Drei Karrieren auf zwei Kontinenten

Von Michael S. Kogan, October 7, 2011

Als «übles Genie der Südstaaten» denunziert, diente Judah Philip Benjamin den Konföderierten auf drei Ministerposten. Seine Kindheit verbrachte der brillante Advokat in Charleston.
JUDAH BENJAMIN Das Bild von 1856 zeigt Benjamins «Sphinx-Lächeln», das persönliche Sorgen und antisemitische Attacken überspielt hat

Judah Philip Benjamin wurde 1811 in eine sephardische Familie auf der britischen Karibikinsel St. Croix geboren. Nach dem Umzug der Familie nach Charleston 1821 wurde er Amerikaner. Benjamin wuchs als eines von acht Kindern arm auf. Sein Vater betrieb einen kleinen Obsthandel an der King Street, unterstützte aber auch die Gründung der Reformbewegung in Beth Elohim. Judah wurde als eines der ersten Kinder von der neuen «Reformierten Gesellschaft der Israeliten» konfirmiert. Dies stellt seinen letzten Kontakt mit der organisierten jüdischen Gemeinschaft dar. Benjamin Senior wurde aufgrund seiner Weigerung, das Geschäft am Schabbat zu schliessen, von Beth Elohim ausgeschlossen. Dies dürfte Judahs Haltung dem Gemeindeleben gegenüber nachhaltig getrübt haben.
Judah ging bereits als 14-Jähriger an die Yale University – ein Indiz für seinen brillanten Geist. Nach drei Jahren in Neuengland zog er nach New Orleans, die Metropole des amerikanischen Südens, um Französisch und die Juristerei zu studieren. 1832 als Anwalt zugelassen, stieg er innert kürzester Zeit zum führenden Geschäftsanwalt in Louisiana auf und zeigte sich vor Gericht als überragender Advokat. So wurde er bald auch beim amerikanischen Verfassungsgericht als Anwalt zugelassen. 1833, immer noch erst 21 Jahre alt, heiratete er eine kreolische Schönheit aus einer der führenden katholischen Familien von New Orleans. Die Ehe war jedoch unglücklich. Seine Frau Natalie war ihm nicht treu und zog 1845 mit ihrer einzigen Tochter Ninette nach Paris. Benjamin unterstützte seine Familie, sah aber Frau und Tochter erst viele Jahre später wieder.
In der Öffentlichkeit war Benjamin dagegen ungleich erfolgreicher. Er wurde 1842 als Abgeordneter in den Kongress von Louisiana gewählt, wirkte dort an der Überarbeitung der Verfassung mit und wurde 1853 das erste offen jüdische Mitglied des US-Senats in Washington. Viele seiner engsten Freunde waren jüdisch, und Benjamin hielt nie mit seinem Glauben an den Gott Israels und die Unsterblichkeit der Seele zurück. Er stritt seine jüdische Identität später nie ab, aber pflegte als Erwachsener keinen Kontakt zu Synagogen mehr. Benjamin sass bis zum Beginn des Bürgerkrieges 1861 im Senat. Präsident Millard Fillmore wollte ihn 1852 für das Verfassungsgericht nominieren. Aber Benjamin lehnte diese hohe Ehre nicht nur damals, sondern auch wenige Jahre später ein zweites Mal ab. Er zog die raue Welt des Senats dem ruhigen Leben eines Verfassungsrichters vor.

Weg von alten Prinzipien
Als Besitzer einer Zuckerplantage beutete Benjamin 100 Sklaven aus. Er betrachtete die Sklaverei zwar als Verstoss gegen das Naturgesetz, aber als ein für die wirtschaftliche Entwicklung des Südens notwendiges Übel. Zudem war er davon überzeugt, dass die Schwarzen unkontrolliert nicht in der Lage sein würden, in der Gesellschaft zurecht zu kommen. Seine Sklaven sprachen nach dem Bürgerkrieg freundlich über die gute Behandlung, die ihr alter Herr ihnen hatte zukommen lassen. Benjamin hatte am Ende des Bürgerkrieges auch vorgeschlagen, alle zum Eintritt in die konföderierte Armee befreiten Sklaven frei zu lassen. Angesichts der dringenden Notwendigkeit, neue Truppen zu rekrutieren, war Benjamin bereit, seine früheren Prinzipien den Realitäten zu opfern. Diese Flexibilität hob ihn von der dogmatischen Mehrheit der Südstaaten-Politiker ab. Während seiner Zeit im Senat wirkte Benjamin weiter als Anwalt und plädierte auch vor dem Verfassungsgericht. Dies mehrte seinen Ruf als einer der besten Juristen des Landes. Auch vor dem Senat überzeugte er als Orator. Sein eloquenter Witz, sein Charme und seine unerschütterlich gute Laune machten ihn überdies zu einem Liebling der Washingtoner Gesellschaft.
Benjamin spielte keine führende Rolle in der Sezession der Südstaaten. Aber nach der Wahl Abraham Lincolns wurde er im Februar 1861 er zum Justizminister der «Konföderierten Staaten von Amerika» ernannt. Der eng mit ihm befreundete Jefferson Davis, der bis anhin Mississippi im Senat vertreten hatte, wurde Präsident. Benjamin verdankte die Berufung seinem Genie als Jurist und seiner unerschöpflichen Kenntnis des amerikanischen und internationalen Rechts. Er war zweifellos das herausragendste Mitglied des Südstaaten-Kabinetts.

Leuchte des Kabinetts

Während des Krieges leitete Benjamin insgesamt drei Ressorts und diente Davis als enger und wertvoller Berater. Dies brachte ihm unter Antisemiten im Norden den Ruf des «üblen Genies der Konföderation» ein. Der neue Justizminister zeigte seine Weisheit bereits bei der ersten Kabinettsitzung. Dabei gab Kriegsminister Leroy Walker die dümmliche Erklärung ab, das zwischen Nord und Süd vergossene Blut würde sich mit seinem Taschentuch aufwischen lassen. Benjamin allein entgegnete, der bevorstehende Kampf um die Freiheit würde den Süden an Blut und Geld teuer zu stehen kommen. 
Davis bestellte ihn bald zum Nachfolger Walkers. Dies sollte sich jedoch als unklug herausstellen. Benjamin hatte keinerlei Erfahrung in der Kriegsführung. Obwohl er mit Oberkommandeur Robert E. Lee ein gutes Verhältnis entwickelte, ernannte ihn Davis bereits nach sechs Monaten zum Aussenminister und damit zum Chef des wichtigsten Ressorts.
In diesem Amt holte Benjamin das Menschenmögliche aus den aussichtslosen Bedingungen des Südens heraus. Er bemühte sich besonders um die Durchsetzung der diplomatischen Anerkennung des Südens durch die Regierungen Englands und Frankreichs. Dazu benützte er jedes nur denkbare Mittel einschliesslich der Bestechung. Im Revolutionskrieg hatten die USA ihre Unabhängigkeit nur mit französischer Hilfe erreicht. Die Konföderierten befanden sich in einer vergleichbaren Lage, da sie sich gegen den Norden nur durch eine französische und/oder britische Intervention hätten durchsetzen können. Dies würde den Bruch der Nordstaaten-Blockade und überlebensnotwendige Waffenlieferungen in den belagerten Süden ermöglicht haben. England hätte die Aufspaltung seiner ehemaligen Kolonie begrüsst. Aber ihr verstorbener Gemahl Albert hatte der Königin seine unerschütterliche Ablehnung der Sklaverei gestanden, und Victoria blieb ihm in schier abgöttischer Ergebung verpflichtet. Zudem lehnte auch die britische Arbeiterschaft die Unterstützung eines auf Sklaverei gegründeten Staates ab.
Derweil machte die aristokratische Elite in der Regierung die Unterstützung des Empire trotz ihrer Sympathie für den Süden von konföderierten Siegen auf dem Schlachtfeld abhängig. Daher hielt Grossbritannien mit einer Entscheidung zurück, und ohne diese verweigerte auch der französische Kaiser Napoleon III. eine Intervention. So hatte Benjamin eine unmögliche Aufgabe übernommen. Dennoch blieb er der wichtigste Berater von Jefferson Davis. Seine positive Haltung, nie weichender Humor und seine beruhigende Präsenz waren für den nervösen und überspannten Präsidenten unersetzlich. Und obwohl ihm eine Intervention verwehrt blieb konnte Benjamin den grössten Auslandskredit für die Südstaaten aushandeln. Dabei waren ihm seine internationalen Verbindungen auch zu jüdischen Finanziers und seine fliessenden Französischkenntnisse hilfreich. So arrangierte er persönlich einen Kredit über 2,5 Millionen Dollar mit Baron Emile Erlanger, dem führenden Bankier Frankreichs. Diese dringend notwendige Infusion hielt die Südstaaten eine Zeitlang über Wasser. Benjamin dirigierte zudem über Agenten in Washington und Kanada Propaganda- und Geheimdienstoperationen gegen den Norden.
Als sich der Sieg des Nordens abzeichnete, der über unerschöpfliche Mannschaftsreserven zu verfügen schien, legte Benjamin die Verzweiflungsidee vor, Sklaven die Freiheit zu geben, sofern diese die graue Uniform des Südens anlegen würden. Präsident Davis und der Oberbefehlshaber Lee stimmten dem Vorhaben zu. Immerhin verfügte der Süden über 680000 potentiell mobilisierbare Schwarze. Der konföderierte Kongress hingegen wollte sich nicht auf dieses brillante Manöver einlassen, das auf eine Emanzipation der Sklaven unter dem Vorwand militärischer Notwendigkeiten hinausgelaufen wäre. Doch damit hatte der Süden seine letzte Hoffnung auf den Erhalt der Unabhängigkeit verloren.
Im April 1865 waren Davis und sein Kabinett zur Flucht aus Richmond gezwungen. Benjamin schloss sich dem Präsidenten an. Angesichts der zunehmend bösartigen, antisemitischen Angriffe auf ihn in der nördlichen Presse machte er sich keine Illusionen über das Schicksal, das ihn bei einer Gefangennahme erwartet hätte. Im Norden wurde Benjamin auch Mitwirkung an der Ermordung Abraham Lincolns nach Kriegsende vorgeworfen. Er schwor daher, sich nicht lebendigen Leibes fassen zu lassen und trennte sich kurz vor dessen Ergreifung von Davis. Über Florida und Kuba gelang ihm unter extremsten Gefahren schliesslich die Flucht nach England. Dort völlig mittellos angekommen, konnte er sich nur auf seinen Verstand verlassen. Benjamin studierte britisches Recht und konnte sich rasch erneut als führender Anwalt im Handelsrecht etablieren. Er verfasste mit «Benjamin on Sales» ein wuchtiges Rechtshandbuch, das immer noch in Gebrauch ist. 
Als Benjamin mit 72 in den Ruhestand eintrat, ehrten ihn Regierung und Anwaltsverband als einen der grössten Advokaten des Landes. Er zog nach Paris um, wo er wieder Kontakt mit seiner Frau und seiner Tochter aufnahm. Als er dort 1884 starb, hatte er drei herausragende Karrieren absolviert: Senator, Chef von drei Kabinett-Ressorts und führender Anwalt auf zwei Kontinenten. Es sollte ein ganzes Jahrhundert vergehen, ehe sein Status als bedeutendste und einflussreichste jüdische Figur des öffentlichen Lebens in den USA angefochten wurde: Dieser Moment kam mit dem Aufstieg von Henry Kissinger zum zweiten jüdischen Aussenminister Amerikas.    ●


Michael S. Kogan ist Professor am Seminar für Philosophie und Religion an der Montclair State University in New Jersey. Seine Sommer verbringt er seit vielen Jahren in Charleston.