EDITORIAL
«Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und war frei.» Was wäre, wenn Franz Biberkopf nochmals durch Berlin gehen würde? Was hätte sich für ihn geändert? Die Moderne, ja; die Geschichte, nein. Er wüsste nichts von Weltkrieg und Kaltem Krieg. Ja, der entlassene Gefängnisinsasse Franz Biberkopf würde wie einst wieder durch die Grossstadt irren. Die Strassenbahn ist immer noch da, die alte. Die U-Bahn ist immer noch da, mit den Gewölben, die soviel Geschichte unwiederbringlich in sich hineingefressen haben. 70 Jahre nach der Veröffentlichung von Alfred Döblins ebenso bedeutendem wie wunderbarem Grossstadtroman «Berlin Alexanderplatz» würde der Protagonist Biberkopf die Pflastersteine, welche heute an die 1961 erbaute Mauer erinnern, fraglos überqueren, an der wiederaufgebauten Synagoge der Oranienburgerstrasse merklos vorbeigehen, wie sonst auch. Den Reichstag seiner neuen Kuppel wegen vielleicht länger beäugen und dann rastlos weiterziehen, nicht merken, dass darin der Bundestag sitzt, weiter zu den Hinterhöfen in Berlin Mitte, vorbei am in Glas gehüllten Alexanderplatz, den einst lebensbedrohenden Passierpunkt Checkpoint Charlie überqueren, den er ebenso - weil unsichtbar - ahnungslos überschreiten würde, wie das einstige Niemandsland mit Hitlerbunker. Berlin hätte ihn wieder, den lieben alten Biberkopf, der dem Schicksal nicht entweichen kann, und er hätte Berlin wieder, 70 Jahre später. Und er wäre befallen von weltgeschichtlicher Amnesie. Das meiste wurde zerstört oder überbaut. Und «die Strafe» würde wieder beginnen, er würde wieder umherirren. Kann Geschichte Geschichte verdrängen? Für was steht heute der 9. November? Für den Münchner Putsch, für die Reichspogromnacht, für den Mauerfall? Die Steine, die wenigen Zeugen, sind stumm. Das Gedächtnis eines Volkes ist die Geschichte. Und die Geschichte ist die Identität. Mahnmal ja oder nein, wie und warum. Das ist egal. Die Geschichte lebt durch die Erinnerung, indem sie von Generation zu Generation weitergegeben wird. Deshalb ist das wichtigste Gebot von Pessach, nicht umsonst: die Vermittlung begründet Identität, die Tradition festigt sie. Ja, Geschichte kann Geschichte verdrängen, wenn wir es zulassen. Er kam von nirgendwo und ging nach irgendwo, der arme kleine Biberkopf, den wir nur kennen, weil Döblin die Geschichte überlieferte.