Editorial von Yves Kugelmann

April 18, 2008
Ein Seder für den Anfang, ein Seder gegen das Ende

Die Zehn Plagen. Blut. Frösche. Ungeziefer. Wilde Tiere. Pest. Aussatz. Hagel. Heuschrecken. Finsternis. Erschlagen aller Erstgeborenen. Biblische Plagen, wie sie uns die Haggada erzählt und an die beim Seder erinnert wird.

Im Zyklus des Brotes. Dass Getreide und Brot nie selbstverständlich waren, verinnerlichte die jüdische Tradition, indem sie beiden eine zentrale Bedeutung beimisst – besonders während Pessach. Der Kampf um Brot und Wasser ist lange nicht mehr so zentral gewesen wie in diesen Monaten. Während nur 47 Prozent des weltweiten Getreideanbaus für Nahrung verwendet werden, macht der weltgrösste Nahrungsmittelhersteller derzeit mit Wasser am meisten Umsatz und löst eine Debatte darüber aus, ob der Wert von Wasser erst durch den Kauf garantiert sei und ob der Mensch ein Recht auf Wasser haben soll.

Im Zyklus der Natur. Pessach markiert den Beginn der jüdischen Geschichte, einst auch des jüdischen Jahres und des Zyklus der Wallfahrtsfeste, die sich an der Natur, am Erntezyklus orientieren. Allerdings hat sich der Mensch längst über natürliche Zyklen gestellt. Die Meldungen der letzten Tage überschlagen sich: Der Weltfrieden sei durch Hunger gefährdet, warnte diese Woche Dominique Strauss-Kahn, Direktor des internationalen Währungsfonds. Kriege um Nahrung, Kriege um Wasser, Kriege um Ressourcen, wie einst in biblischen Zeiten, künden sich an. Wissenschaftler vermelden, dass der Meeresspiegel rasanter ansteigt als bisher angenommen. Der Weltlandwirtschaftsrat warnte vor vier Tagen, dass die industrielle Landwirtschaft durch den exzessiven Anbau ihre eigene Grundlagen zerstöre, und forderte eine Rückkehr zur traditionellen Landwirtschaft; gleichzeitig treibt die Industrie den Anbau in Treibhäusern voran. Die Natur wird künstlich, imitiert, unauthentisch, seelenlos, während die Auswirkungen auf Geist und Körper des Menschen noch kaum erforscht sind.

Im Zyklus des Menschen. Der Mensch hat sich an den Erbmaterialien von Menschen, Tieren und Pflanzen zu schaffen gemacht. Diese Woche entschied eine Schweizer Ethikkommission, dass der Verfassungsgrundsatz der Würde der Kreatur auch für Pflanzen gelten soll. Und auf einmal steht das Gebot von Pessach, die Geschichte des Auszugs aus Ägypten, in einem ganz neuen Kontext und wird zur Metapher nicht nur für die Rettung der Juden aus Ägypten sondern der Menschheit insgesamt vor sich selbst. Während der erste Seder an den Beginn der jüdischen Geschichte erinnert, müsste heutzutage weltweit – auch in Israel – der zweite Seder im Zeichen der globalen, selbstverschuldeten Bedrohungen stehen.

Die Zehn Plagen. Hunger. Durst. Überschwemmungen. Sturm. Seuchen. Heuschrecken. Kälte. Hitze. DNA-Mutationen. Selbstvernichtung der Menschheit. Dies sind die Plagen der Neuzeit.