kekse. Doch die Ruhe ist trügerisch: «Ich habe immer schwer gearbeitet», sagt Ruth Dayan, «und kann noch immer nicht still sitzen. Allerdings muss die Tätigkeit sinnvoll sein.» In ihrem prall gefüllten Terminkalender gibt deshalb weder Platz für einen Mittagsschlaf noch für so überflüssige Dinge wie Friseurbesuche. Und direkt neben ihrem Sessel liegen Telefon und Adressbuch bereit, manchmal klingelt auch das Handy in der Handtasche.

Bekannt und gut vernetzt

Ruth Dayan ist eine gut vernetzte und bekannte Persönlichkeit, die oft auch von ihr ganz unbekannten Frauen angerufen wird, die sich bei ihr Rat holen. Wie unlängst eine Mutter, deren erwachsener Sohn ihr Probleme macht. Dann hört Ruth Dayan vor allem gut zu. Früher hat sie solche Leute noch zu sich nach Hause eingeladen, aber das schafft sie jetzt nicht mehr, denn: «Das Alter macht sich ja doch irgendwo bemerkbar.» Ruth Dayan hat immer schon viel Zeit mit Frauen zugebracht. Wohltätigkeit aber ist ein Wort, das nicht zu ihrem Vokabular gehört. Ihr Konzept lautet vielmehr: Hilfe zur Selbsthilfe.
Sie war es, die ein Mittel fand, um Neueinwanderinnen nach der Staatsgründung etwas von ihrem verlorenen Selbstwertgefühl zurückzugeben. Damals in den Fünfzigerjahren, ihr Mann war gerade Stadtkommandant von Jerusalem, kümmerte sich Ruth Dayan im Auftrag der Jewish Agency um die Integration der Frauen. Wären nicht die Ratten gewesen, die ständig die Samen aufgefressen hatten, hätte sie diesen Frauen vermutlich weiterhin beigebracht, Gemüse anzubauen. So aber entschied sich Ruth Dayan, die Landwirtschaft hinter sich zu lassen und bereits vorhandene Fähigkeiten zu nutzen. Sie setzte auf die Handarbeitskünste der Frauen, egal woher sie stammten.

Eine unkonventionelle Erfolgsidee

Ihr Beruf, sagt sie, sei «Projektleiterin» gewesen. Das bedeutete in jenen schwierigen Zeiten vor allem, Arbeitsmaterial zu organisieren. Sie nahm, was es gab: Reste aus der Fabrik oder Säcke und Stoffe für Putzlappen. «Sticken konnte jede, aber jede Einwanderergruppe hatte ihren eigenen Stil, je nachdem ob sie aus Jugoslawien, Bulgarien oder dem Jemen kam.» Mit ihrer Arbeit bürstete Ruth Dayan im Grunde doppelt gegen den Strich: Statt den Boden fruchtbar zu machen, schuf sie Textilien, und statt sich der herrschenden Schmelztiegel-Ideologie zu unterwerfen, die das «Modell eines neuen Israeli» anstrebte, war ihre Arbeit darauf ausgerichtet, die ethnischen Besonderheiten der Einwanderinnen aufleben zu lassen. Wenn auch in neuer Form.
Den Alten gefiel das weniger, aber Ruth Dayan hielt an ihrem Motto fest: «Um Kunsthandwerk rentabel verkaufen zu können, braucht es modernes Design.» Sie wollte kein Hobby fördern, sondern eine Einkommensquelle für die Frauen schaffen. Ebenso wenig wollte sie eine nationale Tracht, sondern tragbare Mode kreieren. Deshalb stört es sie bis heute, dass diesen Kollektionen immer wieder das Etikett «israelisch» aufgedrückt wurde. «Mich erinnert das immer an Folklore und Hora-Tanzen», sagt Ruth Dayan und winkt ab.

Alt und neu vereint

Maskit, wie die 1954 gegründete und von ihr geleitete staatliche Firma hiess, produzierte durchaus israelische Mode, die auch so auf der ganzen Welt verkauft wurde, aber sie zeichnete sich vor allem durch Qualität und Chic aus. «Eine nationale Kleidung bewahrt immer eine Tradition und ist voller Stickereien. Wir hingegen haben diese ethnischen Traditionen quasi zerstört, wir haben Teile genommen, sie kombiniert und so verändert. Und das mit den besten Modeschöpfern, die es auf der Welt gab, wie etwa Christian Dior.»
Die legendäre Maskit-Designerin Finy Leitersdorf, die für die Haute-Couture-Abteilung zuständig war, formulierte den Anspruch später so: «Was einem Modeschöpfer nationale Wichtigkeit verleiht, ist die Fähigkeit, spezifische lokale Farben und Stoffe zu nutzen. Nicht die jemenitischen Stickereien machten die Maskit-Kleider israelisch, sondern vielmehr die Farbenkombination – wüstenbraun, der ungebleichte, sonnige Ton von natürlicher Schafwolle, das Off-Schwarz, das an Beduinenzelte erinnert, ebenso wie das sich immer wieder verändernde Blau des Mittelmeers. Hinzu kommt ein typischer fliessender Schnitt, der das Markenzeichen heisser Länder ist.»

Hilfe über Grenzen hinaus

27 Jahre lang lief die Firma als Projekt des Arbeitsministeriums, von dem Ruth Dayan heute mit Stolz eine Pension bezieht. Damals baute sie auch zahlreiche Kontakte mit Palästinenserinnen dies- und nach 1967 auch jenseits der Grünen Linie und knüpfte ebenfalls an deren Handfertigkeiten an. Heute ist Dayan in regem Kontakt mit einer NGO im Westjordanland, die sich für die Förderung von Müttern und Kindern engagiert. Wenn sie mit Asisa telefoniert, die dafür verantwortlich ist, spricht Ruth Dayan Arabisch. Kürzlich hat sie für 300 Kinder einen Safaribesuch in Ramat-Gan bei Tel Aviv organisiert. Samt Armeegenehmigungen und freiem Eintritt. Das sei keine einfache Sache, aber eben doch möglich gewesen. Verantwortlich fühlt sie sich auch für das Schicksal der Beduininnen in Israel. Ihnen hilft sie, ihre traditionellen Stickereien und Schmuckdesigns zu vermarkten, um aus dem Teufelskreis der Arbeitslosigkeit auszubrechen.In diesem Sommer wurde Ruth Dayan von der Jerusalemer Cinemateque für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, im Besonderen für ihren Beitrag zur Modewelt und zur Stärkung der Frauen in Israel. «Ich bin keine Feministin», konstatiert sie trocken. Frauen hätten doch heute ihren Platz mehr als früher, und sie wolle auch keiner sagen, was sie tun solle.
Dass sie selbst so unkonventionell früh geheiratet hat, erklärt sie, lag am Ehrgeiz ihrer Eltern, die sich einen gebildeten Partner für ihre Tochter gewünscht hatten. Einer, der zum Beispiel auch Englisch sprechen konnte. Deshalb schenkten sie dem jungen Paar einen längeren Aufenthalt in London. Aber unverheiratet konnte das Paar nicht verreisen, deshalb die Hochzeit. Damals konnte sie noch nicht absehen, dass ihr Moshe als Verteidigungsminister – unter anderem dank seiner Augenklappe – zu einem der berühmtesten Israeli überhaupt werden würde. Später liessen sie sich scheiden.

Aufs Engste mit Israel verbunden

Moshe Dayans Portrait hängt in verschiedenen Varianten an den Wänden. Eines hat das jüngste ihrer drei Kinder, Assi, mittlerweile auch schon 65, auf dem Computer im Nebenzimmer kreiert. Der Filmemacher («Life according to Agfa») und Schauspieler erholt sich gerade von seiner jüngsten Lebenskrise bei der Mutter. Wie sie unter anderem auch damit fertig wird, zeigte vor kurzem eine israelische Fernsehdokumentation.
Ruth Dayan hat ein bewegtes Leben hinter sich. Ihre Eltern stammten aus Odessa und kamen ganz und gar von sozialistischen Idealen beseelt ins Land. Sie gehörten jener Gründerelite an, die als erste Lehrer der nachfolgenden Generation ihr Wissen weitergaben. So kannte Ruth sie alle persönlich: die einflussreichen Männer aus dieser Zeit, nach denen heute die Strassen in Israel benannt sind. Ausserdem war der ehemalige Staatspräsident Ezer Weizmann ihr Schwager und – für die jüngere Generation viel relevanter – der Popstar Aviv Geffen ist ihr Neffe. Ihr Netzwerk und ihr Name tragen sicherlich dazu bei, dass es Ruth Dayan bis heute mit grossem Erfolg gelingt, für andere Türen aufzustossen.    ●


Gisela Dachs ist Israelkorrespondentin der «Zeit» und lebt in Tel Aviv.