Effizient und professionell

July 11, 2008
In Rekordzeit, mit neuen Ansätzen und ohne Dissonanzen absolvierte der neue Vorstand der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich seine erste Gemeindeversammlung.

Das Co-Präsidium der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) verzichtet auf die seit Menschengedenken vor der Gemeindeversammlung (GV) übliche Präsidialansprache, die jeweils in einem nicht immer geglückten «Tour d’horizon» von Israel über die USA und die EU in die Schweiz und nach Zürich führte, wo die Mitglieder leben. Was es zu sagen gibt, steht künftig in der Einladung mit der Traktandenliste.

Der bedeutend kürzere Vorstandstisch stand nicht wie früher abgehoben auf der Bühne des grossen Saals, sondern auf Augenhöhe mit den Anwesenden. Seitlich sassen alle Kommissionspräsidenten. Ton und Ablauf des Abends waren unaufgeregt, effizient und professionell.

Grosse Einstimmigkeit

Co-Präsidentin Shella Kertész, eine begabte und erfahrene Sitzungsleiterin, fasste die ehrgeizigen Ziele des Vorstands zusammen: Das Gemeindehaus soll attraktiver, eine Kinderbetreuung soll angeboten und die Synagoge soll wieder mehr ins Zentrum des Gemeindelebens gerückt werden. Auch soll es möglichst bald erneut ein fleischiges Koscher-Restaurant im Gemeindehaus geben. Die Arbeit im Vorstand, so Kertész, sei eng und freundschaftlich, die Zusammenarbeit mit den Kommissionen und der Verwaltung erfreulich. Der Vorstand sei voll motiviert und voller Ideen, gefragt seien aber die Mithilfe und das Vertrauen der Mitglieder.

Nach der herzlichen Verabschiedung von Doris Krauthammer, die nach zwölf Jahren Arbeit für die Hilfesuchenden aus der Geschäftsleitung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) zurückgetreten ist, berichteten kurz die Kommissionspräsidenten und -präsidentinnen. Höhepunkt unter den Plänen der Kulturkommission (Karen Roth-Krauthammer) war die Ankündigung einer Ausstellung von Werken der «Künstlerin und Genossin» Alis Guggenheim nach den Sommerferien. Viel Arbeit leistete die Schulkommission (Alain Gut), die den Kindergartenbetrieb der neuen Gesetzgebung anpassen musste. Weil 50 Kinder im neuen Schuljahr die Räume beleben werden, konnte eine dritte Klasse eingerichtet werden. Für den Religionsunterricht wurde mit Hilfe des SIG ein gutes neues Lehrmittel gefunden.

Praktisch alle Traktanden und Anträge, offensichtlich gut vorbereitet, fanden Einstimmigkeit. Co-Präsident André Bollag rapportierte über die Gespräche mit der modern-orthodoxen Gemeinde Tiferet Israel Zürich (tachles berichtete). Es gebe noch viele offene Fragen, die durch eine gemischte Arbeitsgruppe behandelt werden sollen; die ICZ-Mitglieder würden zwischendurch informiert. Kultus und Ritus der ICZ würden nicht betroffen, aber der Vorstand wolle die moderne Orthodoxie stärken. Auch das sei die Aufgabe einer Einheitsgemeinde, umso mehr als die charedisch-jüdische Welt sich immer mehr spalte und abspalte und so den Kontakt erschwere. Eine Zusammenarbeit mit Tiferet sei gut für den religiösen Frieden und die Solidarität im jüdischen Zürich.

Keine Kommentare oder Fragen

Der Konkurs der Hadar AG (Restaurant Schalom) sei im Juni erfolgt und Anfang Juli publiziert worden. Der Ball liege nun beim Konkursrichter, der Mietvertrag mit der ICZ sei gekündigt. Nach den Ferien würde mit möglichen Pächtern verhandelt werden. Bollag zeigte sich zuversichtlich, bedauerte aber namens des Vorstands dieses Ende der Hadar AG. Es solle an diesem Abend jedoch keine Hadar-Debatte geführt werden. Anstoss an den schriftlichen Informationen des Vorstands über die Affäre nahm der bisherige Hadar-Verwaltungsrats- und frühere ICZ-Präsident Harry Berg, der in einem Votum und auch gegenüber tachles betonte, in sechs Sitzungen sei die ICZ stets offen über die finanziellen Probleme informiert worden. Mit seiner Weigerung, eine Summe zur Abwendung der Nachlassstundung zu zahlen, was die Israelitische Religionsgesellschaft (IRG) als zweite Aktionärin zugesichert habe, sei vom ICZ-Vorstand der Hadar AG «der Todesstoss versetzt» worden, sagte Berg. Hierzu gab es weder vom Vorstand noch von den 206 stimmberechtigten Anwesenden Kommentare oder Fragen.

Alfred Bloch, Quästor des früheren Vorstands, konnte auch seine letzte Jahresrechnung problemlos durchwinken. Damit erhielt der abgetretene Vorstand Décharge und Shella Kertész’ Dank. Der alte Projektierungskredit für den Umbau/Neubau des Gemeindehauses wurde abgerechnet, um einen Neubeginn zu gestatten.

Investitionen in die Zukunft

Paul Wyler als Präsident der Baukommission berichtete («mein erstes Votum in 40 Jahren Mitgliedschaft») präzis und wertungsfrei über die zeitraubende Suche nach nicht systematisch abgelegten oder gar unauffindbaren Unterlagen und divergierende Zahlen. Sogar ein neuer Standort wurde geprüft und wegen Mehrkosten verworfen. Sie wollten nun «kleinere Brötchen backen», sagte Wyler, und eine finanzierbare Variante vorschlagen. Die von den Behörden verlangten technischen Erneuerungen können nicht länger aufgeschoben werden. Einen Neubau des Saals, der mit sieben Millionen Franken zu Buche schlagen würde, kann sich die ICZ nicht leisten. Er bekommt nur neue Böden und Möbel; die zugemauerten Fenster könnten wieder eröffnet werden. Auch das Foyer erhält nur einen neuen Boden und muss auf eine Öffnung zugunsten der Bibliothek warten.

Investieren will die ICZ-Leitung stattdessen auch baulich in ihre Zukunft, die Kinder und Jugendlichen, ohne die älteren Generationen zu vernachlässigen. Um den veränderten gesellschaftlichen Tendenzen mit vielen Alleinerziehenden und doppelt berufstätigen Eltern, von denen schon Schulpräsident Gut gesprochen hatte, Rechnung zu tragen, soll in einem Jahr eine ganztägige Kinderbetreuung angeboten werden, auch in der Ferienzeit. Zudem soll die Situation der Jugendbünde gelöst werden, indem zum Beispiel der feuerpolizeilich geschlossene Keller wieder für den Hashomer Hatzair nutzbar gemacht wird. Der Betsaal für die Freitagabend-Gottesdienste im Gemeindehaus sei eine Schande und solle Abhilfe erfahren. Die Aula werde sanft renoviert, der Lift vergrössert. Für einen eventuellen Umbau und vor allem einen neuen Saal sollen Sponsoren gesucht werden, bisher war dies erfolglos.

Nach diesen präzisen Vorschlägen wurde ein Projektierungskredit von 100'000 Franken mit nur zwei Gegenstimmen angenommen. Um 21.15 Uhr war der Abend in Rekordzeit bereits zu Ende.

Gisela Blau