Ein Basler als Abteilungsleiter am Laniado-Spital
Inside: Sie leiten die Abteilung für Orthopädie und Traumatologie des Laniado-Krankenhauses in Netanya.
Claude Picard: Als ich Anfang 1998 hier begann, existierte in dem sonst vollständigen Spital noch keine Orthopädie-Abteilung. Mein Hauptziel war die Einrichtung einer Notfallstation, um orthopädische Patienten (Knochenbrüche, Arbeits- oder andere Unfälle) behandeln zu können. Wir richteten ein Gipszimmer und einen Raum für die Orthopädie ein. Das zweiteZiel war die Ermöglichung, Operationen an diesen Patienten auszuführen. Das ging parallel einher mit der Einrichtung von 5 Operationssälen im Neubau des Laniado-Spitals. Dabei legte man u.a. Gewicht auf die Orthopädie. Vor allem für die Traumabehandlung von Patienten, die operiert werden müssen, sind wir sehr gut eingerichtet.
Inside: Wie gross ist Ihr Team?
Claude Picard: Zu Beginn war ich alleine; jetzt sind wir ein Team von 3 Orthopäden. Zudem ist seit anfangs Jahr der zuvor nur tagsüber erteilte Service auch auf die Nacht ausgedehnt worden. Das Meir-Spital von Kfar Saba schickt uns jeden Tag von 16-23 Uhr einen orthopädischen Assistenten, der auf unserer Notfallstation Dienst leistet.
Unser nächstes grosses Ziel ist die Einrichtung einer eigenen Bettenstation für orthopädische Fälle. Zurzeit sind die hospitalisierten Patienten auf der Chirurgie untergebracht. Das ist relativ eng und auch von der Betreuung her nicht immer ideal.
Inside: Wie kann das Laniado-Spital als privates Krankenhaus seinen Betrieb finanzieren, und wie finanzieren Sie den Ausbau der orthopädischen Abteilung?
Claude Picard: Der Charakter des Laniado-Spitals kann mit jenem des Jerusalemer Shaare Zedek-Krankenhauses verglichen werden, das ein öffentliches Spital ist. Es dient der Bevölkerung der Region, die im Einzugsgebiet von Netanya in den letzten Jahren auf über 250 000 Menschen angewachsen ist, und das Laniado ist das einzige öffentlich zugängliche Spital. Im Gegensatz zu den meisten anderen Krankenhäusern Israels ist es weder einer Krankenkasse unterstellt noch staatlich. Der Aufenthalt von Patienten wird durch die Spitalkostendeckung der Kassen finanziert, doch Neuentwicklungen und Ausbauprojekte unterstützt der Staat nur beschränkt. Der Grossteil muss durch Spenden gedeckt werden.
Inside: Erzählen Sie kurz etwas zur Geschichte des Spitals?
Claude Picard: Alles begann vor etwas über 25 Jahren, als Reb Yekutiel Halberstam, der Klausenburger Rebbe, zum Andenken an seine im Holocaust umgekommene Frau und elf Kinder das Spital gründete. Als er während des Krieges verletzt wurde und sich nicht getraute, um Hilfe nachzusuchen, gelobte er, im Falle seiner Rettung, einen Ort zu gründen, an dem Leute, die medizinische Hilfe brauchen, nicht abgewiesen werden. Was mit einem kleinen Ambulatorium begann, hat sich zu einem vollständigen Krankenhaus entwickelt.
Inside: Kann man sagen, dass das Laniado-Spital strikte religiös geführt wird?
Claude Picard: Auf jeden Fall. Das ist einer der Gründe, warum es wichtig ist, dass die Leitung des Spitals in privaten Händen liegt. Laniado wird strikt nach halachischen Prinzipien geleitet. Das gelangt bei Kaschrut und Schabbat besonders zum Ausdruck, aber auch bei der Führung verschiedener Abteilungen, wie etwa jener für IVF (Befruchtung ausserhalb des Mutterleibes), die sich ebenfalls an der Halacha ausrichten.
Inside: Kommen die Patienten aus allen Schichten der Bevölkerung?
Claude Picard: Absolut. Das gehört zu den Prinzipien, die der Gründer formuliert hat. Niemand wird abgewiesen, ungeachtet seiner/ihrer Herkunft.
Inside: Woher bekommt das Laniado-Krankenhaus seine Spenden? Wie mobilisieren Sie die Mittel für die orthopädische Abteilung?
Claude Picard: Aufgrund unseres Erfolges beim Aufbau der orthopädischen Abteilung hat der Staat beschlossen, den Bettenbestand innert dreier Jahre von 5 auf 20 zu erhöhen. Das entlastet unser Budget, indem wir jetzt «nur» noch die Hälfte der für den Ausbau der Bettenstation nötigen Gelder selber aufbringen müssen. Das Spendenvolumen, auf das wir für den Ausbau der Abteilung angewiesen sind, beläuft sich auf 1 Million Dollar. Was die laufende Arbeit betrifft, werden wir auch kleinere Anschaffungen wie Instrumente usw. durch Spenden finanzieren müssen.
Inside: Glauben Sie, dass VOLAN die Million wird aufbringen können?
Claude Picard: Das Laniado-Spital ist weltweit aktiv, nicht nur in der Schweiz. Durch meine Anwesenheit hier und indem VOLAN uns beim Aufbau der Orthopädie-Abteilung hilft, ist der Schwerpunkt der Aktivität in der Schweiz natürlich gegeben, doch das Spital expandiert generell. So hat es kürzlich eine grosszügige Spende für die Errichtung einer Kinderabteilung und für den Ausbau der Geriatrie erhalten.
Inside: Vor knapp zwei Wochen explodierte in Netanya eine Autobombe. Ist das Laniado-Spital auf solche Fälle vorbereitet?
Claude Picard: Immer mehr. Nach dem erwähnten Anschlag haben wir insgesamt 26, mehrheitlich zum Glück nicht schwer verletzte Patienten betreut. In Zusammenarbeit mit der Armee haben wir ein Dispositiv erarbeitet, das hin und wieder auch durchexerziert wird, und das gut funktioniert.
Inside: Wie unterscheidet sich die Arbeit eines Spital-Arztes in Israel von jener seines Berufskollegen in der Schweiz?
Claude Picard: Eigentlich nicht besonders. Fachlich ist es im Wesentlichen das Gleiche, wenn wir auch da und dort manchmal etwas improvisieren müssen, weil wir am Aufbau einer neuen Sache sind. Zudem sind israelische Patienten mitunter etwas temperamentvoller als schweizerische. Medizinisch aber haben wir in Israel ein sehr hohes Niveau.
Inside: Der Hauptunterschied dürfte sich auf dem Lohnausweis ergeben?
Claude Picard: Das allerdings sehr deutlich.
Inside: Trotzdem werden Sie Netanya und das Laniado-Spital in absehbarer Zeit wohl nicht verlassen?
Claude Picard: Absolut nicht. Die Mitarbeit an einem neuen Projekt bereitet mir ausgesprochen Spass und ist der Hauptgrund meines Hierseins. Zusammen mit der Alijah hat mich das von Anfang an motiviert.