Dokumente vom Flohmarkt

von Ruth E. Gruber, October 9, 2008
Dokumente, die kürzlich auf einem Flohmarkt in Rom entdeckt worden sind, sollen beweisen, dass der während des 2. Weltkriegs amtierende Papst Pius XII regelmässig Informationen über die Grausamkeiten der Nazis erhalten hat und über die Judenvernichtungs-Pläne im Bilde gewesen sein soll.
Der Vatikan und die Vergangenheit: Ein zufälliger Fund wirft ein neues Licht auf PapstPius XII. Haltung zum Judenmord im Zweiten Weltkrieg. - Foto Keystone

Funde auf einem Römer Flohmarkt, die darauf hinweisen sollen, dass Papst Pius XII über die Vernichtung der Juden durch die Nazis regelmässige Informationen erhalten haben soll, könnte die Diskussion zu diesem Thema und zur Frage, ob Pius XII nicht mehr Juden hätte retten können, weiter anheizen. Der Vatikan, inklusive Papst Johannes Paul II, verteidigt Pius, und der Prozess zu seiner Seligsprechung ist im Gange. Das Thema hinsichtlich des Wissenstandes von Pius XII geriet wieder in die Schlagzeilen, nachdem FabrizioCoisson, ein Reporter für das italienische Magazin «Panorama», auf einem Flohmarkt vier Ordner voll mit Zusammenfassungen alliierter Radiosendungen aus dem Kriege gefunden hatte. Die Zusammenfassungen waren von Sir Francis D`Arcy Godolphin Osborne angefertigt worden, der im Krieg Grossbritanniens Botschafter im Vatikan gewesen war. In einer handschriftlichen Notiz hiess es, es handle sich um Kopien von Transkriptionen der Sendungen der BBC, die alle zwei Tage dem Papst zugestellt worden sind. Osborne begann mit seinen Dokumentationen im September 1940, drei Monate nachdem er, zusammen mit anderen Botschaftern, nach dem Eintritt Italiens in den Krieg an der Seite von Nazi-Deutschland, hinter den Mauern des Vatikans Zuflucht gesucht hatte.

Eindeutige Hinweise

Laut Coisson enthalten die Dokumente zahlreich direkte Hinweise auf die Nazi-Deportationen, Massenhinrichtungen und andere Verfolgungsarten der Juden. In einem Dokument vom Oktober 1940 konnte man lesen, die Deutschen würden «aktiv den Antisemitismus in Ungarn, Rumänien und Bulgarien fördern».

Detaillierte Informationen

1942 hatte Pius XII bekanntlich generell die Verfolgungen verurteilt, ohne aber konkret auf das Schicksal der Juden Bezug zu nehmen oder die Nazis spezifisch zu erwähnen. Im Januar 1943 schrieb Osborne: «In der Slowakei sind 77 Prozent der jüdischen Bevölkerung an einen unbekannten Ort deportiert worden, was vermutlich ihren Tod bedeutet». Zwei Wochen später schrieb er, die Zahl der Juden im Warschauer Ghetto sei dramatisch von 400 000 auf knapp 35 000 reduziert worden. Das Manuskript gibt auch detaillierte Informationen über die Grausamkeiten der Nazis im Namen des «Mythos der Herrenrasse», wie den Einsatz von Giftgas gegen Behinderte. Laut Coisson zeigte Osborne ein hohes Grad an Ungläubigkeit diesen Nachrichten gegenüber. «Er fürchtete beinahe», schreibt der Journalist, «dass solche Nachrichten ohne Beweise das Ergebnis einer propagandistischen Übertreibung sein könnten». Osborne lebte bis zu seinem Tode 1964 in Rom, doch ist bisher nicht bekannt, wie die Dokumente den Weg auf den Flohmarkt Porta Portese gefunden haben.

JTA