Ein bedrohtes Kulturerbe
Nofretete, die seit beinahe 100 Jahren in Berlin im Museum steht, wäre in ihrer alten Heimat am Nil nicht mehr sicher. Unruhen, Brandstiftungen und zunehmende Gefahr für die Bevölkerung – im Gefolge der politischen Demonstrationen droht Ägypten dieser Tage in Anarchie zu versinken. In der weltberühmten Antikensammlung des Ägyptischen Museums in Kairo kam es zu Plünderungen. Randalierer zerstörten Museumsexponate, rissen zwei Mumien den Kopf ab. Weitere Verluste werden befürchtet. Kairo birgt die bedeutendste Sammlung altägyptischer Kunstschätze, hat ausserdem bedeutende Institutionen wie das Koptische Museum und das Museum für Islamische Kunst. Nach den Plünderungen hat UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokowa Schutz für das einzigartige Kulturerbe des Landes gefordert. «Der Wert der 120 000 Objekte ist unschätzbar, nicht nur in wissenschaftlicher und finanzieller Hinsicht», betonte die Chefin der Uno-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur am Dienstag.
Von der Hochkultur zur Diktatur
Mumien und Pyramiden, Pharaonen, Hieroglyphen und die rätselhafte Sphinx – keine der antiken Hochkulturen übt bis heute solch eine Faszinationskraft aus wie die der alten Ägypter. Das Land am Nil ist mit seiner reichen Tradition das Herz der arabischen Welt und legte mit seiner Zivilisation die Basis für die Entwicklung der Völker rund um das Mittelmeer. Zugleich erwies sich die traditionsreiche Kultur, verglichen mit Nachbarstaaten, im Verlauf seiner Geschichte als offener und kosmopolitischer. Zum Vorteil des Landes: Nicht zuletzt durch die Ansiedlung von Industrie, Eisenbahnnetz, Post, dem Ausbau der Landwirtschaft und den Bau des 1869 eröffneten
Suezkanals entwickelte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein moderner ägyptischer Staat, in dem sich europäische Gedanken, Kenntnisse und Werte mehr und mehr verbreiteten. Dies schlug sich auch in der im arabischen Raum einzigartigen Infrastruktur von Museen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen nieder.
Die ägyptische Kultur ist eng mit der jüdischen verknüpft und umgekehrt. Seit die Juden vor mehr als 3000 Jahren der ägyptischen Knechtschaft entronnen sind, ist das jüdische Pessachfest als «Fest der Befreiung» der symbolischen Erinnerung daran gewidmet. So wie die Auferstehung als zentrales Ereignis des Christentums gilt, ist der Auszug aus Ägypten das Schlüsselereignis der Juden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand Ägypten einmal mehr am Scheideweg. Die Nationalpartei Mustafa Kamils warb zwar für einen konfessionslosen Patriotismus, tendierte nach seinem frühen Tod 1908 jedoch zum Panislamismus. Die junge Nationalbewegung war intellektuell noch eng dem islamischen Modernismus des späten 19. Jahrhunderts verbunden. Es ist der Revolution von 1919 zu verdanken, dass die Ägypter ihre religiösen Differenzen hinter sich liessen, – um sich gegen die britische Herrschaft zu verbünden. Unterschwellig aber wirkten religiöse Tendenzen und Konflikte fort.
Mut zur Demokratie?
Vergeblich versuchte Ägypten, das sich 1945 für die Gründung der Arabischen Liga stark gemacht hatte, vereint mit anderen arabischen Staaten im Palästina-Krieg die Gründung des Staates Israel 1948 auf dem Boden des früheren britischen Mandatsgebiets Palästina rückgängig zu machen. Im Zusammenhang mit zunehmenden ägyptisch-israelischen Spannungen – unter anderem bedingt durch eine Blockade des Suezkanals und des Golfs von Aqba für israelische Schiffe – kam es 1956 zum Suezkrieg, in dessen Verlauf israelische Truppen auf die Sinaihalbinsel vorstiessen. Ähnliches wiederholte sich im Sechstagekrieg 1967. Wieder war der Golf gesperrt worden, wieder besetzte Israel die Sinaihalbinsel. Bis 1968 waren die ägyptischen Juden – im Jahre 1947 rund 66 000 Menschen – fast alle ausgewandert. Nachdem Ägypten sich Unterstützung von sowjetischer Seite gesichert hatte und nach einer Phase, in der der sowjetische Einfluss wieder zurückgedrängt wurde, begann der ägyptische Präsident Anwar el-Sadat 1977 eine Friedensinitiative einzuleiten. Vermittelt vom amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter vereinbarten Sadat und der israelische Ministerpräsident Menachem Begin 1978 in Camp David die Rahmenbedingungen für den Friedensvertrag, der 1979 gegen den Widerstand Syriens, Libyens, Algeriens und Iraks sowie der PLO unterzeichnet wurde.
Schleichende Islamisierung
Das Abkommen führte zur Aufkündigung der ägyptischen Mitgliedschaft in der Arabischen Liga. Nach der Ermordung Anwar el-Sadats im Jahr 1981 übernahm Hosni Mubarak das Amt des Staatspräsidenten. Der seit nunmehr 30 Jahren amtierende Machthaber setzte die auf Ausgleich bedachte, gleichwohl kritische Israel-Politik fort und bemühte sich erfolgreich, die Isolation Ägyptens im arabischen Raum zu lockern. Im Zuge dessen kam es zu einer schleichenden Islamisierung des Landes. Der Angriff auf die Kopten im Dezember war brutaler Beweis für die nur angebliche, de facto aber fehlende religiöse Toleranz eines Landes, das 1919 Glaubensdifferenzen Geschlossenheit entgegenzusetzen vermocht hatte. Die Vormachtstellung der frühen Hochkultur Ägypten als Taktgeber der Region wirkt bis heute fort. Das Land ist das bevölkerungsreichste der arabischen Welt. Kairo, politisches, wirtschaftliches und geistiges Zentrum des Nahen Ostens, dominiert, wenn auch mit schwindendem Einfluss, die Kultur. Über den
Suezkanal werden sieben Prozent des Weltseehandels abgewickelt und rund zwei Prozent des Erdöls verschifft.
Der Umbruch
Der Friedensvertrag mit Israel von 1979 hatte einen Handelsboykott und die Einstellung der seitens erdölexportierender arabischer Länder gewährten Entwicklungshilfe für Ägypten zur Folge. Ägypten vermittelte im israelisch-palästinensischen Konflikt und steht in Opposition zum Regime im Iran. Nun der Umbruch. Einerseits wurde im Land der Ruf nach der Durchsetzung islamischer Rechts- und Moralvorschriften zuletzt immer lauter – andererseits der Ruf der «Generation Facebook» und der gebildeten Mittelschicht nach demokratischen Reformen. Bislang fehlen Ägypten demokratische Strukturen und Traditionen – das Land hat seit 1952 nur drei Präsidenten gehabt. Das macht dem Westen, das macht Israel Angst. Und lässt sie an dem prowestlichen Diktator Mubarak vorerst festhalten, um eine islamistische Machtübernahme zu verhindern. Das Land am Nil, der wichtigste Verbündete des Westens und Partner Israels auf der Suche nach Frieden, leidet – an Arbeitslosigkeit, Ziellosigkeit, Ungewissheit. Welche Richtung Ägypten auch immer in einem hoffentlich friedlichen, demokratischen Prozess nun einschlägt – seine Zukunft wird für die ganze Region entscheidend sein. In Sachen Kulturschutz ist ein Anfang gemacht. Nach den Plünderungen im Ägyptischen Museum hat der Internationale Museumsrat eine Sondereinheit ins Leben gerufen und die Verantwortlichen in allen Ländern aufgerufen, bis auf unbestimmte Zeit keine Kunstgegenstände aus Ägypten zu kaufen.