Dunkle Flecken auf Amerikas Holocaust-Weste
«Als wir diese Kommission bildeten, wussten wir, so glaube ich, dass wir einige dunkle Flecken auf unsrer eigenen Weste entdecken würden», erklärte Finanz-Unterstaatssekretär Stuart Eizenstat, der in Bezug auf die Rückerstattungsfrage von Holocaust-Wertsachen die Administration Clinton vertritt. Eizenstat, der Mitglied der Kommission ist, unterstreicht gleichzeitig, dass die Offenheit, mit der das Gremium sich der Sache in allen Details annahm, «ein starkes Signal» an ähnliche Kommissionen in anderen Staaten aussenden würde. «Das Schlimmste wäre», sagte Miles Lerman, Vorsitzender des US-Holocaust Memorial Council und ebenfalls Mitglied der Kommission, «diese Dinge zu vertuschen, nur weil es sich um amerikanische Angelegenheiten handelt. Je mehr Fenster man öffnet, umso mehr Luft lässt man rein, was gesund für den ganzen Prozess ist.» Letzte Woche gab die beratende US-Kommission für Holocaust-Wertsachen die Auffindung von Dokumenten bekannt, in denen festgehalten ist, wie eine US-Infanterietruppe am 16. Mai 1945 im österreichischen Werfen einen Zug in Besitz nahm, der voll war mit Gemälden, Teppichen, Gold, Uhren, Porzellan und anderen Wertgegenständen, welche die Nazis und ihre Kollaborateure ungarischen Juden abgenommen hatten.
Regierung unter der Lupe
Dieser Bericht über amerikanische Plünderungen kommt einige Jahre, nachdem die USA und jüdische Gruppen begonnen hatten, Druck auf Banken und Firmen in der Schweiz und anderen europäischen Staaten auszuüben, um sie zu veranlassen, für die den Juden Europas abgenommenen Wertsachen und die durch diese Menschen geleistete Zwangsarbeit Kompensationen zu entrichten. «Der provisorische Bericht», sagt Elan Steinberg, Exekutiv-Direktor des Jüdischen Weltkongresses (JWK), «stärkt jene Bemühungen, denn er unterstreicht, dass wir nicht davor zurückschrecken, auch unsere eigene Regierung unter die Lupe zu nehmen.» Der JWK ist sehr aktiv in die Aktivitäten involviert, die darauf abzielen, von den Nazis geplündertes Eigentum den rechtmässigen Besitzern oder deren Erben zurückzugeben. Internationales Gesetz und die politischen Richtlinien der USA fordern zwar die Rückgabe gestohlener Kunstwerke und Kulturgüter an die Regierungen der Länder, aus denen sie entwendet worden sind, doch US-Offizielle kamen laut dem nun von der Kommission veröffentlichten Bericht zum Schluss, Ursprung und Besitzverhältnisse der Wertsachen auf dem Zuge seien «nicht identifizierbar». Ungarisch-jüdische Persönlichkeiten hatten diese Schlussfolgerungen seinerzeit kritisiert und erklärt, würde man ihnen Zugang zum Inhalt des Zuges gewähren, könnten sie bei der Rückerstattung behilflich sein. Kurz nach der Publikation des Kommissionsberichtes liessen Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde Ungarns durchblicken, sie würden sich um eine Rückerstattung der geplünderten Güter an ihre rechtmässigen Eigentümer bemühen.
Viele der Wertsachen sind längst in New York versteigert worden, wobei die Erträge an Flüchtlingsorganisationen gingen. Zahlreiche Gegenstände wie Teppiche, Porzellan und Kristall zieren inzwischen aber, wie der Bericht erwähnt, die Wohnungen hochrangiger ehemaliger US-Generäle. Niemand weiss aber genau, wo diese Gegenstände sich befinden. Weniger wertvolle Objekte, wie Uhren, Schmuck und Kameras wurden in Läden der US-Armee verkauft, und anderes wiederum ist aus Militär-Warenhäusern gestohlen worden.
Forscher, die namens der Kommission Untersuchungen vorgenommen hatten, kamen sodann zum Schluss, dass 1181 Gemälde, die sich auf dem Zug befunden hatten, Österreich und nicht dem Ursprungsland Ungarn zurückgegeben worden sind, u.a. weil Washington misstrauisch gegenüber der Hinwendung Budapests zum Kommunismus war. Über den Standort dieser Kunstwerke ist derzeit nichts bekannt. Ernst Bacher, ein österreichischer Kulturbeamter, hat der Kommission gegenüber erklärt, ein Teil des Eigentums sei rückerstattet worden, doch machte er keine spezifischen Angaben. Das bestätigte Jonathan Petropoulos, Leiter des Forschungsteams der Kommission, das die Eigentumsverhältnisse von Kunst- und Kulturgegenständen untersucht.
Kein Hinweis auf Rückerstattung
Auf die Frage, ob die USA angesichts des Berichtes Rückerstattungen leisten würden, meinte Steinberg, die Rückgabe von Gemälden an Österreich anstatt Ungarn sei bedenklich. «Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie zurückgegeben worden sind», sagte er. Die letztes Jahr gegründete Kommission wurde mit der Ergründung des Schicksals von Wertsachen aus der Holocaust-Periode betreut, die unter die Kontrolle der USA gelangt waren. Die Kommission muss dem Präsidenten Empfehlungen für das weitere Vorgehen unterbreiten. Sie besitzt keine Kompetenzen, selber Rückerstattungen vorzunehmen.
Jta