Düstere Zahlen
16 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer bekennen sich zu persönlichem Antisemitismus. Das sind, wie die Organisation David, das Zürcher Zentrum gegen Antisemitismus und Verleumdung, sagt, «mehr als eine Million Männer und Frauen, an welchen Erfahrung und Geschichte des ver-gangenen Jahrhunderts offensichtlich spurlos vorbeigegangen sind». David-Geschäftsführer Frank Lübke zählt demnach in der Schweiz «rund 50 mal mehr erklärte Antisemiten als Juden» (18 000, eine Zahl, die nur wenige Befragte kennen). Gar 60 Prozent, deutlich mehr als die Hälfte aller eidgenössischen Demokratinnen und Demokraten, geben ihre latent antisemitischen Tendenzen zu. Die im Auftrag der Cicad (Coordination Intercommunautaire contre l\'Antisémitisme et la Diffamation), der älteren Schwesterorganisation von David in Genf, und des American Jewish Comittee im Januar 2000 bei 1210 Schweizer Staatsangehörigen durchgeführte Untersuchung des bekannten GfS-Forschungsinstituts zeigt in der Analyse nach parteipolitischer Einstellung, dass 18 Prozent der FDP- und CVP-Wähler antisemitisch eingestellt sind, immerhin 11 Prozent der SP-Wähler, aber 33 Prozent der SVP-Anhänger. 46 Prozent der Befragten sehen keinen Grund, dass sich die Schweiz für ihre Haltung gegenüber den Juden im Zweiten Weltkrieg entschuldigen müsse. 43 Prozent finden, die Schweiz habe genügend jüdische Flüchtlinge aufgenommen, 37 Prozent sagten «zu wenig» und 4 Prozent «zu viele». 61 Prozent finden es richtig, dass die Erben die nachrichtenlosen Vermögen erhalten, 65 Prozent denken, dass die Regierung sich richtig verhielt, um die Schweiz durch die NS-Zeit zu steuern. 42 meinen, die Schweiz habe den Nazis Widerstand geleistet, 27 fanden, sie habe sympathisiert, 26 nannten sie feige und 15 Prozent sagten, sie habe kollaboriert. Eine deutliche Mehrheit von 57 Prozent hat den Bergier-Bericht wohlwollend aufgenommen und betrachtet ihn als inhaltlich korrekt. Vor allem die Jungen tragen weniger antisemitische Klischees mit sich herum («nur» 8 Prozent nennen sich antisemitisch) und befürworten mit 83 Prozent (69 Prozent Ältere) klar das Antirassismus-Gesetz. Nur die Wähler der SVP sind mehrheitlich dagegen. Das Wissen um Schoa und Holocaust ist 84 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizern wichtig. 72 Prozent meinen, dass die Erinnerung daran wach gehalten werden müsse, und vier von fünf sind der Ansicht, dieses Wissen müsse in der Schule gelehrt werden. Die Kenntnisse hinken hinter andern Ländern her. Cicac und David vertraten an der Präsentation der Umfrage am Mittwoch in Bern die Ansicht, «dass der Kampf gegen den Antisemitismus Hand in Hand mit Information und Erziehung gehen» müsse. Der SIG will die «kontrastierenden Resultate noch genauer analysieren», sagte SIG-Präsident Rolf Bloch zur JR. Hoffnungsvoll stimmt ihn die Haltung der Jungen. Er erinnert daran, dass der SIG schon vor geraumer Zeit den Bundesrat zu geeigneten, auch erzieherischen Massnahmen im Kampf gegen den Antisemitismus in der Schweiz aufgefordert hat.