Ein besonderes Kissen
Der an prominenter Stelle ausgestellte auffallend bunt bestickte, fast quadratische Seder-Kissenbezug aus Lengnau gehört zu den ältesten Textilien des Museums. Die Kissenplatte aus hellem Leinenstoff ist sorgfältig mit Wollfäden in Pastelltönen mit Ketten-, Knopfloch- und Stielstich bestickt. Sie zeigt auf einem Rundmedaillon in ihrer Mitte ein Paar auf bequemen Sesseln am Sedermahl, gerahmt von einer Girlande und einer hebräischen Inschrift. Weitere Familienmitglieder sind nicht zu erkennen, auch die gedeckte Tafel ist bis auf vage Umrisse kaum auszumachen. Die Stickerei ist im Zentrum abgerieben, wie wenn sich der Hausherr zu stark an sein ungewohntes Polster gelehnt hätte. Dafür hängt von der Decke statt der üblichen Schabbatlampe ein stattlicher Leuchter mit einem Geweih als Kerzenhalter; ein Hinweis auf den Wohlstand des Stifters. Sein Name und derjenige seiner Gattin werden in der Inschrift am Kissenrand ausdrücklich genannt. Die Inschrift auf dem Medaillonrahmen gibt den sogenannten Merkvers wieder, der alle obligatorischen Vorbereitungen für den Sederabend aufzählt und oft auf den Rand von Zinntellern graviert wurde.
Stifter mit Namen genannt
Im Innern des Rondells steht, ebenfalls hebräisch, das Datum 1760, das sich – bei anderer Leseweise der Buchstaben – auch als 1752 entziffern lässt. In den vier Ecken und Seitenmitten sind je axial-symmetrisch verschiedene bunte Blatt- und Blütenornamente aufgestickt, die Motive sind eng gegliedert mit wenig Raum dazwischen. Die oben erwähnte hebräische Inschrift am Kissenrand bezieht sich zuerst auf die Bedeutung der Sedernacht, heute meist als Sederabend bezeichnet: «Für den Herrn ist sie die Nacht der Bewahrung, um sie aus Ägypten hinaus zu führen. Diese Nacht des Herrn ist für ganz Israel für Generationen zu hüten.» Anschliessend werden die Stifter des Kissens persönlich genannt: «Meschulam Salmen, Sohn des Josef Guggenheim – sein Andenken sei gesegnet – und seine Frau Jutle, Tochter des treuen ehrenwerten Herrn Samuel aus der Heiligen Gemeinde Lengnau.» Das Kissen wurde offenbar von der Witwe Jutle gestiftet, ihres Mannes wird mit «s. l.» gedacht, noch heute gültiger hebräischer Abkürzung für «seligen Angedenkens».
Am Sederabend sitzt man an ein Kissen gelehnt, wie es schon in der Antwort auf eine der vier Frage heisst, die das jüngste am Seder teilnehmende Kind jeweils stellt. Vermutlich ass man üblicherweise stehend und war nur Festtags um einen Tisch versammelt, weil – laut Überlieferung – die Römer auf Liegesitzen zu speisen pflegten. Bloss eine kleine Auswahl an Kissen aus dem 18. Jahrhundert, die sich wegen ihres Dekors als Sederkissen identifizieren lassen, ist noch erhalten. Für Pessach wurden ausserdem besondere Überhandtücher, jiddisch Sederzwehl genannt – vom altfranzösischen «touaille» (vgl. auch toile) –, mit Stickereien versehen.
Unser Seder-Kissenbezug verdient einerseits wegen seines kostbaren, figürlichen Rundbildes besondere Beachtung; anderseits liefert die lange Inschrift, deren Entzifferung viel Geduld erforderte, neben biblischen Texten genaue historische Angaben. Die Identität der Stifter liess sich bisher trotzdem nicht genauer bestimmen. Übrigens erkennt man an mehreren Stellen die präzise Vorzeichnung der hebräischen Buchstaben. Das durchaus professionell gestaltete Schriftbild lässt, wie bei Thorawimpeln, auf den Einsatz eines erfahrenen Thoraschreibers schliessen, der die Arbeit der anonymen, nicht minder geübten Stickerin wesentlich erleichtert hat.
Katja Guth
«Endingen – Lengnau. Auf den Spuren der jüdischen Landgemeinden im Aargau» im Jüdischen Museum der Schweiz. Montag und Mittwoch 14 –17 Uhr, Sonntag 11–17 Uhr.