Druck von innen und von aussen
Die typische jüdische Kleingemeinde in Nordeuropa steckt in einem Dilemma. Trotz ihrer Identifizierung mit Israel und ihrer Überzeugung, dass der Staat das Recht hat, seine Bürger vor lebensbedrohenden Bombardierungen zu schützen, sind viele europäische Juden nicht in der Lage, die Beschiessung von Schulen und dichtbevölkerten urbanen Gegenden im Gazastreifen mit dem Argument der Selbstverteidigung zu rechtfertigen. Die Unschuld von Kindern ist universal, und zusammen mit dem Rest der Menschheit teilen wir die Verantwortung für die Kinder der Welt.
Die Solidaritätskundgebungen für Israel, die wir in Europa und Nordamerika verfolgen, sind verständlich, ist Israel doch einmal mehr isoliert, falsch repräsentiert und sogar verachtet. Einige der Argumente aber, die angesichts des Blutvergiessens und des Gemetzels vorgebracht werden, sind oft schwach.
Gleichzeitig sind die jüdischen Gemeinden in meiner Heimatstadt und anderswo in der europäischen Diaspora zu verwundbaren Zielen antiisraelischer Demonstrationen geworden, die zusehends gewalttätig und aggressiv werden. Das Ausmass des Hasses gegen Israel und gegen die pure Existenz eines jüdischen Staates im Nahen Osten werden die jüdischen Gemeinden in Europa auch dann noch zu spüren bekommen, wenn Israel seine Truppen längstens aus dem Gazastreifen abgezogen hat.
Lokale Sympathisanten der Hamas werden in Skandinavien von Tag zu Tag stärker. Bekannte liberale und moderne Muslime identifizieren sich mit einem Mal als Radikale. Mohamed Omar, ein Poet und Intellektueller, der sich bisher gegen fundamentalistische Zellen in Schweden ausgesprochen hat, verkündete kürzlich, dass er jetzt die Hamas, die Hizbollah und Iran unterstütze – genau jene fundamentalistischen Kreise, von denen er sich bisher distanziert hatte und die er als Feinde der Moderne brandmarkte.
Wenn die Demonstranten, die sich jeden Samstagnachmittag in der Nähe unserer Synagoge versammeln, ihren Marsch durch das Stadtzentrum beginnen, fordern wir unsere Mitglieder und Besucher auf, sich von ihrer Route fernzuhalten. Das sagen wir zu Menschen, die als Holocaust-Überlebende nach Schweden gekommen sind, oder 1956, 1968 und in den achtziger Jahren als Flüchtlinge aus Ungarn, Polen und aus der Sowjetunion. Für sie sind die Feindseligkeiten und noch Schlimmeres eine Wiederholung dessen, was sie früher in ihrem Leben durchgemacht haben – Isolierung und Entmenschlichung als Juden, die Brandmarkung von Juden als schlechtes Volk, das menschlicher Sympathie nicht würdig ist.
Dann gibt es die Gruppe, die glaubt, Schweden sei der falsche Wohnort für einen Juden, vor allem in Zeiten wie den heutigen. Sie fühlen sich von Israel angezogen, leisten Freiwilligenarbeit für den Magen David Adom in Sderot oder kümmern sich einfach um dort lebende Familienmitglieder, die sie ihrer Meinung nach bis zu einem gewissen Grad vernachlässigt haben. Sie fordern die jüdische Gemeinde auf, Israel klarer zu unterstützen, wobei sie offenbar immun sind für das Dilemma zwischen der Loyalität zu Israel und den moralischen Instinkten, die sich bei jedem regen, der die Bilder von sterbenden Kindern sieht, die eilends ins Krankenhaus gebracht werden.
Und dann gibt es eine dritte Gruppe, die sich im selben Gemeinderaum zu uns gesellt, in dem wir uns nach dem Schabbat-Gottesdienst zum Kiddusch versammeln. Für sie ist Schweden ein Land, in dem die Polizei uns beschützen wird, wo gewalttätige Proteste und Schreiereien von Anti-Israel-Demonstranten in den Strassen weder Sympathie noch Verständnis bei den schwedischen Bürgern auslösen werden, mit denen sie seit Generationen zusammenleben.
Diese schwedischen Juden sind der Ansicht, die Gemeinde sollte Israel gegenüber loyal bleiben, sich gleichzeitig aber lautstarker öffentlicher Äusserungen solcher Art enthalten, da dies nicht in unserem Interesse sei. Für einige sind die Angehörigen dieser Gruppe nichts anderes als Feiglinge. Ihre Kritik läuft auf den Unwillen hinaus, die simplifizierte und einseitige Version der Menschenrechte in Frage zu stellen, die das schwedische politische Establishment vertritt.
Trotz ihrer bescheidenen Grösse – wir haben weniger als 20 000 Mitglieder – ist die heutige jüdische Gemeinde in Schweden ein Mosaik von Menschen aus verschiedenen Ländern und mit verschiedenen Abstammungen. Es ist nicht leicht, zu einem Konsens in der Frage zu gelangen, wie wir uns der schwedischen Öffentlichkeit und Regierung präsentieren sollen.
Zur gleichen Zeit, da wir selber versuchen, uns über unsere eigenen Positionen klarzuwerden, sind wir uns auch der Tatsache bewusst, dass wir einen Pfad zu wählen haben, der nicht jene Gruppen zu Feindseligkeit und Gewalt provoziert, welche die traditionell gewaltlose politische Kultur von Schweden nicht teilen. Das Recht auf Redefreiheit mag auf unserer Seite sein, doch dämmt es die Bedrohung unseres Sicherheitsgefühls als schwedische Juden nicht ein, sollte der Gebrauch dieses Rechts zu Gewaltverbrechen gegen unsere Minderheit inspirieren.
Wenn wir uns Bilder von unseren brennenden Synagogen vorstellen – etwas, das unlängst beinahe in einer südschwedischen Kleinstadt zur Tatsache geworden wäre –, scheint die Zukunft selber in Flammen aufzugehen. Wir blicken auf unsere Kinder und fragen uns, ob sie dieses Land weiter als ihre Heimat werden betrachten können, etwas, was für uns selbstverständlich war. Auf der Suche nach einer Zuflucht werden wir uns vielleicht in Richtung Israel wenden, würden es aber dennoch als Niederlage empfinden, das Land zu verlassen, dem wir nun seit Generationen angehört haben.
Es gibt Menschen, die in der Nacht aus Angst vor einer Wiederholung des Holocaust nicht schlafen können, und dann gibt es jene, die aus Angst vor Brandstiftern in der Nacht vor den Gemeindezentren Wache schieben. Die jüdische Gemeinde steht von innen und von aussen unter Druck.
Anders Carlberg ist Präsident der jüdischen Gemeinde im schwedischen Göteborg.