Dunkel und Licht
«Diese Nation hat die Sohlen ihrer Füsse mit aller Macht auf dieses Stückchen Erde gesetzt; sie wird von hier nicht wegrücken», sagte der Dichter Chaim Nachman Bialik 1925 bei der Einweihung der Hebräischen Universität auf dem Jerusalemer Scopus-Berg. «Auch den 49 Toren der Unreinheit des verfluchten Exils ist es nicht gelungen, ihre Absichten zu ändern.»
84 Jahre später aber stellen wir traurig fest, dass die Jahre des Wurzelnschlagens in diesen wichtigsten Teilen von Jerusalem effektiv die Ansichten von einigen von uns verändert haben, die das Dunkel mit dem Licht verwechseln. Wir müssen deshalb einiges richtigstellen. 1967, als wir einen 2000 Jahre alten Traum verwirklichten und zu unserer heiligsten Stätte, zum historischen Jerusalem, zurückkehrten, befiel uns eine grosse Freude, keine Katastrophe.
Die 200 000 Juden, die der Staat Israel in jenen Teilen von Jerusalem ansiedelte, die auf der anderen Seite seiner früheren Grenze liegen, sind kein Hindernis für den Frieden, sondern ein Hindernis für die Teilung der Stadt. Und die Teilung ist eine Garantie für den Ausbruch von Chaos, und Frieden wäre dann für viele weitere Generationen verunmöglicht. Muslime stellen heute unser Recht auf die Stadt und unsere Vormachtstellung in Jerusalem in Frage und schreiben die Geschichte der Stadt neu. Sie verändern Ereignisse, ziehen im Kalender spätere Geschehnisse nach vorne und fordern die Entjudaisierung der Stadt. Wenn aber die Bemühungen Erfolg haben, Juden erneut in die Davidsstadt und Teile der Altstadt zu bringen und nicht nur ins jüdische Viertel, wird dies nicht nur die Teilung verhindern, sondern auch dazu führen, dass dem jüdischen Volk historische Gerechtigkeit widerfährt.
Unter israelischer Herrschaft ist der Tempelberg – die heiligste Stätte des jüdischen Volkes, aber nur der drittheiligste Ort der Muslime – zu einem Ort geworden, an dem jede jüdische Präsenz zu einem Problem wird. Eine solche Haltung ist nicht einfach nur antijüdisch (was besonders ungeheuerlich ist, gibt es doch auf der ganzen Welt keine Stätte, die «jüdischer» wäre), sondern sie verletzt vielmehr auch den Geist des Gesetzes, welches freien Zugang zu den heiligen Stätten garantiert.
Moshe Dayan, der Vater dieser Politik, las 1967 die Landkarte nicht richtig. Scheich Saad al-Din Alami, der frühere Mufti, erklärte kurz vor seinem Tod, dass er und seine Kollegen in der muslimischen Welt, deren Reaktion Dayan so sehr fürchtete, eigentlich mit einem Abkommen wie jenem für das Patriarchengrab von Hebron gerechnet hatten. Psychologisch waren sie bereit, auch Juden eine Stätte für das Gebet auf dem Tempelberg zuzugestehen.
Inzwischen kann der Status quo nur schwer geändert werden, doch sollte man wenigstens an dem Wenigen festhalten, das den Juden auf dem Berg gelassen wurde – das Besuchsrecht.
Israel begeht sowohl einen moralischen als auch einen taktischen Fehler, wenn es die arabische Bevölkerung von Ostjerusalem diskriminiert, was Infrastruktur und Dienstleistungen betrifft. Das schafft unzulässige Klüfte zwischen der jüdischen und der arabischen Bevölkerung der Stadt. Man kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen, indem man einerseits die Souveränität über ganz Jerusalem beansprucht und andererseits einen beachtlichen Teil der Bevölkerung wie mühsamen Ballast behandelt. Im Gespräch mit Leuten aus Ostjerusalem zeigt es sich, dass für viele von ihnen die Aussicht, irgendwann der Palästinensischen Autonomiebehörde zu unterstehen, ein Albtraum ist.
Der Trennzaun zur Westbank, die augenfälligste Veränderung, die Jerusalem in den letzten Jahren durchgemacht hat, verbessert die Sicherheit auf kurze Sicht, richtet langfristig aber grossen Schaden an. Er zieht die Mauer des Hasses und des Misstrauens noch weiter hinauf.
Die grösste Herausforderung, vor welcher der Staat Israel und die Jerusalemer Stadtverwaltung heute stehen, liegt darin, den riesigen Exodus aus der Stadt zu verhindern. Rund 17 000 Juden ziehen jedes Jahr weg, weil die Liegenschaftspreise in Jerusalem in die Höhe geschnellt sind und es praktisch keine Arbeitsplätze gibt. Die Lösung schliesst daher verschiedene Elemente ein: den sofortigen Bau einer grossen Zahl von Wohnungen in der Stadt sowie die Gewährung von Anleihen und billigem Land an Unternehmer, wenn in Jerusalem in absehbarer Zeit neue Arbeitsplätze geschaffen werden sollen. Schliesslich sollte man den wachsenden Trend ausnutzen, dass immer mehr ultraorthodoxe Juden auf den Arbeitsmarkt der Stadt drängen.
Nadav Shragai ist Redaktor bei «Haaretz».