Ein Bau soll versöhnen
Eine an die Klagemauer erinnernde fensterlose Wand aus Steinquadern, in die in der linken Ecke eine Öffnung, der Eingang, geschlagen zu sein scheint, empfängt einen von der Strasse her. Über der Tür zieht sich ein eingemeisseltes Schriftband um den Bau - Jonas betet im Bauch des Fisches. Der Bau wirkt hermetisch, sichtlich geht es hier um einen Innenraum, um ein Behältnis, das etwas birgt. Er kontrastiert in angemessener Weise mit der Transparenz des Nachbargebäudes, mit dem er bei näherem Hinsehen jedoch verkeilt ist. Die neue Synagoge von Liberec erweist sich als ein dreieckiger Bau, als ein Davidstern, von dem nur die Hälfte da ist, und dessen eine Spitze in den Baukörper des Hauses der Bücher hineinragt und mit ihm verwachsen ist. Ein heterogenes Gebäude, das zusammenhält und doch manche Brüche aufweist und sie auch vorzeigt. Spuren der Grundmauern der zerstörten Synagoge sind im Boden des Platzes und der Bibliothek sichtbar.
Der am 9. November feierlich eröffnete Bau von Radim Kousel wurde 1995, zwei Jahre vor der Grundsteinlegung, in Dresden unter die Schirmherrschaft der Präsidenten Václav Havel und Roman Herzog gestellt. Herzog sah in diesem Projekt einen wegweisenden Beitrag nicht nur für die tschechisch-deutschen Beziehungen, sondern auch eine einmalige Erinnerung und, wie er hoffte, nicht nur symbolische Belebung der jahrhundertelangen Symbiose zwischen Tschechen, Deutschen und Juden, zwischen Christen und Juden. Der Neubau ist in vielem einzigartig, als synagogaler Neubau in der Tschechischen Republik, aber auch als multifunktionaler Komplex. Die von einem gläsernen Mantel umgebene «Bibliothek des dritten Jahrtausends» ist Bibliothek und Mediathek zusammen. Sie gibt sich, wo die Synagoge eine geschlossene Steinwand der Aussenwelt präsentiert, als medialer Raum mit zwei Displays auf der dominierenden Stirnseite kommunikativ.
Die heutige Euroregion im deutsch-tschechisch-polnischen Grenzgebiet ist schon lange eine Gegend, in der Deutsch und Tschechisch in immer wieder wechselndem Verhältnis die dominierenden Sprachen bildeten. Juden lebten in Liberec, zu deutsch Reichenberg, einem bedeutenden Zentrum der Tuchmacher und später der Textil- und Glasindustrie, wohl vom 14. Jahrhundert an, in schwankender Zahl, mal vertrieben, mal geduldet. Auch im 19. Jahrhundert mussten sie nach dem Willen von Philip Clam-Gallas aus der Stadt ausziehen, so dass erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, als Reichenberg die zweitgrösste Stadt Böhmens war, das jüdische Leben wieder Aufschwung erfuhr. 1863 wurde die jüdische Gemeinde gegründet und gegen Ende des Jahrhunderts gab es hier rund 1000 Juden. Ende der achtziger Jahre beschlossen sie, an erhöhter Stelle eine 340 Männer fassende Synagoge nach den Entwürfen des Wiener Architekten Karl König im Neorenaissance-Stil zu bauen. Sie war von aussen, abgesehen von den symbolischen Gesetzestafeln, kaum von einer Kirche zu unterscheiden.
1938 wurde Reichenberg zur Hauptstadt des Sudetengaues, in dem sich, angeführt von Konrad Henlein, die nationalsozialistische Gesinnung schnell verbreitete. In der Nacht vom 9. auf den 10. November - die tschechischen Grenzgebiete gehörten erst einige Wochen zum Reichsgebiet - brannten mehrere Synagogen, nicht nur in Reichenberg, auch in Gablonz, Troppau, Jägerndorf und anderswo. Vor dem Krieg lebten über 1300 Juden in der Stadt. Nicht einmal 40 haben den Krieg überlebt. Heute zählt die Gemeinde 120 Mitglieder. Aus eigenen Mitteln hätte sie nie ein Gotteshaus errichten können. Die Tschechische Republik, die Europäische Union, die deutsche Regierung, der Deutsch-Tschechische Zukunftsfond sowie im Rahmen der Regionenpartnerschaft der Kanton St. Gallen haben sich an den Kosten des Projekts beteiligt. Unter den Sponsoren figuriert auch die Pro Helvetia. Der Neubau des Gebetshauses auf einer Fläche von 245 m2 dient als Zentrum für die Jüdische Gemeinde und auch der Öffentlichkeit. Die Bibliothek soll im Februar nächsten Jahres in Betrieb genommen werden. «Das Projekt symbolisiert nicht nur eine Entschädigung der Gruppen anderer Kulturen, die in dieser Region leben, sondern auch ihre Versöhnung, und stellt ein Memento menschlicher Gewalt und Willkür dar», sagt Vèra Vohlídalová, Direktorin der Bibliothek. Es bleibt zu hoffen, dass es im zusammenrückenden Europa nicht bei der Symbolik bleibt.